Beisammen

Die Schulen sind seit heute wieder geöffnet, die ersten Coronafrisuren haben sich bereits verflüchtigt, der gestrige Muttertag konnte mit dem obligaten Blumenstrauss aus dem wieder geöffneten Blumenladen begangen werden. Es ist offensichtlich: Wir befinden uns in einer neuen Phase der Corona-Pandemie. Weitere Lockerungen stehen bevor. Wenn alles gut geht, kehrt nun nach und nach vieles von dem zurück, was wir seit Mitte März vermisst haben.

Ich nehme diesen Entwicklungsschritt zum Anlass, das Projekt «Beisammen.ch» heute zu beenden.

Das Ziel des Blogs war es, die Isolation behelfsmässig zu überbrücken und anhand von Erfahrungsberichten von unterschiedlichsten Menschen aus der Region Kelleramt aufzuzeigen, dass wir nicht alleine sind in dieser Krise, dass es anderen ähnlich – oder ganz anders – geht und dass wir einander immer noch nahe sind, auch wenn wir physisch Abstand halten müssen. Dieses Ziel wurde mehr als erreicht.

Ich freue mich über das grosse Echo, das der Blog ausgelöst hat, und dass aus der spontanen Idee also etwas Sicht- und Fühlbares werden konnte: In den letzten 43 Tagen durften wir auf dieser Seite 50 Beiträge von 46 Personen (oder «Autoren-Kollektiven») veröffentlichen! 46 Menschen aus allen sechs Kellerämter Dörfern also haben die Türen zu ihren ganz persönlichen «Corona-Daheims» – zu ihren Corona-Erfahrungen und ihren Corona-Gedanken – sperrangelweit geöffnet und haben so mehrere hundert Besucher*innen an ihrem speziellen Alltag, ihren Beobachtungen, ihren Gefühlen teilhaben lassen. 46 Menschen haben uns Denkanstösse gegeben. Die Distanzen verringert. Uns Abwechslung geschenkt. Ja: Das waren wirklich Geschenke – jedes Mal!

Für diese Geschenke danke ich unseren Autor*innen von Herzen. Merci für eure ungeschminkte Ehrlichkeit, euren Mut, eure Kreativität, eure Zeit – und merci auch für die vielen berührenden Geschichten hinter den Geschichten, für euer Vertrauen: Manches Mal waren eure Begleitmails und der Austausch, der sich daraus ergab, (zurecht und auf berührende Weise) länger als die angehängten Blogtexte. Merci, Franziska Brunner, für das liebevolle Lektorieren der Berichte, das den «Groove» der einzelnen Texte immer unangetastet liess. Und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, merci für Ihr Interesse!

Ja: Wenn alles gut geht, kehrt nun also nach und nach und vorsichtig vortastend vieles von dem zurück, was uns in den letzten Wochen so gefehlt hat. Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei und daran. Ich wünsche Ihnen aber auch einen langen Atem. Die Gefahr bleibt, wahrscheinlich, für viele Monate. Neben dem Ungewissen bleibt aber hoffentlich auch dies: Dass wir miterleben und erfahren durften, was gelebte Solidarität, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl bedeuten. Wie wir fähig sind, in Krisensituationen über uns hinauszuwachsen. Wie viele helfende Hände da sind, wenn man nach ihnen greifen muss. Und hoffentlich bleibt auch das Wissen darum, dass wir alles schaffen können, wenn wir Sorge tragen zueinander und füreinander da sind.

Schauen Sie weiterhin gut zu sich, schauen Sie gut zueinander – bleiben Sie gesund.
Und: Bleiben wir «beisammen»!

Reto Studer, Pfarrer

Gefahr im Altersheim

Den Anfang des «Lockdown» fand ich eigentlich ganz entspannt. Als Masterstudent im letzten Jahr bin ich mir Home Office bis zu einem gewissen Grad gewohnt. Nach einem Monat wurde aber auch ich immer ungeduldiger; ich denke, das war bei den meisten so. Mit zwei, drei Freunden hatte ich mich auch in der Corona-Zeit ab und zu getroffen, ansonsten war ich mit meinem Vater zusammen im Home Office. Nach ein paar Wochen hatten wir einen festen Alltag, der immer etwa gleich aussah. Dann, gegen Ende April, wurde es spannend: Ich wurde in den Zivilschutz eingezogen. Bis jetzt hatte ich zwei Einsätze in zwei verschiedenen Altersheimen. Von dort ein paar Gedanken und Beobachtungen: 

Die Liebsten nicht sehen und viel zuhause zu sein, dies machte in der letzten Zeit vielen Menschen zu schaffen. Aber wie geht es wohl Angehörigen oder Menschen, die nicht wissen, OB sie ihre Freunde und Verwandten überhaupt nochmals sehen? Als in den Altersheimen die Besuche ab Anfang Mai wieder erlaubt wurden, hörte ich dies doch einige Male. Die Besucher*innen freuten sich sehr ihre Partner, Eltern oder Grosseltern wieder besuchen zu dürfen. Sie freuten sich, dass der Virus nicht ausgebrochen war. Die Angst, dass der oder die Angehörige stirbt, war bei vielen Besuchern real. Im Nachhinein ist in den Altersheimen oft alles glimpflich verlaufen bis jetzt, aber die Gefahr ist natürlich noch lange nicht überstanden! Die Besucher*innen verstehen aus meiner Erfahrung zu 95 % die Schutzmassnahmen und sind damit einverstanden (keine Besuche, jetzt nur wenige Besuche unter strengen Auflagen). Mit sinkenden Fallzahlen schwindet dieses Verständnis aber langsam und stetig. Am letzten Wochenende gab es Besucher*innen, die sich über Masken oder sonstige Extras wegen Corona lustig machten. Nicht böse oder mit Nachdruck, aber sie hätten wohl die Schutzmaske nicht angezogen, wenn sie nicht von uns Zivilschützern «gezwungen» worden wären. Viele stellten auch die Schutzkonzepte des Altersheims in Frage, weil sie eine Schwachstelle ausfindig gemacht hatten. «Dann bringt’s ja auch nicht viel, wenn ich die Maske trage, und sowieso ich bin gesund.» Dazu drei persönliche Gedanken:

  1. Jedes Schutzkonzept hat Mängel, menschliche «Dinge» sind eigentlich nie perfekt. Aber das müssen sie auch nicht sein. Es reicht, wenn etwas so gut wie möglich ist.
  2. Wenn man persönlich so denkt, ist das irgendwie okay. Man ist schliesslich für sich selber verantwortlich und falls man an Corona erkrankt und noch unter 70 Jahren ist, hat man ja ganz gute Überlebenschancen in der Schweiz. Aber in einem Altersheim ist es eben schon etwas anders.
  3. Das Altersheim trägt Verantwortung, genau wie die Bewohnerinnen und Bewohner selbst auch; die Verantwortung ist geteilt. Zudem ist der Einsatz in einer solchen Institution um ein Vielfaches höher. Bei einem Gespräch mit einem Heimleiter habe ich erfahren, dass  in einem Altersheim im Zürcher Oberland von 18 Infizierten neun gestorben sind. Ich habe das nicht nachrecherchiert, aber ich glaube ihm. Hört man solche Beispiele, versteht man gut, dass die Heime in Bezug auf Besucher sehr vorsichtig sind.

Übrigens: In den Altersheimen, in denen ich war, wurden die Bewohner*innen sehr gut betreut und überhaupt nicht «eingesperrt». Lediglich der fehlende Besuch von aussen während mehrerer Wochen machte ihnen zu schaffen.  Aber auf dem Gelände selbst war es für die Bewohner*innen relativ entspannt und sie haben auch toll mitgemacht. Immer wenn sie zurück ins Gebäude kamen, desinfizierten sie ihre Hände usw. Die meisten verstehen, was alles für ihre Sicherheit getan wird und wissen es auch auf eine Art zu schätzen. Aber klar, auch im Altersheim gibt es verschiedene Meinungen und es wird diskutiert. 

Die von mir unterstützten  Altersheime managen die Krise beide gut: Da wünscht man sich, dass das Verständnis für allfällige Umstände beim Besuch der Liebsten hoch bleibt und nicht langsam wegerodiert. 

Hannes Tobler, Betreuer im Zivilschutz, Unterlunkhofen

WAKINOTU

Vor unzähligen Jahren stand ein Ordner mit dem Titel WAKINOTU in den Gestellen des biz (Berufsinformationszentrum). WAKINOTU war die Abkürzung für «Was könnte ich noch tun?» Ein buntes Sammelsurium an beruflichen Weiterbildungsmöglichkeiten und Ideen für Nischentätigkeiten steckte in diesem fremdländisch klingenden Namen.

WAKINOTU und Corona. Was könnte ich noch tun in dieser Corona-Zeit? Diese Fragen stelle ich mir oft in diesen Tagen, die meist unspektakulär dahinplätschern. Es gibt im Haus und im Garten eine Menge zu tun. Doch woher nehme ich die Lust und den Elan dazu? Ich bewun­dere z.B. eine Nachbarin, der es auch jetzt nie langweilig ist. Das könnte ich von mir nicht mehr behaupten, obschon ich anfangs die Stille und meine kleine Welt freudig erlebte und die Blockade als grosse Chance für alles Mögliche sah. Ich entdeckte u.a. Neuland beim Stei­nebemalen und Singen am Computer. Doch mit der Zeit erlahmte auch diese anfängliche Be­geisterung, als sie immer mehr zur Routine wurde und gegen 50 bemalte Steine auf dem Gartenmäuerchen prangten.    

Gegenwärtig trödle ich oft herum, bin lust- und tatenlos, konsumiere unzählige Nachrichten im Internet, schreibe Mails, bin oft auf WhatsApp und esse viel zu viel. Hin und wieder tele­foniere ich mit Freundinnen und Bekannten. Doch was gibt es zu berichten? Eigentlich we­nig, weil die reizarmen Tage sich wie Dominosteine aneinanderreihen, ausser ich mache mich auf die Suche nach etwas, das mich in den Bann zieht, oder ich stolpere über etwas, das meine ungeteilte Aufmerksamkeit auslöst. In etwas Neues versunken sein, mich inspi­riert und lebendig fühlen, lässt den Tag plötzlich spannend werden. Ich webe dann konkret an einer Art von Sehnsuchtsbild, in welchem ich hoffentlich bald wieder unbeschwert meine lieben Menschen persönlich sehen und Erlebnisse mit ihnen teilen kann. In diesem Bild spie­gelt sich auch mein allgegenwärtiges Kopfkino, in dem verschiedene Filme manchmal gleich­zeitig abspulen. So wie vor kurzem in der Badewanne, wo ich mich vor allem bei Regenwet­ter gern und lange aufhalte und die WAKINOTU-Idee ihren Ursprung hatte. Flossen wachsen mir zwar nicht dabei, doch das ausgedehnte Baden in der Wanne ist ein schöner Ersatz für das Thermalbaden und das Schwimmen. Ich liebe das Wasser.

Mein Tagebuch habe ich ebenfalls entstaubt und schreibe ab und zu wieder einmal von Hand ein paar Gedanken auf. Das geschieht besonders abends auf der warmen Steinbank an der Hauswand gegen Westen. Bei diesen Einträgen geht es vor allem um Naturbeobachtun­gen. Ich zelebriere seit Jahren gern den Übergang vom Tag zur Nacht. 

Schreiben ist für mich nach wie vor eine gute Möglichkeit, vagabundierenden Gedanken eine Form, ein Gefäss zu geben. Allerdings muss ich meine aufblitzenden Ideen gleich notieren, ehe sie sich wieder verflüchtigen oder meine allzeit bereite kritische Betrachtung sie zu­nichte macht. Und so wird sich vielleicht einer meiner nächsten Einträge im Tagebuch mit der Frage auseinandersetzen, was ich noch tun könnte, bis es uns wieder möglich ist, ein paar nächste Schritte in Richtung Normalität zu tun: WAKINOTU? Und wie sieht es bei Ihnen aus – «Was können Sie noch tun?»

Ruth Baumann, Oberlunkhofen

Krankheit aus der Ferne

Meine Schwester erkrankte an Covid-19. Ich möchte heute darüber berichten, wie ich ihren Krankheitsverlauf aus der Ferne miterlebt habe:

Meine Schwester, Diakonissin, 57 Jahre alt, lebt und arbeitet in einem Alters- und Pflegeheim in Basel und wurde am 21. März positiv auf Covid-19 getestet. Sofort zog sie sich vor Ort in ein Isolierzimmer zurück. Das Essen wurde ihr vor das Zimmer gestellt und Besuche waren natürlich nicht erlaubt. 

Zu Beginn ihrer Erkrankung fühlte sie sich müde, hatte leichten Husten und Fieber. Vom Alter her gehört sie nicht zur Risikogruppe und so machten wir uns zu Beginn keine grossen Sorgen. Bald aber stieg das Fieber stark an, sie hatte keinen Appetit mehr, trank viel zu wenig (sie war sogar dazu zu müde ) und ein Arzt musste gerufen werden. Mehrere Infusionen wurden alsdann nötig.

Mich machte der Umstand, nicht helfen zu können, enorm hilflos und traurig. Wir konnten meiner Schwester nicht vor Ort unterstützend zur Seite stehen, sie nicht animieren, zu trinken…ja, sogar telefonieren war ihr teilweise zu viel. Sie war alleine im Zimmer gefangen, isoliert und fühlte sich sehr schlecht. Schön, hat meine Schwester einen tiefen Glauben und war während dieser ganzen Zeit doch nicht allein. Sie hat die Krankheit dank den Infusionen überstanden, gerät aber heute noch bei der kleinsten Anstrengung schnell ausser Atem.

Nach rund drei Wochen haben wir meine Schwester in Basel mit sicherem Abstand (ausser Haus) besucht und den persönlichen Austausch sehr genossen. Auch wenn ihr Körper Antikörper aufweist, ist nicht sicher, ob das Virus doch nochmals eingefangen und auch wieder weitergegeben werden kann. Deshalb gilt weiterhin für alle: Hände waschen und einen gewissen Abstand halten. 

Brigitte Schweizer, Arni

Nachfolgend der Bericht aus der Sicht meiner Schwester:

Corona-Virus positiv erlebt

JA, ich kann persönlich mitreden, da ich selber eine Woche mit dem Virus und mit Infusionen im Bett verbracht habe. In dieser Zeit erlebte ich Schwachheit, Hilflosigkeit, Abhängigkeit, Verwundbarkeit und eine grosse Müdigkeit. Was soll daran positiv sein? 

Nach einer Woche ohne feste Nahrung zu erleben, wie köstlich, saftig und süss eine Orange oder eine einzelne gekochte Kartoffel schmeckt. In der Isolation die Ruhe zu geniessen und dann die erste Begegnung mit einer Mitschwester, die ich seit über drei Wochen nur telefonisch gesprochen hatte. 

Auch der Moment, als die Isolation vom Gesundheitsdepartement offiziell aufgehoben wurde und ich mir überlegte, wen ich informieren soll und wann ich wieder mitten in die Welt zurückkehren soll. Es war ein heiliger Moment und kostbar, etwas wieder aufzugeben und herzugeben. 

Während der Isolation in einem fremden Zimmer begleitete mich ein Kreuz (Schatten und Licht der Natur) in die Nacht hinein. So erlebte ich, dass Jesus da ist und mich begleitet. Während der drei Wochen in Quarantäne und Isolation habe ich in der Gesellschaft viel verpasst und den Anschluss irgendwie verloren, aber ich habe auch eine Seite entdeckt, die ich nicht mehr missen möchte: Nach der Isolation erlebte ich den Alltag ruhiger, Begegnungen im Quartier auch auf Distanz haben Platz, man hilft einander im Quartier und kauft füreinander ein (selber erlebt). Blumen werden von Nachbarn geschickt, ein Konzert auf der Strasse wurde angeboten, kreative WhatsApp-Filme, die weitergeschickt wurden etc. (Ich kann nun selber einen Mundschutz herstellen). 

Ich kann Menschen beratend zur Seite stehen. Bei meinen langsamen Spaziergängen (bis ich wieder zu Kräften kam) den Frühling im Quartier entdecken, die verschiedenen Vogelstimmen geniessen und neue Leute kennenlernen. Das Virus hat mich sensibler gemacht, was ich als sehr positiv erlebe. Ich wünsche Ihnen nicht das Coronavirus, aber das Entdecken von Neuem, ganz Einfachem, geniessen Sie die nächste Orange oder Kartoffel.

Sr. Beatrice Schweizer, ehemalige Heimleiterin Ländli Basel und jetzt Leitung von Projekten im Ländli Basel 

Ein Menschenleben ist mehr als Gold wert

In dieser schwierigen Zeit habe ich einige Texte und Artikel zum Thema «Wieviel ist ein Menschenleben wert» gelesen. Da ist von einem Unternehmer die Rede, welcher aus verständlichem Zweifel das Öffnen seiner eigenen Branche fordert und in den Gegensatz zu verstorbenen Menschen stellt. Da nehmen Menschen die schreckliche Erkrankung mit eventueller Todesfolge in «Kauf», um aus verständlichen Gründen die Wirtschaft anzukurbeln. Da gibt es eine Landesregierung, der Bundesrat, die mit aller erdenklicher Mühe, mit vereinten Kräften, alles das zu verhindern und vermeiden versucht. Da komme ich mir oft wie im falschen Film vor. Das höchste und kostbarste Gut – Leben und Gesundheit.

Ich habe in Doppelbesatzung bis vor kurzem jahrelang Edelmetalle und Bodenschätze wie Gold im Tonnenbereich schweizweit transportiert. Eine spannende und anspruchsvolle Aufgabe, diese wunderschönen Wertstoffe an künftige Besitzer «on time» zu transportieren. Einen Warenwert von vielen Batzen. Mit diesem anvertrauten Warenwert wären für viele und mich viele monetäre Probleme in kurzer Zeit gelöst worden.

Seit kurzer Zeit fahre ich noch etwas viel, viel Kostbareres und Einzigartiges: Menschen wie Sie und ich im Linienbus. Ich habe keinen Lieferschein mit Warenwert – Ich habe keine Gewichtsangabe – Ich habe keine Angaben betreffend gefährlicher Güter.

Ich darf einzigartige Menschen, gross und klein, jung und alt, alle Hautfarben, Frauen und Männer, mit dem Bus befördern. Und glauben Sie mir, auch in der schwierigen Corona-Zeit habe ich mich nie gefragt, wie hoch der Wert meiner Fahrgäste ist. 

Sie und ich kennen jetzt die Antwort – Menschenleben sind mehr als Gold wert. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen kerngesunde Gesundheit und Seelenfrieden.

Urs Bürgi, Oberlunkhofen

Die Freude am Frieden

Aufstehen, morgen-fit auf Tele Basel, joggen, spazieren und Stellensuche.
Neben dem Lesen habe ich die Freude am Frieden abseits vom Arbeitsalltag wiedergefunden.
Es ist viel weniger Hektik und mehr Zuneigung zu spüren.
Neben der aktiv gelebten Solidarität mit älteren Leuten probiere ich, Missstände in meiner Wohnung zu beseitigen.
Dies kann das Entsorgen von alten Büchern oder das Reinigen des Treppenhauses sein.
Das Erfüllen von Wünschen aus meinem Bekanntenkreis oder die Inanspruchnahme von Dienstleistungen.
Ja, das Coronavirus ist uns allgegenwärtig, wenn wir es nur ins Positive lenken könnten.

Stefan Kämpf, Oberlunkhofen

Der Raps blüht nun auf Instagram

Der Raps blüht – Störche kreisen über den Feldern nahe der Reuss. Weiter südlich ragen die Voralpen gen Himmel. Ich tuckere mit unserem «Büssli» durchs Kelleramt und schätze dessen Schönheit und Natur. Eigentlich halte ich aber Ausschau nach jungen Menschen. Meine Aufgabe als Jugendarbeiter im Kelleramt hat sich mit der Corona-Krise verändert. Vor Corona hatte ich mitunter zum Ziel, Jugendliche zu Interaktion mit anderen Menschen zu motivieren, um in verschiedenen Settings etwa Sozial- und Selbstkompetenzen fördern zu können. Nun fasse ich die Aufgabe, Jugendliche auf das aktuelle Problem zu sensibilisieren und ihnen nahe zu legen, möglichst keine Menschen zu treffen. 

Ich treffe in diesen Zeiten auch höchst selten auf Jugendliche im öffentlichen Raum. Viele scheinen die Regeln zu akzeptieren. Von zuhause aus gebe ich mir Mühe, ihnen sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten aufzuzeigen. So stellen mein Mitarbeiter Thomas Meier und ich regelmässig Vorschläge rund ums Kochen und verschiedene Bastelarbeiten online, welche wir Schritt für Schritt dokumentieren und dann auf Instagram teilen. Wir lancierten einen Zeichnungs-Wettbewerb und krönten das Gewinnerbild, indem wir es nun als Sticker drucken liessen. Wir telefonieren mit Jugendlichen, spielen online Montagsmaler und so weiter und so fort. Doch je länger diese Situation andauert, desto mehr zweifle ich an der Wirkung unseres aktuellen Tuns. Normalerweise geben wir uns grosse Mühe, den Jugendlichen spannende Alternativen zur virtuellen Welt zu bieten. Nun ist die virtuelle Welt der Weg, den es zu gehen gilt. Sie ersetzt die reale Welt, den direkten Kontakt und die mündlichen Gespräche nicht. Ich kann nicht beurteilen, welche Wirkung unser virtuelles Handeln erzielt. Instagram ist vielfältig und schnelllebig. Wer hat versucht, die Ostereier ebenso zu färben, wie wir es vorgezeigt haben? Wer hatte Freude dabei und hat vielleicht gar etwas gelernt? Ich weiss es nicht und die 30 Likes, die wir auf Instagram für die Anleitung erhalten haben, helfen mir auch nicht weiter.

Ich vermisse meine Arbeit im Jugendtreff und auf den Pausenhöfen mit dem Jugendmobil. Ich glaube, dass im Kelleramt sehr viele Kinder und Jugendliche von deren Eltern gut betreut und beschäftigt werden. Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer Welt zu leben, in der auch mit Corona Vieles in Ordnung ist. Ich freue mich über die Solidarität der Menschen, die durch die Krise mehr und mehr entfaltet wurde, und hoffe, davon bleibt auch nach der Krise etwas hängen. 

Ich wünsche der gesamten Bevölkerung viel Durchhaltevermögen und Gesundheit! Die Jugendarbeit Kelleramt freut sich, möglichst bald auch wieder «offline» für Ihre Kinder da zu sein!

Benedikt Schumacher, Jugendarbeit Kelleramt

Abgrenzung in den Zeiten von Corona

Seit fünf Wochen fahre ich jeweils zwei Mal pro Woche mit dem Auto direkt vor das Standesamt in Zürich. Dort hat es immer freie Parkplätze in Gehdistanz zu meiner Gemeinschafts-Praxis im Niederdorf, wo ich als Psychotherapeutin arbeite. Seit dem Ausbruch des Coronavirus bin ich vorübergehend Besitzerin einer Parkkarte, welche den im Gesundheitswesen tätigen Personen erlaubt, kostenfrei in der Stadt Zürich zu parkieren. Ein rares Gut und ein schönes Stück Solidarität, finde ich. 

Eine der Fragen, die mich zu Beginn von Corona beschäftigt haben, war, ob ich überhaupt noch arbeiten darf? Die Antwort darauf war ja, für dringende Fälle ist die Fortführung der Psychotherapie empfohlen. Bei der Definition der Dringlichkeit gibt es natürlich einen grossen Ermessenspielraum, bei welchem die Vernunft des Therapeuten sowie die Kulanz der Krankenkassen gefragt sind. 

Für mich hat sich bei der Arbeit insbesondere geändert, dass ich mehr Zeit mit der Desinfektion von Sesseln, Türklinken und Händen verbringe. Weiter ist das Begrüssungs- und Verabschiedungsritual vom Händeschütteln zum Händedesinfizieren übergegangen. Der Abstand zwischen den Stühlen ist auf zwei Meter fixiert. Das Wartezimmer ist meist leer oder von nur einer Person belegt und es gibt keine Magazine mehr zum Lesen. 

Weiter ist neu, dass ich etwa ein Drittel der Gespräche via Videotelefonie durchführe. Für mich als Therapeutin ist der Kontakt online mit den Patienten viel anstrengender, da ich meine Sinneskanäle mehr aktivieren muss, um den Patienten über die Distanz zu erfassen. Auch empfinde ich die Therapie als weniger befriedigend, weil ich den Effekt nicht 1:1 mitbekomme. Zudem ist mir aufgefallen, dass es für einige Patienten schwieriger ist, sich auf die Sitzungen einzulassen, weil sie aus dem Home Office direkt in die Therapie switchen und danach wieder zurück. Trotzdem gebe ich zu, dass die Online-Therapien erstaunlich besser funktionieren als erwartet.

Die Patienten, welche nach wie vor in die Praxis kommen, sind sehr froh über den «Live»-Kontakt, da einige sehr einsam oder das Gegenteil, nämlich überflutet mit Home Office/ Home Schooling/ Haushalt und Partner sind. Diese Personen sind sehr froh darüber, sich etwas Zeit zu stehlen, wo es zur Abwechslung mal um sie geht. 

Die Themen, welche die Patienten beschäftigt haben, sind eigentlich die gleichen wie vor der Coronakrise, einfach akzentuierter. Für einige hat die Entschleunigung des Home Office eine vertiefte Auseinandersetzung mit vorher nicht zugänglichen Themen ermöglicht. Für andere hat der Stress bei der Arbeit durch Corona massiv zugenommen und dazu geführt, dass sie sich keine Zeit für die Therapie rausnehmen konnten. 

Viele Patienten beschreiben sich in der aktuellen Situation als rascher überflutet und reizbarer, was mit der dauernd latenten Bedrohung des Corona-Virus in Zusammenhang stehen kann, welche unser vegetatives Nervensystem auf Trab hält. Die Patienten reagieren empfindlicher, geraten mehr aneinander, fühlen sich unausgeglichener und innerlich unruhig. Die oftmals räumliche Enge des Home Office und die dauernde Ablenkung helfen auch nicht dabei, ein Gefühl von Orientierung und Kontrolle herzustellen. 

Für viele Patienten ist die Arbeit mit Abgrenzung in dieser Zeit sehr hilfreich, um wieder mehr ein Gefühl von Orientierung und Kontrolle zu erhalten. Dazu gibt es eine kleine Übung, die auch Sie gut zu Hause machen können: Suchen Sie sich einen ruhigen Ort und lesen Sie die untenstehenden ausgewählten Sätze durch und achten Sie darauf, welche bei Ihnen etwas auslösen, einen tiefen Seufzer zum Beispiel oder ein Gefühl der Entlastung. Manchmal braucht es auch ein paar Durchläufe, um etwas zu spüren. Auch wenn Sie nichts spüren, ist das absolut in Ordnung. Diese sogenannten «Agency Mantras» helfen vielen meiner Patienten, um sich die Erlaubnis zu geben, ihren Eigenraum wieder zu spüren. 

Mantras für Abgrenzung

  • Ich bin nicht egoistisch, wenn ich an mich selbst denke oder in meinem eigenen Interesse handle. Damit sorge ich gut für mich selbst. 
  • Ich habe ein Recht auf meinen Körper, auf meinen eigenen Raum. Ich habe ein Recht auf meine Bedürfnisse, Wünsche und Träume und ich habe ein Recht darauf, diese zum Ausdruck zu bringen oder für mich zu behalten. 
  • Ich habe ein Recht, mich gut zu fühlen, auch dann, wenn es anderen gerade nicht gut geht. Mit meinem Mich-gut-fühlen nehme ich niemandem etwas weg. 
  • Ich habe ein Recht auf meine eigene Seele und meine eigene Bestimmung, selbst wenn andere nicht zustimmen. 
  • Ich verlasse mich nicht selbst in dem Moment, wo ich meine Unterstützung am meisten brauche. 

Quelle: IBP Agency Mantras

Steffi Nanzer, Eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Arni

Ein Moment des Innehaltens in der Bewegung

Wir alle ahnten es bereits, nur spruchreif wurde es erst am 13. März um 16.00 Uhr:
Die landesweite Schulschliessung wurde vom Bundesrat bekannt gegeben. 

Was hiess dies nun für mich, meine Schule, mein Team, unsere Schülerinnen und Schüler, die Eltern?
Von einem Moment auf den anderen waren wir alle mit einer völlig neuen Realität konfrontiert. Schule zu Hause, keine Kinder mehr in den Schulzimmern, im Schulhausgang, auf dem Pausenplatz. Das Schulhaus ist verwaist und ist still geworden, eigentlich zu still. Gleichzeitig wird darin gearbeitet, nachgedacht, geplant, wie kaum zuvor.

Unser grösstes Anliegen war es von Beginn weg und ist es immer noch, die Kinder, aber auch die Eltern, zu unterstützen und gleichzeitig auch in irgendeiner Form weiterzubringen. 

Eine zentrale Aussage macht dazu Philippe Wampfler im Rahmen seiner Videocoachings für den Digitalen Unterricht.
https://www.youtube.com/watch?v=hJS30WbppU8&list=PLC9D2mzTyJeXYa6E1y_d0fc_7-V7BJnSq&index=3

«Die Menschen, welche an einer Schule arbeiten, sind die erwachsenen Personen, auf welche sich Kinder und Jugendliche verlassen können. Sie sind immer da, wenn man in die Schule kommt, ob man sie mag oder nicht. Aber auf sie ist Verlass.» 

Und plötzlich war dieser Kontakt unterbrochen.
So war es unser aller Anliegen, diese Verbindung schon schnell, so schnell wie halt möglich, wiederherzustellen. 

Während draussen der Frühling alles zum Blühen brachten, blühten täglich neue Schultools auf und brachten mein Schulleiterinnen-Mailaccount beinahe zum Erliegen. 

Die Auseinandersetzung mit diesen Angeboten machte uns aber bald klar: Es geht nicht um das beste Tool, sondern es geht um den Dialog zwischen den Menschen, welcher gerade jetzt nicht abbrechen darf. Der verlässliche Dialog zwischen den Kindern und den Lehrerinnen, der Dialog unter den Kindern und auch der verlässliche Dialog zwischen der Schule und den Eltern. 

Der Dialog gelingt… Die Kinder schreiben und beantworten Mails, die Eltern schicken Grussbotschaften und Fragen nach. Über das Internet werden Ideen ausgetauscht, virtuelle Pausen werden von den Kindern selbst organisiert und wir als Team freuen uns über die wöchentlichen virtuellen Sitzungen, welche zwar unglaublich ermüdend sind, uns einander aber auch näherbringen. 

Wir rücken in der Distanz näher zusammen, halten den Dialog aufrecht. Dieser wird intensiver, ernsthafter und mit viel Wohlwollen gepflegt.

Die Fermate (Italienischfür «fermare»‚ anhalten) ist in der Musik ein Ruhezeichen. Früher wurde dieses Zeichen auch Corona genannt.
Ein Moment des Innehaltens in der Bewegung ist angesagt. 

Nun hoffe ich, es gelingt uns aus diesem Moment des Innehaltens Energie und auch Kraft zu schöpfen, um im Dialog zu bleiben auch während der Zeit danach.

Ursula Duss, Schulleiterin, Rottenschwil

Gestorben wird immer

Ein provokativer Titel? 

Mag sein, aber meine Familie und ich mussten dies in den letzten Wochen selbst erfahren. Wir haben vier liebe Menschen aus dem Freundes-, Bekannten- und engsten Familienkreis verloren (ohne Zutun des Corona-Virus). Ich empfinde es als schlimm und schier unerträglich, dass Abschied nehmen und gemeinsam zu trauern in diesen Zeiten fast nicht möglich ist und wenn, dann nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dazu möchte ich vom Tod und der Beerdigung meines Schwiegervaters und Grosspapis meiner Kinder berichten:

Das Positive vorweg: Er konnte 97jährig zu Hause, im Beisein seiner Tochter, einschlafen. Er hinterlässt fünf Kinder, 16 Enkelkinder und vier Urenkel. Dazu kommen alle anderen Familienmitglieder und Freunde. Die gemeinsamen Weihnachtsfeiern im berstend vollen Wohnzimmer meiner Schwägerin zeigen mir jedes Jahr, wie gross die Familie tatsächlich ist!

An der Beerdigung durften nur die «engsten» Familienmitglieder – sprich 15 Personen – teilnehmen und dies lediglich am offenen Grab. Man hätte meinen können, die Familie sei entzweit: Begrüssung nur durch zunicken, keine Umarmung, um Trost zu spenden, grössere und kleinere Gruppen standen in zwei Metern Abstand da, manche Familienmitglieder auch ganz alleine. Nach einer kurzen Rede des Pfarrers, von der ich wegen der grossen Distanz nur einen Teil verstand, ging jeder wieder seines Weges.

Es ist schon eine verrückte und bedrückende Zeit. Manchmal kommen mir einfach die Tränen, wenn ich an die allein lebenden Menschen denke, die sich jetzt noch einsamer fühlen, an die Hinterbliebenen, die nicht mit ihren Familien und Freunden trauern können, an die vielen kranken und alten Menschen, die in Altersheimen und Spitälern alleine ihre Tage verbringen. Wurden sie gefragt, ob sie von ihren Liebsten «geschützt» werden wollen? Oder an die Kinder, die sich nicht mehr treffen dürfen. Können sich die Jungen überhaupt noch verlieben in dieser Krise?

Ich merke, wie schön und wichtig es ist, sich in den Arm zu nehmen, sich bei der Begrüssung zu drücken oder auch «nur» die Hand zu geben. Wir sind Menschen! Wir brauchen Nähe, Berührungen, Liebe und Geborgenheit. 

Hat es nicht etwas Bizarres, wenn der Bundesrat die Grosseltern anweist, von ihren Enkelkindern Abstand zu halten? Und alle halten sich daran? Meine Familie und ich selbstverständlich auch! Auch ich stelle meiner Mutter die Einkäufe vor die Haustüre, klingle und rede zwischen Tür und Angel mit ihr. Es zerreisst mir das Herz, wenn sie mich jeweils bittet, die Kinder von ihr fest zu drücken. Und nun fordert die Regierung offiziell die Grosseltern auf, ihre Enkel wieder zu umarmen?

Ich will keineswegs die Gefahr des Virus hinunterspielen, noch die Entscheide des Bundesrats in Frage stellen. Das steht mir auch gar nicht zu.

Aber ich befürchte, dass nach dieser Pandemie nichts mehr sein wird wie vorher. Vielleicht ist das aber – nebst der viel gepriesenen «Entschleunigung» – auch ein positiver Nebeneffekt? Wieder zu erkennen, dass wir eben nicht unsterblich sind und Krankheiten und Tod zu unserem Leben gehören. Und dass sich nicht alles nur ums Geld, Gewinn und noch grösseres Wachstum dreht!? 

«Wird’s besser? Wird’s schlimmer? – Fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!» (Erich Kästner)

Herzliche Grüsse ab dem Bergli

Daniela Sieber Nick, Islisberg 

Ich hoffe, dass die Schwimmbäder wieder aufgehen

In dieser Coronazeit würde ich am liebsten meine Grosseltern sehen.

Ich finde es auch doof, dass wir nicht nach Italien ans Meer können.

Cool finde ich es, dass wir ausschlafen können.

Ich und mein Freund machen in letzter Zeit viel ab.

Ich vermisse meine Grosseltern sehr, weil ich sie sonst einmal in der Woche sehe.

Ich finde es aber gut, dass man nicht mehr so viel rausgeht oder Auto fährt wegen dem Klima.

Ich hoffe, dass das Coronavirus bald fertig ist und dass ich wieder in die Schule gehen kann und meine Grosseltern wiedersehe.

In dieser Coronazeit würde ich gerne meine Grosseltern besuchen und mich mit Freunden treffen.

Meine Reitpferde vermisse ich sehr.

Ich hoffe, dass im Sommer die Badi aufgeht und es kein Corona mehr hat.

Auf die Schule freue ich mich sehr, weil ich da alle meine Freunde sehe.

Ich finde es toll, dass es der Umwelt viel besser geht.

Manchmal mache ich mir Sorgen um meine Grosseltern.

Ich mache mir Sorgen um meine Lehrerin, weil sie schwanger ist.

In Corona fühle ich mich so:

Ich vermisse meine Grosseltern, weil ich mit ihnen immer so coole Sachen mache.

Ich finde es aber cool, dass man mit Freunden immer noch Fahrradtouren und solche Sachen machen kann.

Ich hoffe, dass die Schwimmbäder wieder aufgehen. 

Super ist auch noch, dass man nicht mehr so früh aufstehen muss.

Ich finde es schade, dass wir nicht nach London gehen konnten in den Frühlingsferien.

Ich freue mich auf die Kollegen in der Schule.

Kinder aus Islisberg

Ein Satz rote Ohren

Wenn alle kulturellen Anlässe abgesagt, die Beizen zu und persönliche Kontakte verboten sind, greift Frau zum Telefon. Ich gehöre im normalen Leben nicht zu den Vieltelefoniererinnen, das hat sich grundlegend geändert. Heute bin ich froh, dass ich mich bei der letzten Abo-Erneuerung zu einem kleinen Aufpreis für «unlimitiertes Telefonieren im Inland» entschieden habe, das käme mich in dieser Zeit ansonsten teuer zu stehen! Mittlerweile sind solche Gespräche aus der Ferne schon fast normal geworden, da gibt es auch mal ein Feierabendbier mit einer Kollegin, die zwar nicht weit weg wohnt, aber eben… Letztens sassen zwei Frauen jeweils bei sich im Garten, je mit einem Drink, und das Gespräch war fast so, als sässen wir uns gegenüber. Nach über zwei Stunden waren wir dann doch etwas beschwipst, aber glücklich, wieder einmal so lang und gut getratscht zu haben.

Trotzdem machen mir die ganzen Einschränkungen langsam zu schaffen. Wann kann wohl wieder einmal ein Theater oder Konzert besucht werden? Ferien weit weg mit dem Flieger waren zwar nicht geplant, aber wieder mal ein wenig weg wäre schon schön. Ob das dieses Jahr möglich sein wird? Es geht wohl allen gleich, und es ist einfach zu hoffen, dass mit den Lockerungen betreffend Ladenöffnungen nicht gleichzeitig davon ausgegangen wird, es sei jetzt wieder alles normal und dann beginnt alles von vorne. Drei Wochen vor dem Lockdown habe ich eine Stelle gekündigt, da ich ein traumhaftes Angebot erhalten hatte und diese Stelle per 1. Juni hätte antreten können. Das KMU ist von den Massnahmen direkt betroffen und ich habe mir sehr Sorgen gemacht, dass ich bald teilzeit-arbeitslos sein werde. Glücklicherweise ist die Firma gut aufgestellt und konnte die Krise bis jetzt gut überstehen. Mein Stellenantritt wird zwar nicht am 1. Juni sein, aber meine Erleichterung ist riesig! Sollte es zu erneuten verschärften Massnahmen kommen, wäre dies wohl nicht nur für die Kleinen der Super-GAU. 

Also: durchhalten, Hände waschen, Abstand halten und telefonieren, dann können wir hoffentlich bald einmal wieder die uns lieben Menschen umarmen!

Anonym (Identität bekannt)

Ostern – ohne Familienfest?

Diesen Text haben wir am Ostermontag erhalten, wegen eines Versehens aber noch nicht veröffentlicht. Gerne reiche ich ihn jetzt nach – er bleibt aktuell. (Reto Studer)

Ja, auch ohne den gewohnten Osterbrunch mit den Söhnen und ihren Familien war es Ostern. Wir haben den Enkelkindern in unserem Garten Nestchen versteckt. Die beiden Familien sind gekommen, nicht gleichzeitig, die Kinder haben die Nestchen gesucht und mit viel Freude gefunden. Mit gebührendem Abstand gab es einen kurzen Austausch, bevor sie wieder wegfuhren. Dann war es still. Wir hatten Zeit, genossen die Ruhe und den sonnigen Frühlingstag. Wir sind ja zu zweit, können uns gegenseitig Freude machen mit einem kleinen Apéro, einem guten Zmittag, einem gemütlichen Kaffee auf der Terrasse.

Wir haben es gut. Wir haben die Jungen in der Nähe, haben einen Garten und viele gute Nachbarn. Wir fühlen uns nicht einsam, sind ja gewohnt, zusammen allein zu sein. Die Hilfsbereitschaft und Freundschaftszeichen von allen Seiten beeindrucken uns zutiefst und machen uns sehr dankbar.

Ostern, Fest der Auferstehung und der Hoffnung. Ja, es gibt die Zuversicht, dass diese für viele so belastende Zeit vorübergeht und wir alle wieder im gewohnten Rahmen zusammenleben können. Und es gibt die Hoffnung, dass – vielleicht – ein neues Bewusstsein entsteht dafür, was zählt und wie wenig es braucht, um glücklich zu sein. Wäre das nicht auch Auferstehung?

Marlis Leutwyler, Oberlunkhofen

Corona berichtet

Zum Glück habe ich mich da in diese Ritze stecken können. Ein junger Mann hat mich zurückgelassen. Er wäre müde, wollte nur die Beine strecken. Er weiss noch nichts von seinem Glück. So bin ich herausgerutscht. Fix und fertig. Das hätte ich mir schon nicht vorgestellt. Damals. Ich wurde auf die Reise geschickt. Abenteuerlustig wie ich bin, packte ich meine Sachen zusammen. Ich hätte einen wichtigen Auftrag zu erfüllen. Nun sitze ich da, todmüde. Das Reisen ist anstrengend. Die Menschen sind aktiv, sausen von hier nach dort, von einem Termin zum andern. Glauben Sie mir, das ist anstrengend, diese Platzwechslerei, immer am Mensch bleiben! Wie ich das schaffen soll, habe ich mich gefragt. Ein Stress. Ein Gestresse. Den ganzen Tag. Keine Ruhe. Zum Glück vermehrten wir uns stark. So konnten wir locker hin und her hüpfen, Purzelbäume schlagen und schaukeln. Das war ein Gaudi. Sie mussten im Bett bleiben. Das mögen sie nicht. Seife mögen wir nicht. Mühsam! Zu Ende. Zwei Meter weit springen und das bei meiner Grösse. Das schaffte ich nicht mehr. 

Die ganze Familie ging hinaus in die Natur. Diese Hüpferei. Unmöglich. Sie blieben daheim. Langweilig. Allein. Keine Chance. Kein Stress. Mühsam. Ich besann mich auf meinen Auftrag. Was ich hier solle, fragte ich. Ich würde es sehen, hiess es. Und. Kein Gedränge am Bahnhof, kein Gedränge auf den Strassen, keine Reisen, keine Ansammlungen. Keiner da. Keine Chance. Elend!

Ich staunte, unglaublich. Meine Kameraden verschwanden, abgekämpft. Was mich hier noch hält, frage ich mich. Alle weichen mir aus. Alle weichen sich aus. Das finde ich nicht lustig. Wozu trat ich denn diese weite Reise an? Wissen Sie, ich war lange unterwegs. Welchem Ruf bin ich gefolgt? Sinnlos. Haben die denn nicht gewusst, dass die Natur ein unersetzbarer Schatz ist? Dass die Beziehung Leben ist? Uppsss! Stopp! Ja! Ich habe es!

Jetzt bin ich ein runzliges, kleines, rundes, müdes Ding. Die Chance. Das Übriggebliebene.

Die Natur lebt. Sie leben. Spuren bleiben. Hoffnung.

In der Morgenfrühe watschelt die Gänsefamilie mit ihrer Schar durch das nachtfeuchte Gras. Der Gänserich hält acht. Die Apfelblüten ploppen. Stille. Der blaue Himmel ist streifenlos. Die Lerche trällert ihr Lied auf der Tannenspitze. Am Abend konkurrenziert der Star. 

In blauer Kinderschrift liest sie auf dem Veloweg: «Wer hat den Marienkäfer gesehen?»

Der junge Mann geniesst sein Glück auf einer Bank am Flussufer. In der Ritze des Platzes wagt sich ein Gänseblümchen heraus.

Nelly Stutz, Unterlunkhofen

Ende Winter, Ende Skifahren – aber noch viel mehr

Am zweitletzten Tag unserer Winterferien Mitte März glaubten wir, uns verhört zu haben: Das Regionalradio meldete, ab dem nächsten Tag werden alle Bergbahnen und Skilifte in der Region geschlossen. Kam dazu, dass unsere Kinder uns mitteilten, sie werden uns per Auto abholen, denn sie möchten nicht, dass wir per Zug heimreisen. Das war dicke Post, Corona-Post.

Wieder in Lunki, gab es Anfangsschwierigkeiten. Mein Mann musste dringend per Postauto in Bremgarten etwas holen, was nun aber gegen die Regeln war. Aber wir als «Risikopersonen» richteten uns ein, kein Einkaufen mehr. Oder doch noch bei Hofläden, per Velo. Dort merkten wir aber vorerst nicht, dass nur jeweils zwei Familien aufs Mal zugelassen wären. Und bei der Post warteten zwar Leute draussen, aber erst der Posthalter brachte uns bei, dass wir nicht einfach in die Post hineinlaufen, sondern uns hinten anstellen sollten. Also haben wir gelernt, was geht und was nicht.

Aus unserer Familie waren die meisten schon bei uns zu Besuch – natürlich mit gebührendem Abstand. Das ist nicht immer einfach, denn am 19. März sind wir Urgrosseltern geworden, dürfen aber den so herzigen Leonard nur von weitem oder per Internet sehen.

Wir sind auch froh, dass praktisch alle Familienmitglieder beschäftigt sind, mit einer Ausnahme: Unser Kochlehrling im 3. Lehrjahr musste wie alle andern in der Gastronomie Mitte März seinen Arbeitsplatz verlassen. Wie es mit seiner Lehrabschlussprüfung weiter geht, ist noch offen. Es ist anzunehmen, dass die Unsicherheit für viele Junge in dieser Lage belastend ist.

Ich finde, der Bundesrat macht seine Arbeit gut und verantwortungsbewusst. Unsere Tochter ist Mitglied einer Exekutivbehörde. Wenige Tage nach der bundesrätlichen Festlegung der Notstandverordnung hat sie mir am Telefon gesagt: «Weisst du, wie das einen belastet, ‚Notstand‘, und die ganze Verantwortung liegt bei der Exekutive?» Ich denke, alle, die Verantwortung tragen, bemühen sich, ihr Bestes zu geben.

Hoffen wir auf ein glimpfliches Abflachen dieses Ausnahmezustandes, den niemand von uns je erlebt hat.

Ursula Mauch, Oberlunkhofen

Ibrahims Landcruiser

Das Bild zeigt Ibrahim Mtira aus Dar-es-Salam, Tanzania, mit seinem TOYOTA Landcruiser, den er im Januar 2020 in Arusha gekauft hat.

Ibrahim ist ausgebildeter Safari Driver mit grossem Wissen über Flora und Wildlife der National Parks und Game Reserve im Süden von Tanzania. Wir haben Ibrahim im letzten Herbst, auf unserer Tansania-Safari, kennen gelernt. Ibrahim hatte uns damals von seinem grossen Lebenstraum erzählt: Ein eigenes Safari-Fahrzeug, damit er als selbständiger Unternehmer Touristen durch den Busch fahren kann. Bisher hatte Ibrahim als Freelancer für Ahmed den Inder die ausländischen Touristen auf Safari begleitet. Eine finanzielle Entschädigung oder ein Fixum bekommt Ibrahim vom Inder nicht. Seine Einkünfte bestehen ausschliesslich aus dem Trinkgeld seiner Gäste. Verständlich, dass Ibrahim sein grosses Wissen auf eigene Rechnung vermarkten möchte. Doch woher kommt das notwendige Geld dazu? Ein junger Mann wie Ibrahim wird in diesem Land nie in der Lage sein, auf legale Art ein Fahrzeug zu erwerben und ein Unternehmen zu gründen.

Damals, im vergangenen Herbst und nach langen Gesprächen, unterbreitete ich Ibrahim meinen Vorschlag, ihm das Fahrzeug und die Gründung einer eigenen Firma zu ermöglichen. Eine solche Offenbarung lag ausserhalb Ibrahims Vorstellungsvermögen und führte bei ihm zu schlaflosen Nächten. Draussen, mitten im Busch, haben wir dann alles mittels eines Vorvertrags handschriftlich zu Papier gebracht und den Deal anschliessend mit einer Dose Cola festlich besiegelt (Ibrahim ist Moslem, trinkt kein Alkohol, isst kein Schweinefleisch, sehr wohl aber Schinkenbrote…).

Vergangenen Dezember erfolgte der Geldtransfer nach Tanzania, zwecks Kaufs eines Fahrzeuges und zur Gründung eines Unternehmens. Viele Millionen Tanzania-Shillings sind nach Ostafrika geflossen, in der Hoffnung, dass daraus etwas Gutes entsteht.

Ibrahim wusste genau, wann und wo er ein gutes, gebrauchtes und günstiges Fahrzeug erwerben kann, nämlich im Januar, in Arusha. Die grossen Safari-Unternehmen, allesamt im Norden von Tanzania beheimatet und die oft über 100 oder mehr Fahrzeuge verfügen, müssen jeweils anfangs Jahr dem Fiskus ihre Steuern abliefern. Die Gesellschaften sind dazu aber oft nicht in der Lage und veräussern deshalb Teile ihrer Fahrzeugflotte gegen Bargeld, so auch den Landcruiser an Ibrahim. Ich hoffe sehr, dass da alles korrekt über die Bühne gegangen ist, denn ich habe Ibrahim von Beginn unserer Zusammenarbeit untersagt, Schmiergelder zu bezahlen. 

Die ersten Safaris in den Mikoumi National Park hat Ibrahim gleich Ende Januar und im Februar unternommen. Im März hat Corona Ibrahims Lebenstraum ein vorübergehendes Ende bereitet. Alle Buchungen wurden umgehend annulliert, die Gäste sind von einem zum anderen Tag ausgeblieben und die Einnahmen sind auf null gesunken. Nur die Kosten laufen weiter und weiter. Vom Staat ist keine Hilfe zu erwarten, woher und wie auch? Dies bleibt auch nach dem Ende von Corona für längere Zeit so, denn es wird Monate dauern, bis der Safari-Tourismus wieder in Schwung kommt. Ein guter Start für ein junges Unternehmen sieht definitiv anders aus.

Damit Ibrahim nicht auf dumme Gedanken kommt und er in seiner Not den Landcruiser für ein paar tausend Dollars verscherbelt, werde ich vorerst einmal für die nächsten Monate die Lebenshaltungskosten für Ibrahims Familie übernehmen. Anschliessend sehen wir weiter. 

Warum ich mir das alles antue?
Weil ich in meinem bisherigen Leben sehr viel Glück erleben durfte…
Weil ich sehr privilegiert bin und weil es mir – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen – sehr gut geht…

… und weil das letzte Hemd keine Taschen hat…

Anonym (Identität bekannt)

In mir ist alles dunkel

Es wird aber wieder hell.

Es ist dunkel. Kein Wunder, es ist nachts um 4 Uhr. In mir ist alles dunkel. Ich habe eine depressive Stimmung. Warum? Ist es nicht Jammern auf hohem Niveau? Ich habe ein Dach über dem Kopf, ein warmes Haus, herrlichen Sonnenschein und viel, viel Zeit. Ich kann machen, was ich will. Das bedeutet, all die kleinen und grossen Pendenzen in Ruhe erledigen und kann sogar mittendrin aufhören und alles liegen lassen. Es darf mich ja sowieso keiner besuchen und könnte so das angefangene Chaos sehen. Kann ja morgen weiter machen.

Ich glaube, dass uns in dieser Zeit die gewohnten Strukturen wegbrechen ist im Moment unser – mein – grösstes Problem. Anstatt froh über das jeweils Erledigte zu sein, verdüstert sich meine Stimmung immer mehr. Ich gehe spazieren. Ist schön bei diesem Wetter, aber auch diese Situation ist surreal. Wenn man sich begegnet, geht man sich – aus nachvollziehbaren Gründen – aus dem Weg. Die «Risikogruppe» soll zu Hause bleiben. Sehe ich ein, und doch macht es mir zu schaffen. Ich habe mich gefragt warum, mein Leben hat sich doch zu meinem vorherigen gar nicht so verändert. Vorher war ich auch sehr viel allein. Bekannte haben mich besucht und ich konnte, wenn ich wollte, unter die Leute. Jetzt kaufen meine Kinder für mich ein und stellen den Einkauf vor die Tür. In gehörigem Abstand reden wir miteinander. Wir telefonieren täglich und sie machen sich grosse Sorgen um mich. Was fehlt mir? Es ist die Nähe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so eine grosse Bedeutung für mich hat. Es macht mich aber fertig. Auch andere Strukturen brechen weg. Das Altersturnen hat mir zwar nicht immer Spass gemacht, aber jetzt fehlt es. Selber einkaufen. Der sonntägliche Gottesdienst mit dem anschliessenden Kirchenkaffee. Wir haben uns immer anschliessend angeregt unterhalten.

Wir haben verschiedene Berufe im Gesundheitswesen und im sozialen und kirchlichen Bereich als selbstverständlich hingenommen. Jetzt haben wir gelernt, wie wichtig sie für uns alle sind und dass diese Personen im Moment fast Übermenschliches leisten. 

Wir hoffen alle, dass diese Zeit der Einschränkungen bald vorbei ist, haben aber gleichzeitig Angst, dass die Massnahmen zu früh aufgehoben werden und sie anschliessend noch weiter verschärft werden müssen. Wir denken an die vielen Menschen, die bald weder ein und aus wissen, da sie sehen, wie ihre Existenzen – trotz staatlicher Unterstützung – wegbrechen.

Ich sehe aber auch, dass der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Menschen stärker geworden ist. Ich hoffe, dass das auch nachher anhält.

Früher war ich ein richtiger Nachrichtenjunkie, habe alles, was in der Welt um mich herum passierte, in mich eingesogen. Später war es so: Warum soll ich mich über alles, was in der Welt passiert, informieren, wenn man nichts Positives hört und sieht? Also habe ich den Nachrichtenkonsum eingeschränkt. Jetzt informiere ich mich – obwohl es wichtig ist – aus anderen Gründen ungern. Die Informationen beginnen mit Corona und enden mit COVID-19. Passiert sonst nichts auf der Welt, ist sonst der allgemeine Friede ausgebrochen? Oder interessiert es uns nicht, weil wir Angst um uns, unsere Angehörigen und unsere Wirtschaft haben?

Natürlich gibt es und wird es grosse persönliche Probleme geben. Es wird eine riesengrosse wirtschaftliche Delle geben und es wird lange dauern, bis die überwunden ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir – wenn wir den jetzt erreichten Zusammenhalt beibehalten – zusammen mit den staatlichen Hilfen zum grössten Teil in einigermassen überschaubarer Zeit wieder gut dastehen werden. Diese Notsituation zeigt uns, dass Menschen zusammen viel erreichen können.

Also räume ich noch mein Büro auf ohne mitten in dieser Arbeit hängen zu bleiben und freue ich, wenn ich es geschafft habe.

Wir werden sowieso frühestens in einem Jahr wissen, ob die Reaktionen und Vorschriften der einzelnen Regierungen richtig waren. Menschenleben wurden dadurch sicher gerettet.

Ist das nicht das Wichtigste?

Anonym (Identität bekannt)

Nachdenken über Begriffe, die in Zeiten von Covid-19 Konjunktur haben

Risikogruppe – dieser Gruppe gehöre ich mit meinen 78 Jahren – auch nach den Lockerungsentscheiden des Bundesrates – weiterhin an. Was verbindet mich mit dieser «Gruppe»? Ich kenne die Allerwenigsten – das Einzige was mich mit den Gruppenzugehörigen verbindet, ist ein erhöhtes Gefährdungs- und damit auch ein erhöhtes Verbreitungsrisiko in Bezug auf das Corona-Virus. Ich muss zugeben, noch nie war mir die Bedeutung und die Verantwortung «meiner» Altersgruppe für die Volksgesundheit so bewusst wie in dieser Zeit.

Gruppe der Privilegierten – ich gehöre aber auch zur Gruppe der Privilegierten. Wenn ich an meine Coiffeuse oder meine Fusspflegerin denke – selbstständige Kleinstunternehmerinnen, die mit den laufenden Einnahmen ihre monatlichen Ausgaben bestreiten und die jetzt von grossen Existenzsorgen geplagt werden – stelle ich fest, wie gut es mir geht. Ich muss keine Ängste um meinen Arbeitsplatz haben und erhalte (im Moment noch) jeden Monat meine Rente.

Utilitarismus – philosophische Lehre, die im Nützlichen die Grundlage des sittlichen Verhaltens sieht und ideale Werte nur anerkennt, sofern sie dem Einzelnen oder der Gemeinschaft nützen (Duden, Fremdwörterbuch). Die zu Beginn der Pandemie von Boris Johnson aufgeworfene Idee der «Herdendurchseuchung» ist so eine utilitaristische Strategie. Der Nutzen für die Gemeinschaft würde darin bestehen, dass eine Durchseuchung in der Bevölkerung zu einer Immunisierung führen würde. Das war zu jenem Zeitpunkt, als selbst die Virologen und Epidemiologen über Covid-19 wenig wussten, eine ziemlich kühne Behauptung. Aber das ist nicht mein zentraler Punkt. Es gibt auch in der Schweiz Anhänger dieser Durchseuchungstheorie, z.B. der Ökonom Reiner Eichenberger. Auf die Entgegnung, dass mit dieser Strategie vor allem ältere Menschen besonders gefährdet seien, meinte Eichenberger, dass das durchschnittliche Alter der Corona-Todesfälle bei 82 bis 83 Jahren liege. Diese Menschen hätten ja ohnehin keine grosse Lebenserwartung mehr gehabt. Wichtiger, als diesen Menschen noch einige wenige Lebensjahre zu ermöglichen, sei doch, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie so rasch wie möglich aufgefangen werden können. Und da sei es wichtig, möglichst viele immunisierte Arbeitskräfte wieder in den Arbeitsprozess integrieren zu können.

Eichenberger bringt das zentrale Dilemma des Utilitarismus auf den Punkt: Welche Kriterien bestimmen den Nutzen für die Gemeinschaft (und wer entscheidet das)? Für Eichenberger scheint klar zu sein, dass das rasche Hochfahren der Wirtschaft für die Gemeinschaft den grösseren Nutzen darstellt als gesundheitspolitische Massnahmen, bei welchen ältere Menschen besser geschützt sind. Nützlich sind nach dieser Definition vor allem Menschen, welche zur wirtschaftlichen Prosperität beitragen – alte, kranke und behinderte Menschen gehören nicht dazu.

Das war ja die enorme Herausforderung für den Bundesrat, eine Balance zu finden zwischen Massnahmen, die einerseits der Volksgesundheit dienen und andererseits möglichst geringe wirtschaftliche Kollateralschäden verursachen. Letztlich eine unmögliche Aufgabe. Aber ich bin dem Bundesrat dankbar für seine Entscheide. 

Hilfsbereitschaft – wenn diese Pandemie wieder etwas sichtbar gemacht hat, das scheinbar im Verborgenen schlummerte, dann ist es die vielfältige Hilfsbereitschaft. Ich bin erstaunt und gerührt über die verschiedenen Angebote, die wir von jüngeren Menschen in den letzten Wochen erhalten haben.

Solidarität – und diese Hilfsbereitschaft der jüngeren Menschen führt mich auch zur Verantwortung, die wir Älteren gegenüber den Jüngeren haben. Denken wir doch bei nächsten Diskussionen und Abstimmungen auch an sie. Zum Beispiel beim Klimaschutz oder der finanziellen Absicherung im Alter (Pensionskasse, AHV). Denn die jungen Menschen müssen auf diesem Planeten und in dieser Gesellschaft weiterleben, die wir ihnen hinterlassen.

Felix Maurer, Oberlunkhofen

Alltag als Seelsorger

Seit Februar 2020 bin ich als Pfarreiseelsorger in der Pfarrei Lunkhofen. Wir arbeiten im Pastoralraum zusammen von Bremgarten/Hermetschwil bis Jonen. Der Alltag als Seelsorger hat sich seit dem Corona-Virus ziemlich verändert. Alle unsere Anlässe und Gottesdienste wurden abgesagt. Zuerst hatte ich das Gefühl, dass jetzt wohl eine Leere kommt. Aber dem war nicht so. Je länger die Schutzmassnahmen des Bundes dauerten und je stärker sich das Virus ausbreitete, desto stärker war ich gefordert. Ich erfuhr von vielen Familien und Einzelpersonen, denen es nicht so gut geht. Die Isolation ist für viele eine grosse Herausforderung. Es war wichtig, dass ich da als Seelsorger versuchte, präsent zu sein – vor allem am Telefon, aber auch via Mail oder die sozialen Medien. Ich erfuhr unter anderem auch, dass diese Zeit für viele Jugendliche sehr schwierig ist. Sie sind es gewohnt, ihre Kolleginnen und Kollegen fast täglich zu treffen. Wenn das wegfällt, fehlt in ihrem Leben etwas Wesentliches. Die sozialen Medien können das nicht ersetzen.

Persönlich vermisse ich meine Familie in der Ostschweiz. Es waren die ersten Ostern überhaupt, an welchen ich sie nicht treffen konnte. Weiter vermisste ich die Rituale der Ostergottesdienste – für mein persönliches Leben. Wenn ich mit anderen zusammen jeweils in der dunklen Kirche in der Osternacht das Lied «Halleluja, Jesus lebt!» singe, gibt mir das jeweils viel Kraft. Oder auch das gemeinsame «Ostereier tütschen» nach dem Gottesdienst. Das hat mir in diesem Jahr sehr gefehlt. 

Halt gibt mir auch die Natur. Ich wohne auf einem Bauernhof. Wenn ich am Abend im Stall bei den Kühen bin, ist das so etwas wie eine «Corona-Pause». Sehr viel Kraft gibt mir auch die grosse Solidarität unter den Menschen: Viele Freiwillige gehen für andere, die zuhause bleiben müssen, einkaufen – beinahe selbstverständlich. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl finde ich schön und ich hoffe, dass es auch nach der Krise bestehen bleibt. Denn es sollte mir nicht egal sein, wie es dem Menschen neben mir geht.

Claudio Gabriel, Pfarreiseelsorger, Oberlunkhofen

Trotz allem glücklich und zufrieden

Gerade in Zeiten des Verzichts ist es für das persönliche Glück wesentlich, wie man gelernt hat, Glück zu empfinden und was für einen selbst Glück bedeutet. Ich habe mich schon länger gefragt, was ich für ein zufriedenes und glückliches Leben brauche und worauf ich verzichten kann. Der bewusste Verzicht in einer an Konsum und Unterhaltung orientierten Gesellschaft überdauert vielleicht auch die Corona-Krise? Wir haben in einer Zeit gelebt, in welcher wir übersättigt waren mit Konsummöglichkeiten – Unterhaltungsangebote ohne Grenzen und Limit. Alles war möglich und es gab keinen Stillstand. 

Ich merke jetzt, wo sich alles auf das Wesentliche reduziert, wie wichtig mir Freundschaften, Familie, meine Partnerschaft und meine Tochter sind und dass mir die gemeinsame Zeit heute noch wertvoller erscheint. Der Moment, wenn man gemeinsam Tränen lachen kann, einfach unbeschwert sein. Oder wie bedeutend plötzlich ein Telefonat mit einer Freundin oder das Video-Telefonat mit dem Bruder der Ersatz wird für die Diskussion bei guten Essen und einem Glas Wein am Esstisch. Ich freue mich jetzt schon darauf, alle wieder in die Arme zu schliessen, mit meiner Familie am Tisch zu sitzen und zu diskutieren. Ich werde eine Festbank in den Garten stellen und eine Grillparty nach der anderen schmeissen, um das Leben und die Gesundheit zu feiern mit den Menschen, die mir so viel bedeuten. 

Was mir in dieser Zeit auch bewusst wird, ist, wie wichtig mir ein schönes Zuhause ist. Für uns ist es ein Kraft- und Rückzugsort. Und gerade jetzt, da wir alle zu Hause bleiben und kaum rausgehen können, ist es wunderbar, dass wir uns in die Zimmer zurückziehen können; jeder wuselt etwas und wir treffen uns in der Stube zum gemeinsamen Spielen, TV schauen, Essen und Beisammensein. Auch der Garten ist gerade ein Segen und eignet sich zum Durchlüften, Entspannen, Spielen und Sport machen. Wenn es draussen sonnig und warm ist – ein Glücksort. Wir verpassen gerade nichts da draussen – aber auch zu normalen Zeiten sind wir einfach wahnsinnig gern zu Hause.

Mein Zentrum ist die Küche. Hier verbringe ich noch mehr Zeit als sonst beim Kochen und Backen. Ich probiere viele neue Rezepte aus und werde auch von meiner Tochter und meinem Mann verwöhnt. Sie kochen nämlich jetzt ein Mal pro Woche gemeinsam etwas für mich. 

Mehr bei mir zu sein und nicht das Gefühl zu haben, da draussen etwas zu verpassen. Das spüre ich schon länger. Für mich ist Lebensqualität, bewusst zu entscheiden auch mal zu Hause zu sein und mich an den kleinen Dingen zu erfreuen. Das fühle ich nicht erst seit dem Lockdown. Es hat mit Einfachheit zu tun und auch mit Konsumverzicht. Worauf kann ich also verzichten und was fällt mir schwer? 

Langfristig wird mir die Familie und das Treffen von Freunden fehlen. Beim Gedanken an unsere geplanten und nun abgesagten Reisen überkommt mich doch Wehmut und Fernweh. Auch wenn wir im Moment nicht unseren gewohnten Alltag leben können, kann ich sagen, es geht uns nach wie vor gut. Wir sind zufrieden und haben in den eigenen vier Wänden viele Ideen und Projekte, sind kreativ und entdecken vom Sofa aus viele neue Möglichkeiten – die uns die digitale Welt ja auch grad liefert. 

Ich sehe diese Zeit als Chance für uns, für mich, um zur Ruhe zu kommen, noch mehr bei sich zu sein. Ganz egal, was da draussen passiert und hoffentlich auch für die Zukunft. Die bewusste Reduktion auf das Wesentliche. Das kleine Glück. Das ist für mich Lebensqualität.

Susan Diethelm, Oberlunkhofen