Cherzli 5: Ein Geben und Nehmen

Man würde vielleicht denken, dass niemand gerne die Weihnachtstage im Spital verbringen möchte. Denn für viele gilt es im Advent, Guetzli zu backen, Adventskalender zu bestücken, Geschenke zu organisieren und Zeit mit der Familie oder mit anderen Menschen, die ihnen wichtig sind, zu verbringen.

Als ich das Spital, an dem ich arbeite, in der Adventszeit «vor Corona» betrat, kam mir jeweils schon in der Eingangshalle dank der schön geschmückten Christbäume und der vielen Weihnachtssterne eine warme Weihnachsstimmung entgegen. Die Gärtner*innen schufen mit viel Liebe und Kreativität ein enorm schönes weihnachtliches Ambiente. Heute, also «während Corona», sind die Eingänge für Besucher und das Personal strikt getrennt, und so gelange ich über Nebeneingänge ins Gebäude und komme dann jeweils über verschiedene, weihnachtlich geschmückte Stationen zu meinem Arbeitsplatz. Auch hier staune ich, wie sehr sich Pflegende bemühen, mit vielen Lichtlein, Kugeln und Weihnachtsfiguren eine schöne weihnachtliche Atmosphäre zu schaffen. Die sonst eher kahlen Gänge strahlen in dieser Zeit eine grosse Wärme aus. 

Wir erwarten, dass die Weihnachtstage von Harmonie und heiler Welt geprägt sind. Führe ich mir die Weihnachtsgeschichte vor Augen, so handelte es sich dabei jedoch um eine beschwerliche Reise, an deren Ende keine Herberge gefunden werden konnte und die Geburt von Jesus schliesslich in einem Stall stattfinden musste. Ist das nicht ein Widerspruch?

Je näher jeweils das Weihnachtsfest rückt, umso wichtiger wird es gerade den jüngeren Patient*innen mit Kindern, dass sie Weihnachten zu Hause bei ihren Liebsten verbringen dürfen. Doch es gibt auch Menschen, für die sich die Bedeutung des Weihnachtsfestes verändert hat: sei es, weil die Kinder gross sind und weit entfernt wohnen; weil Partner von ihnen gegangen sind; oder weil Spannungen innerhalb der Familie vieles verändert haben. Weihnachten erscheint dann eben nicht mehr in einem fröhlichen, festlichen Kleid. Diese Menschen sind manchmal froh, wenn sie hier im Spital umsorgt werden und sich auf diese Weise den traurigen, einsamen Momenten entziehen können, die sie zu Hause erwarten würden.

Gerade Menschen, die das Leben stark geprägt hat und die trotzdem nicht den Mut verloren haben, gehen ihren Weg oft mit grosser Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber den kleinen Dingen im Alltag. Diese Begegnungen sind für mich aussergewöhnlich: Da ist ein Geben und ein Nehmen auf besondere Art und Weise, das mich mit grosser Dankbarkeit erfüllt.

Maria und Josef waren auch nicht zu Hause und suchten Zuflucht in einem Stall. So kann aus einer schwierigen Situation etwas Gutes entstehen – ganz speziell an Weihnachten. 

Silvia Fux, Kirchenpflegerin & Pflegeexpertin, Arni

Cherzli 4: Erwartungsfroh

Eine Kerze brennt, ein gutes Glas Wein steht vor mir. Genuss pur! Ich beobachte das Flackern der Kerze, welches sich an der gegenüberliegenden Wand als magisches Schauspiel präsentiert, nehme einen Schluck und geniesse anschliessend einen der himmlischen Zimtsterne, die in der kleinen Schale auf dem Tischchen liegen. Advent! Was für eine Zeit! Erwartung auf das Schöne, das folgen wird. – Erwartung? Ja, was erwartet uns eigentlich? Inwieweit sind wir erwartungsfroh, können es auch wirklich sein?

Ich denke zurück an meine Kindheit. Da war ich mit Sicherheit erwartungsfroh. Ich konnte jenen Moment kaum erwarten, wenn mein Papa die Tür zum Wohnzimmer an Heiligabend endlich öffnete … nach gefühlten 100 Stunden. – Warum musste das Christkind auch immer so lange mit dem Schmücken des Baumes beschäftigt sein? Und warum durfte ich dem Christkind nie in die Augen schauen oder ihm die Hand reichen? – An die Antworten meiner Eltern erinnere ich mich nicht mehr genau, ich weiss nur noch, dass sie mich für den Moment zufriedenstellten. Vor allem, wenn dann die Türe aufging und ich den wundervoll geschmückten Baum sah. Und … ja, ich gebe es zu … auch die Geschenke. 

Ein Knistern aus der brennenden Kerze bringt meine Gedanken mit einem Schlag zurück in die Gegenwart. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Lange ist’s her, sehr lange. Und Weihnachten hat etwas von diesem kindlichen Zauber verloren, wie so vieles im Leben, das aus der früheren Kinderaugenperspektive ganz anders aussah und dann einer erwachsenen Realität gewichen ist. 

Ich sinniere weiter. Wo stehen wir heute … was bringt uns die Zukunft? Fragen, die ich momentan nicht beantworten kann und mit Blick auf das Kindliche meiner Gedanken vorhin auch nicht will. Den Moment geniessen. Also noch einen Zimtstern. Der feine, weiche Teig und die zarte Glasur schmecken ausgezeichnet. Himmlisch!

Der Himmel heute Abend ist alles andere als himmlisch. Feiner Schneeregen nieselt vor dem Fenster nieder. Und ein kalter Wind weht. Zum Glück ist es wohlig warm in unserer Stube. Eigentlich kann ich es mir hier ganz gut gemütlich machen und brauche mich nicht um all das zu kümmern, was draussen vor sich geht. Rückzug auf das mir Wesentliche! Also noch ein Schlückchen Wein. Südtirol. Beste klösterliche Lage. Und weg sind meine Gedanken wieder … im schönen Land Südtirol in Ferienstimmung. Erwartungsvolle Vorfreude stellt sich ein. Tage, an denen einfach alles stimmt. Nächstes Jahr vielleicht … hoffentlich!

Die Kerze flackert stärker, als hätte es einen Windstoss gegeben. Ich beuge mich vor und schaue genau in die Flamme. Ein winziges Russpartikelchen am Docht verglüht zischend! Und die Flamme beruhigt sich. Ich lehne wieder zurück und lasse meinen Gedanken weiter freien Lauf. 

Und irgendwann muss ich eingenickt sein. Zufrieden. Ich habe bestimmt von Weihnachten geträumt. Von schönen, feierlichen und berührenden Weihnachten mit vielen Kerzen und glücklichen Augen. Weihnachten ist alles. Vergangenheit Gegenwart und Zukunft. Umfassend eben. Darauf darf man sich freuen, egal wann.

Und darum wünsche ich allen schöne und friedvolle Weihnachtstage in guter Gesundheit! Und viel kleine, genüssliche Momente in Zufriedenheit. Auch sie sind Weihnachten, klein und persönlich.

Peter Hochuli, Gemeindeammann Unterlunkhofen

Cherzli 3: Unser Weihnachtskind

Nie hätten wir gedacht, dass unser Kind an Weihnachten zur Welt kommen würde… Aber so war es! Unser erstes Kind machte sich vor bald dreizehn Jahren an Heiligabend auf den Weg, und so fuhren wir noch am selben Abend nach einer gemütlichen Familienfeier ins Spital. Am Weihnachtstag bekamen wir mit Laurin unser schönstes Weihnachtsgeschenk! Diese sowieso schon aussergewöhnliche Zeit erstmals als Familie erleben zu dürfen, war einfach wunderbar.

Für uns als Familie ist es immer ein grossartiger Tag. Seit unser Weihnachtskind da ist, feiern wir am 24. Dezember den Heiligabend mit Tannenbaum, Christbaumkerzen und allem, was dazugehört. Der 25. Dezember ist dann für den Geburtstag reserviert. Da werden keine Weihnachtslieder gesungen, und es werden auch nur Geburtstagsgeschenke ausgepackt. Der Tag gehört allein unserem Weihnachtskind. Toll ist, dass die ganze Familie frei und Zeit zum Feiern hat. 

Für uns als Eltern ist der Abend nach der Familienfeier am 24. Dezember ein bisschen speziell: Statt den Tag gemütlich ausklingen zu lassen, wird dann gleich der Geburtstag vorbereitet. Wir backen Kuchen, dekorieren, blasen Ballons auf.

Als wir bei Laurin nachfragten, wie es sei, an Weihnachten Geburtstag zu haben, meinte er: «Ich finde es cool! Man hat immer frei und kann sich grössere Geschenke wünschen. Der Nachteil ist, dass man nur einmal im Jahr Geschenke bekommt und manchmal aber auch während des Jahres den einen oder anderen Wunsch hat. Darum wünsche ich mir auch immer etwas Geld oder Gutscheine; so kann ich mir auch unter dem Jahr immer mal wieder einen Wunsch erfüllen».

Alle unsere drei Kinder haben kurz vor, an oder kurz nach Weihnachten Geburtstag, deshalb ähneln sich die Erfahrungen. Der Dezember und der Januar sind bei uns einfach Festmonate mit vielen Geschenken und Feiern.

Familie Affolter, Oberlunkhofen

Cherzli 1: Früher und jetzt

Als ich noch ein Kind war – das ist nun schon eine ganze Weile her –, da sahen meine Samstage im Winter meistens etwa so aus: Zuerst draussen mit den Pfadi (bzw. mit den Wölfli) umherstrielen, dann, frisch umgezogen, zu Hause bei einem Fondue sich langsam von innen her aufwärmen, zuletzt im Kreis der Familie die grosse «Samstagabend-Kiste» schauen. Sie wissen schon: «Wetten, dass..?» und so. Ob die Welt damals besser war, weiss ich nicht; dem Gefühl nach war sie es.

Ich wuchs und wuchs heran – auch das vor einer Weile –, und irgendwann war die Wölfli- und Pfadi-Zeit vorbei. Einige Jahre darauf zog ich von zu Hause aus. Das bedeutete dann: keine Sofa-Abende mit der Familie mehr, kaum je mehr ein Familienfondue. Echte Lagerfeuer loderten also nur noch selten, ebenso das «Fernseh-Lagerfeuer»… und das Rechaud wärmte mich, genau genommen, gerade noch einmal im Jahr: an Heiligabend! Diesen verbrachte ich nämlich jeweils bei meinen Eltern, wo sich die folgende Tradition entwickelte: zuerst im Caquelon rühren, dann miteinander ab zur Christnachtfeier an meinem damaligen Wohnort.

Seit ich selber eine Familie habe (und seit ich die Christnachtfeier, mein Lieblingsfest, selber gestalte), gibt es auch diese zweite Tradition nicht mehr. Die Zeiten ändern sich. Wobei: Dieses Jahr wäre es sowieso etwas schwierig mit dem Fondue – hygienetechnisch, meine ich… so, wie dieses Jahr das Beisammensein sowieso wieder erschwert ist. Schon zum zweiten Mal. So viel Unsicherheit, so viel Müdigkeit, so viele Menschen mit schwerem Herzen. Ja, doch: Früher war es besser! Das sagt nicht nur das Gefühl. Und es scheint auf einmal viel länger als nur «eine Weile» her.

Um möglichst viele Seelen wie ein echtes Lagerfeuer zu erwärmen… um möglichst viele Menschen wie die alten «Fernseh-Leuchtfeuer» zusammenzuführen… und um möglichst viele Gesichter zur «Rührung» zu bewegen, gestalten wir für Sie deshalb auch in «Jahr zwei» diesen Online-Adventskalender – wieder mit 24 ganz besonderen «Cherzli». Ab heute und bis Heiligabend erwartet Sie hier also jeden Tag ein neuer Beitrag von einer lieben Nachbarin oder einem lieben Nachbarn aus dem Kelleramt: eine Erinnerung, eine Geschichte, ein Bericht, eine Musik… Es wird etwas fürs Gemüt, und es wird Ihnen gefallen. Wetten, dass…?

Lassen Sie sich überraschen. Und haben Sie einen frohen Advent!

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

+++ Neustart: Adventskalender «Cherz.li»

Liebe Leserinnen und Leser:

Nach dem grossen Erfolg vom letzten Jahr offerieren wir Ihnen auch heuer einen Online-Adventskalender: wieder auf www.cherz.li. Da es dort keine Kommentarfunktion gibt, veröffentlichen wir die Beiträge jeweils zeitgleich auch in diesem Blog.

Hier können Sie also nicht «nur» mitlesen, sondern auch Rückmeldungen abgeben – Rückmeldungen an all die lieben Menschen aus dem Kelleramt, die je die kreative Gestaltung eines Türchens übernehmen. Und während der Adventskalender Ende Jahr abgeschaltet wird, bleiben die Beiträge hier auch darüber hinaus gespeichert.

Alles Weitere dann ab dem 1. Dezember. Auf www.cherz.li – und, eben, hier.

Ich wünsche Ihnen einen lichtreichen Advent!

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

Cherzli 24: Frohe Weihnachten!

Heiligabend ist da!

Bis hierhin wurde jeder Beitrag von einem anderen Menschen gestaltet.
Für dieses letzte «Cherzli» tun wir uns zusammen und – aber… schauen Sie doch gleich selber!


Selfie-Videos: unsere grossartigen Mitwirkenden Ruth Baumann, Stephanie Nanzer, Lea Sahli, Felix Maurer, Joy Knecht, Mariette & Kurt Baumann, Brigitte Burkard, Esther Schelling & Claudia Simmen, Caroline Müri, Doris Peier, Brigitte Wandinger, Wädi Koch, Maya & Jörg Leuthold und Familie, Manuela Brachs, Franziska Gelzer, Nelly Stutz, Cindy & Reto Studer-Seiler

Klavier: Hyunah Rottenschweiler, Oberlunkhofen
Aufnahme: Fabian Bürgi, Arni

Vielen herzlichen Dank den lieben Menschen, die in den letzten Tagen und Wochen ein Türchen gestaltet haben, und vielen herzlichen Dank auch Ihnen allen: für Ihr Interesse an diesem besonderen Adventskalender.

Hebed Sie sich Sorg!

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

Cherzli 23: Reich beschenkt

Hinter dem ersten Türchen (lang ist es her!) habe ich über die Entstehung des Adventskranzes geschrieben – und auch darüber, wie dieser zu Beginn noch aussah: ganze 24 Kerzen, die auf ein Wagenrad gesteckt waren. Tag für Tag wurde dann am Ort des Geschehens, dem Rauhen Haus in Hamburg, eine weitere Kerze angezündet, bis schliesslich – wenn sozusagen «der Kreis sich schloss» – die Kinderaugen am hellsten strahlten: Heiligabend ist da! Einen «brennenden Adventskalender» habe ich diesen Ur-Kranz von 1839 etwas salopp genannt.

Viele, viiiele Advente später strahlten dann «alle Jahre wieder» meine Kinderaugen… wegen einer anderen Art «brennenden Adventskalenders». In unserer Familie war es nämlich Tradition, dass meine Geschwister und ich sogenannte Adventskalender-Kerzen bekamen. Das sind Kerzen, die von oben nach unten mit den Zahlen 1 bis 24 versehen sind und die man dann Tag für Tag bis zur jeweils nächsten Markierung abbrennen lässt. Bei uns war das ein abendliches Ritual: 1 und 2 und 3 und 4…. Wenn die Flamme dann – endlich! –  bei der 24 ankam, so zeigte natürlich auch das an: Heiligabend ist da!

Diese Kerzen gibt es auch heute noch. Mittlerweile bin allerdings ich derjenige, der sie besorgt und in der Familie verteilt. Mein Exemplar wandert derzeit bei uns im «Chilehuus» zwischen den Büros hin und her: von mir zu meiner Frau, zur Sekretärin und wieder zurück.

Nun: Bei meiner Adventskalender-Kerze ist die Flamme bald höher als das verbliebene Stück Wachs. Im Rauhen Haus in Hamburg, wo auch im Jahr 181 nach dessen Entstehung ein Adventskranz «alter Fassung» steht, ist heute gerade noch eine einzige Kerze unangetastet. Und auch dieser unser Adventskalender nähert sich dem Ende… Morgen ist es soweit: Morgen ist meine Kerze ganz heruntergebrannt, morgen schliesst sich im Rauen Haus ein weiteres Mal ein Kreis – und morgen heisst es auch auf dieser Seite: Heiligabend ist da!

Ich freue mich, wenn wir Ihnen mit unseren Beiträgen das Warten auf Weihnachten ein bisschen verkürzt haben… und wenn wir damit Ihre Augen zum Strahlen bringen konnten. (Man darf übrigens – oder sollte man gar? – auch im Erwachsenenalter noch Kinderaugen haben!) Bei mir, liebe Leser*innen, hat es wunderbar geklappt! Ich bin begeistert von den Beiträgen, die mir zugeschickt wurden und die ich mit Ihnen teilen durfte. Und liebe Mitwirkende: Ich bin berührt von eurer Kreativität, eurem Herzblut, eurer Grosszügigkeit. Ihr habt uns alle reich beschenkt. Ich habe den Eindruck, Weihnachten habe dieses Jahr früh angefangen.

Wie hiess es früher? «Noch einmal schlafen!» Ja: Morgen erwartet uns bereits der letzte Beitrag, das letzte «Cherzli». Ich freue mich darauf. Und Sie, liebe Leser*innen – dürfen es auch.

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

Cherzli 22: «Nach Möglichkeit bitte wenden!»

Drei Könige mit Gefolge folgten dem Stern.

59 67 47 / 19 99 06 – Der Kartenkundige fand mit den Koordinaten den Zielort. 

Bethlehem, Heiligkreuz, Engelberg, Sternenberg, Gottlieben. Werden diese Orte in der Weihnachtszeit vermehrt von Auswärtigen, dank Navi, besucht?

«Zu Bethlehem geboren…» versinkt in den Herzen der Besucher. Die Kirche ist gut besetzt. Der Pfarrer ist stolz auf seine Gemeinde. Der Chor auf der Empore jubelt. Die festlich geschmückte Weihnachtstanne steht aufrecht. Strohsterne wie üblich, weisse Kugeln heben sich vom Tannengrün ab. Sie erinnern an Löwenzahn. Weisse Kugeln streckten sich noch im November in die Höhe. Verspätet. Weiss vom Grau des Nebels verschluckt. Die verspäteten Sonnenstrahlen trockneten die Pusteblumen.

«Wo ist Bethlehem?» flüstert hörbar eine Stimme. Kerzenduft mischt sich mit dem Geruch der Tannenzweige. Mandarinen duften aus dem Korb beim Ausgang. Jemand schneuzt sich, ein Husten aus der hintersten Ecke verdrückt sich. «Wo ist Bethlehem?» lauter, dieselbe Stimme. Die ältere Hand legt sich beruhigend auf die zarte Schulter. Weihnachtliche Orgelklänge begleitet von Panflöten füllen die Kirche. Dunkel ist es. Die Leute sitzen in ihren Mänteln gehüllt auf den Holzbänken. Die Schatten flackern an den Wänden. Die Klänge verhallen. Winterschuhe bewegen sich schrittweise dem Ausgang zu. Die Kragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen, Lächeln im Gesicht, Nicken nach rechts, nach links, ein Wort da, dort, bewegen sie sich dem Ausgang zu. Die Kälte wartet. Der weisse Mond beleuchtet den Heimweg. Kugelrund.

«Wo ist nun Bethlehem?» Die Kleine fragt vor dem Stall. Dieser steht wie jedes Jahr unter dem grossen Weihnachtsbaum in der Dorfkirche. Traditionell wird die Weihnachtskrippe von geschickten Händen aufgebaut. Vor Jahren wurde sie von einigen jungen Leuten geschreinert, angemalt und zusammengebaut. Die Figuren gruppieren sich um die Futterkrippe mit dem Kind. Das Mädchen blickt mit grossen Augen hoch. Sein Kopf reicht bis zu ihrer Hüfte. Die blonden Haare sind hübsch frisiert. Ein glitzerndes Haarband ordnet. Seine Schuhe glänzen. Unter der Winterjacke lugt ein rotes Kleid hervor. Die Antwort lässt auf sich warten. Die Frau überlegt, Stirne gerunzelt. Das Christkind wurde in Bethlehem, weit weg, geboren. Das versteht es noch nicht. Ein Gast interessiert sich: «Wo bist du daheim?» – «In unserem Haus.» – «Wo ist das denn»? Es blickt erstaunt hoch: «Ja, dort wo ich wohne. Dort wo Mami und Papi und mein Bruder sind.» Ein Lächeln versteht. «Neben dem Dorfladen?» Es wird energisch: «Nein, weisst du das nicht? Dort wo ich daheim bin.» Alles klar! Deutlich kam die Antwort. Man könnte meinen, ungläubig, etwas ärgerlich. Es ist dort daheim, wo es wohnt. Es doppelt nach. – «Klar! Ich bin bei mir daheim!»

Im Frühsommer werden gelbe Kugeln über dem Sattgrün leuchten. Verwurzelt.

In Bethlehem bei Bern sind Menschen verschiedener Kulturen eingetragen. Hochhäuser strecken sich dem Himmel zu.

Nelly Stutz-Jakob, Unterlunkhofen

Cherzli 21: Von dem, was bleibt

  1. Ihr einer Weihnachtswunsch wird sicher erfüllt. Welcher wäre es?
  2. Würde dieser Wunsch anders lauten, wenn Sie ihn heimlich flüstern dürften?
  3. Welches war Ihr schönster Moment im ausklingenden Jahr 2020? 
  4. Welches war der darin bisher Schwierigste?
  5. Was haben Sie am meisten vermisst?
  6. Was hat Ihnen überhaupt gar nicht gefehlt?
  7. Von den Dingen oder Personen, die Ihnen nicht gefehlt haben in diesem Jahr – welche nehmen Sie wieder in Ihr Leben zurück, wenn es wieder möglich sein wird und welche werden Sie nicht mehr weiter begleiten?
  8. Wie geht es Ihnen heute?
  9. Wie würde es Ihnen gehen, wenn heute der 21. Dezember 2019 wäre?
  10. Wie fühlten sich die Tage vor Weihnachten als Kind für Sie an?
  11. Wie unterscheidet sich dieses Gefühl vom heutigen – unterscheidet es sich?
  12. Wenn Sie etwas Bestimmtes aus diesem Jahr noch einmal wiedererleben dürften, was wäre es?
  13. Würden Sie etwas anders machen beim Wiedererleben?
  14. Welche Masken haben Sie in diesem Jahr fallen lassen und welche nicht?
  15. Welche Masken haben andere getragen und haben Sie sie trotzdem wiedererkannt?
  16. Wer hat Sie in diesem Jahr besonders unerwartet schön überrascht? 
  17. Erinnern Sie sich an ein Weihnachtsgeschenk aus Ihrer Kindheit?
  18. Wie haben Sie dieses Jahr die Adventszeit erlebt? Und gefeiert?
  19. Haben (Advents-)Traditionen für Sie persönlich in Zeiten wie diesen eine noch grössere Bedeutung oder geschieht das Gegenteil?
  20. Haben Sie in diesem Jahr neben der Adventstradition auch andere Traditionen umdenken und überdenken müssen und wie ist es Ihnen dabei ergangen?
  21. Welche Bedeutung hat Weihnachten für Sie? Was hat sich im Laufe Ihres Lebens in Bezug auf diese Bedeutung verändert, was ist geblieben?
  22. Was haben Sie davon (bewusst oder unbewusst) weitergegeben und/oder selber übernommen? 
  23. Haben Sie sich die Art und Weise, wie Sie in diesem Jahr Weihnachten feiern, selber ausgesucht oder wurde sie Ihnen durch die Umstände vorgeschrieben?
  24. Wenn Sie sich die maximal zehn Personen selber aussuchen dürften, mit denen Sie Weihnachten dieses Jahr feiern können, welche wären es? Und warum?
  25. Geht es zahlenmässig auf mit der Anzahl Menschen, mit denen Sie Weihnachten normalerweise feiern? Und wenn nicht, wie schwierig wäre es, sich zu entscheiden?
  26. Wären dieses Personen dieselben, wenn Sie sich heute für einen gleichbleibenden Kreis für die nächste(n) Dekade(n) entscheiden müssten?
  27. Mit welchen Kriterien würden Sie diese Auswahl treffen?
  28. Wofür sind Sie in diesem Jahr besonders dankbar?
  29. Worauf sind Sie selber in diesem Jahr besonders stolz?
  30. Was ist Ihnen in diesem Jahr besonders gut gelungen und warum gerade jetzt?
  31. Was ist Ihnen in diesem Jahr leichter gefallen als zuvor?
  32. Welches ist Ihr liebstes Weihnachtslied und warum?
  33. Wieviel Trödel ist weggefallen, wieviel Klarheit ist sichtbar geworden?
  34. Was ist Ihnen wirklich, wirklich wichtig? 
  35. Wenn Sie am Weihnachtstag in fünf Jahren zurückblicken auf diese ausserordentliche Zeit – was ist bis dahin geblieben? 
    Was ist vergessen? 
    Und was bleibt?

Franziska Gelzer, Islisberg

Cherzli 20: «Zerrissenes» Weihnachten

Dieses Jahr wollte ich meinen Kindern zeigen, wie ich früher Weihnachten erlebt habe – mit meinen Eltern, meiner Oma und meinen Geschwistern. Mit einem wundervoll geschmückten Weihnachtsbaum, festlicher Musik, einem tolles Essen an der grossen Tafel, lautem Lachen und Getobe. Leider werden wir den Weg in meine knapp 800 Kilometer entfernte Heimat nun nicht antreten. Wir fühlen uns unsicher, eventuell zu erkranken oder, noch schlimmer, das Virus unerkannt an meine älteren Familienmitglieder weiterzugeben. Ich bin sehr traurig, meinen Kindern diesen Besuch und all das, was damit zusammenhängt, nicht ermöglichen zu können: die aufregenden Gefühle kurz vor der Bescherung, die Freude beim Auspacken der Geschenke, die Spiele und Unterhaltungen mit allen zusammen.

Es ist nicht so, dass ich mich einsam fühle. Seit wir vor gut drei Jahren zugezogen sind, habe ich hier viele Freunde gefunden. Ich habe bei der Spitex eine wundervolle, erfüllende Arbeit und grossartige KollegInnen. Ich mache pflegerische Einsätze bei pflege- und hilfsbedürftigen Menschen und habe somit trotz der Kontaktbeschränkung regelmässigen Menschenkontakt. Dabei bekomme ich Einblicke in Haushalte mit Familien, aber natürlich auch in die Haushalte alleinstehender Menschen.

Die Vorweihnachtszeit mit dem Virus als neuem «Begleiter» wird von meinen KlientInnen ganz unterschiedlich erlebt und verarbeitet. Nach zahlreichen Gesprächen über die bevorstehenden Feiertage kann ich aber doch sagen: Die KlientInnen haben sich allesamt mit der Situation gut arrangiert, und sie verstehen, dass man sich nicht mehr unkompliziert zu einem gemütlichen Beisammensein treffen kann. Das konnten sie ja auch schon im Frühjahr testen… Meine KlientInnen berichten mir oft auch, dass sie ihre Familien, ihre Kinder, ihre Enkelkinder an Weihnachten jetzt halt in Etappen sehen. Zum Teil sind sie sogar ganz froh, dass sich nicht alle gleichzeitig treffen. So können sie die Zeit mit ihren Liebsten intensiver geniessen, es sei z.B. weniger laut und dadurch auch nicht so anstrengend. Ich habe viele meiner KlientInnen gefragt, ob sie traurig seien, dass sie dieses Jahr ein spezielles, so noch nie dagewesenes Weihnachtsfest erwarte. Alle verneinten: «So ist es eben. Schlimmer wäre es doch, sich anzustecken!» Ich bin sehr dankbar für diese Rückmeldungen. Diese positiven Aussagen zu diesem «zerrissenen» Weihnachten machen auch mir Mut.

Ich werde das Weihnachtsfest also ohne meine Eltern, meine Oma und meine Geschwister feiern – aber trotzdem fröhlich: mit meinem lieben Mann und unseren zwei bezaubernden Kindern. Vermutlich werden wir Videotelefonie in die alte Heimat machen, um so doch ein kleines bisschen beinander sein zu können.

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes Weihnachten und eine intensive Zeit miteinander.

Manuela Brachs, Spitex Kelleramt, Jonen

Cherzli 17: Weihnachten lässt sich zum Glück nicht verschieben

An der Kreisschule Kelleramt und an der Primarschule Jonen geniessen die Kinder und die Lehrpersonen die spezielle Atmosphäre während der Adventszeit. Die Oberstufenschüler und die Lehrpersonen haben sich problemlos an die Maskenpflicht gewöhnt und halten sich hervorragend an die Regeln.

Natürlich mussten wir schweren Herzens das Schülerfest oder das Weihnachtsessen absagen, aber die Flexibilität der Kinder und der Erwachsenen sind beeindruckend und der Geist der Advents- und Weihnachtszeit verleiht Flügel: Überall, in den Schulzimmern, in den Gängen und in den Büros, ist alles festlich geschmückt und brennende Kerzen in wundervollen Gestecken verbreiten ein wärmendes Licht.

Diese frohe Stimmung tragen wir als Schule auch hinaus ins Dorf, denn drei der 24 Joner Adventsfenster wurden von Schulklassen und ihren Lehrerinnen liebevoll gestaltet.

Damit wegen den Abstands- und Kontaktregeln der Zusammenhalt im Kollegium nicht zu stark leidet, beschenken wir uns als geheimnisvolle Wichtel gegenseitig und verbreiten so viel Freude und zaubern ein Strahlen auf zahlreiche Gesichter. 

Ein Krippenspiel darf in dieser Zeit natürlich auch nicht fehlen und so haben unsere 2.-Klässler mit grossem Engagement geübt und das beeindruckende Schauspiel unter Einhaltung der obligatorischen Schutzmassnahmen ihren Eltern und Geschwistern via Zoom-Live-Schaltung vorgeführt.

Während den Proben für das Krippenspiel kam ein Zweitklässler auf mich zu und sagte voller Freude: «Gäll Herr Koch, zom Glöck loht sech d’Wiehnacht vom Coronavirus ned lo vertriibe!»

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern gute Gesundheit, besinnliche Adventstage und schon bald frohe und beglückende Weihnachten.

Wädi Koch, Schulleiter Jonen

Cherzli 16: Das innere Licht entfachen

Seit Beginn der Corona-Krise Anfang Jahr habe ich gespürt, dass dieses neue Virus eine Botschaft in unsere Gesellschaften und in unsere Lebensweisen bringt. In kurzer Zeit wurden wir gezwungen, unsere nach aussen gerichteten Aktivitäten wie Sport, Restaurantbesuche, Kino, Theater, Familientreffen einfach aufzugeben und uns nach innen zu wenden, zu uns einzukehren. Ganz unerwartet ist eine Einladung oder sogar eine Aufforderung an uns herangetragen worden, still zu werden, den Geist zur Ruhe zu bringen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Abseits der heftigen Diskussionen zwischen Politikern, Wissenschaftlern, Ärzten und Skeptikern ist es für mich als Yoga- und Meditationstrainerin auch nicht ausschlaggebend zu wissen, woher das Virus kommt und wer es in die Welt gesetzt haben könnte; nein, es ist da und es will mir etwas beibringen. In dieser langen Ruhephase der Absage an viele soziale Aktivitäten, Kurse und Reisen komme ich immer wieder in Kontakt mit mir selbst und habe noch mehr die Gelegenheit, mich tiefer zu erforschen und zu erfahren.

In diesen letzten Monaten konzentriere ich mich täglich auf meine Atemübungen und Meditationen; dabei wachsen mein Bewusstsein und meine Dankbarkeit für das grandiose Körper-Geist-System, das uns zur Verfügung steht, und ich komme immer mehr ins Staunen.

Vorerst erlauben mir intensive Atemübungen, meine Zellen und meine Organe zu reinigen,  mein Nervensystem zu beruhigen und mich von alten körperlichen aber auch psychischen Schmerzen zu befreien. Ich fühle mich dann leicht, energievoll und verjüngt! Die Konzentration auf den Atem steht ja in vielen Religionen im Zentrum, wobei als gemeinsamer Nenner immer wieder die Verbindung genannt wird, die der Atem zwischen Geist und Körper darstellt. Mit dem Atem – darin sind sich viele Mystiker einig – regulieren wir das Zusammenspiel der feinstofflichen mit den grobstofflichen Aspekten unseres Seins. Erst wenn wir solche Atemübungen über eine längere Zeit – über mehrere Wochen hinweg – täglich anwenden, begreifen wir, was damit gemeint ist.

Mit diesem beruhigten Geist ist es dann ein Leichtes, sich der stillen Meditation zu widmen, sich locker hinzusetzen und dem Universum um uns herum, aber auch in uns zu lauschen. Auch hier bringt die regelmässige Übung berührende Erfahrungen; im besten Fall können wir die zarten Verbindungen zwischen Makro- und Mikrokosmos immer besser wahrnehmen und uns als perfektes System erfassen, das in ein grosses Ganzes sorgsam eingebettet ist. In dieser Phase der Meditation können wir diese als Weg zum göttlichen Licht in uns erfahren.


Gerade jetzt, in den Adventstagen, in denen viele Menschen das Bedürfnis haben, ihre Häuser im Aussen wieder mit Licht zu erhellen, kann es genauso wertvoll sein, alles daran zu setzen, das innere Licht zu entfachen.

In diesem Sinn wünsche ich allen lichtvolle und glückliche Festtage!

Mariane Steffen, Oberlunkhofen

Cherzli 14: Eine richtige Gemeinschaft

An zwei Abenden pro Woche verteilt der Verein «Aufgetischt statt Weggeworfen» gratis Lebensmittel an armutsbetroffene Menschen, einmal in Oberlunkhofen und einmal in Bremgarten. Diese Lebensmittel werden von den Grossverteilern zur Verfügung gestellt. Es sind einwandfreie Lebensmittel, die von den Läden an diesem Tag nicht mehr verkauft werden können oder die sie nicht mehr verkaufen wollen.

Für diesen Adventskalender-Beitrag befragte ich die Bezüger, was es für sie bedeute, hier für den symbolischen Unkostenbetrag von 1 Franken Lebensmittel zu bekommen. Alle sagten, das sei eine grosse Entlastung für ihr Budget und sie seien sehr dankbar, dass es diese Abgabe gebe.

Eine gepflegte Schweizerin sagte mir, für sie sei es überlebenswichtig, denn ihre dreiköpfige Familie könne fast eine Woche von diesen Lebensmitteln leben. Einmal hatten wir – eher eine Ausnahme – viel Fleisch zum Verteilen.

Eine junge Frau rief spontan: «Oh, jetzt kann ich wieder einmal Fleisch essen!»  Ihr war die Vorfreude auf diese Fleischmahlzeit trotz Maske, am Gesicht bzw. an ihren strahlenden Augen deutlich abzulesen.

Eine Bezügerin erzählte mir, wie viel Überwindung es sie gekostet habe, auf der Gemeinde eine Bezugskarte zu beantragen. Sie hätte sich total minderwertig gefühlt, als sie zum ersten Mal zur Lebensmittelabgabe gekommen sei. Nun sei das ganz anders. «Wir sind eine richtige Gemeinschaft geworden. Wir sitzen alle im selben Boot und haben es gut zusammen.»

Sie lachen und schwatzen zusammen, wenn sie in der Kälte warten müssen, denn wegen Corona dürfen immer nur zwei Personen zusammen ins Lokal.

Wir behandeln die Bezüger mit Respekt und Würde. Für uns sind sie Lebensmittelretter. Denn ohne sie würden diese Lebensmittel fortgeworfen.

Diese Menschen sind unglaublich dankbar. Sie beschenken uns mit ihrer Freude und Dankbarkeit. Nicht nur die Bezügerinnen und Bezüger, sondern auch wir freiwilligen HelferInnen sind glücklich. Wir retten jede Woche etwa 200 Kilo Lebensmittel vor der Abfalltonne und helfen damit rund 100 armutsbetroffenen Personen.

Zufrieden und bepackt mit vielen Taschen verabschieden sie sich von uns und rufen «Danke, danke – und tschüss, bis nächste Woche!».

Diese Freiwilligenarbeit bereichert unser Leben. Es ist eine sehr sinnvolle und sinngebende Arbeit, die wir rund 35 HelferInnen zweimal pro Woche leisten. Auch wir haben unsere Sorgen und Ängste, und es ist nicht immer ein Trost, dass es anderen noch schlechter geht. Und trotzdem tut es gut. Ein Lächeln, ein Gespräch, sich zu einer Gemeinschaft gehörend fühlen. Es braucht so wenig, um andere und sich selber glücklich zu machen.

Weihnachten haben wir jede Woche.

Doris Peier, Regionalleiterin «Aufgetischt statt Weggeworfen» Kelleramt-Bremgarten, Oberlunkhofen

Cherzli 13: Advent, Advent, die Mama rennt…

(Eine Liebeserklärung an die Weihnachtszauberzeit)

Die Adventszeit ist für uns dieses Jahr sehr speziell – und dies ausnahmsweise mal nicht wegen dem weltberühmten Virus. Nein… Wir dürfen dieses Jahr zum ersten Mal mit drei Kindern in den Zauber der Weihnachtszeit eintauchen. Zudem ist es ein Jahr, in dem ich an Weihnachten definitiv nicht arbeite, da ich noch in verlängerter Mamazeit bin.

Jeweils zum 1. Advent zieht bei uns ein Wichtel ein. Unser Wichtel heisst Benno, treibt vielerlei Unfug, und die Kinder sind ihm jeweils beim Aufbau seines Häuschens behilflich. Wichtel kann man leider nie sehen, aber zum Glück schreiben sie Briefe. Benno hat seit kurzem eine Freundin: die Heidi. So, wie es aussieht, werden die beiden wohl bald heiraten und ein Baby bekommen. Damit nächstes Jahr dann auch alle drei Kinder ihren Wichtel haben… Diese Wichtel haben in den vergangenen Jahren sehr an Popularität gewonnen. Und wenn man die strahlenden Kinder sieht, die morgens im Pyjama zu den Häuschen ihrer Wichtel rennen, um zu schauen, was ihr Wichtel in der Nacht gemacht hat, dann weiss man auch wieso!

Die Kinderherzen höher schlagen lässt jeweils auch der Waldsamichlaus in Jonen. Wie jedes Jahr wird dieser vom Familienverein liebevoll organisiert. Selten sehen wir unsere zwei Grossen so still. Und selbst ich muss zugeben: So mitten im Kerzenschein im Wald am Abend macht dieser Samichlaus echt Eindruck. Für uns zaubert er immer ganz tolle Erinnerungen für das Lebensrucksäckchen unserer Kinder. Wir sind dankbar, hat der Samichlaus ein tolles Schutzkonzept ausgearbeitet und durften wir ihn auch dieses Jahr besuchen.

Heiligabend werden wir zu Hause feiern. Beziehungsweise auch «Teilzeit-draussen». Am Nachmittag gehen wir in den Wald und schmücken ein Bäumchen für die Waldtiere. Wie jedes Jahr wünsche ich mir dazu etwas Schnee… Dieses Waldweihnachten ist unsere Familientradition und verbindet unsere Liebe zur Natur mit der christlichen Tradition. Zu Hause haben wir ein kleines Bäumchen, welches die Kinder fürs Christkind schmücken. Meist will der Grosse dann ganz genau wissen, wie das damals alles war mit der Geburt von Jesus. So im Stall ohne Hebamme und Badewanne… Das Wunder der Geburt – das Wunder des Lebens!

Geschenke gibt es für jedes Kind jeweils eines. Dieses Jahr stehen bei uns die Waldorfpuppen hoch im Kurs. Die Kleinste bekommt ein Geburtskettchen. Wir Erwachsenen schenken einander achtsame Momente. Etwas, was auch unter dem Jahr immer wieder empfehlenswert ist.

Am Weihnachtstag werden wir unsere Familien sehen und dieses Jahr wohl auch draussen feiern. Das kommt uns aber sehr entgegen, da wir ganzjährig gerne draussen am Feuer sind und dies auch irgendwie einen ganz speziellen Weihnachtszauber mit sich bringt.

Neben den offiziellen Feiertagen gibt es bei uns im Dezember auch noch drei Geburtstage zu feiern, was diese Zeit natürlich etwas stressig werden lässt. Der Geburtstag der Mittleren wird ausgiebig zelebriert. Derjenige von Opa und meiner hingegen treten mehr und mehr in den Hintergrund, da wir ihnen zurzeit einfach weniger Bedeutung zusprechen. So verschieben sich die Prioritäten…

Der Dezember lässt mich seit klein auf eine wohlige Wärme spüren – voller Geborgenheit und Anmut. Dieses Eintauchen und Wahrnehmen von Wundern möchte ich unseren Kindern mit auf den Weg geben. Weihnachten im Herzen, nicht im Geschenkpapier unter dem Baum.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Adventstage, die warme Erinnerungen zaubern. Dass Sie sich tragende Momente gönnen und mit allen Sinnen in den Genuss eintauchen. Dass Sie Erwartungen bedenkenlos ziehen lassen und herzensnahe Begegnungen erleben dürfen. Und dass Sie zwischendurch auch einfach mal ganz bei sich sein können.

Caroline Müri, Jonen

Cherzli 11: Wieso wir das machen

Wir stehen in der für mich schönsten Jahreszeit, der Adventszeit. Ich liebe es, unser Haus zu dekorieren und die Fenster mit Lichterketten zu schmücken, und ich liebe die langen, gemütlichen Abende. Dieses Jahr ist alles ein wenig anders. «Corona» begleitet unseren Alltag weiterhin mehr, als wir uns dies vorgestellt haben. Nach der ersten Welle kehrte im Sommer kurz wieder etwas Normalität ein. Das Thema rückte bei vielen etwas in den Hintergrund, wir genossen unbeschwertere Momente.

Auch im Spital, in welchem ich als Pflegefachfrau arbeite, wurde es bezüglich Corona etwas ruhiger. Trotzdem betreuen wir auf unserer Station seit Mitte Februar ununterbrochen Covid-19-Patienten. Die Isolationszone wurde im Sommer für kurze Zeit zurückgebaut, die Patienten in den gewohnten Isolationszimmern behandelt. Die Arbeit war bei deutlich weniger Corona-Patienten jedoch nicht weniger anstrengend. Bei Aussentemperaturen von über 30 Grad war die Arbeit unter den Schutzkleidern mit Mantel, Handschuhen, Maske und Schutzbrille nämlich um ein Vielfaches schweisstreibender.

Gegen Ende der Sommerferien nahmen die Fallzahlen zu, und damit auch die Hospitalisationen. Erneut wurden ganze Stationen zur Isolationszone umgestaltet. Hier konnten wir von unseren Erfahrungen aus der ersten Welle profitieren, die Zone war rasch mit allen notwendigen Materialien eingerichtet. Wir waren für die zweite Welle gerüstet, die dann doch schneller als erwartet in der Schweiz ankam.

Einiges routinierter als noch in der ersten Welle bewältigen wir unseren Arbeitsalltag. Das An- und Ausziehen unserer Schutzkleider geht speditiver. Die Abläufe sind bekannt, sie sitzen. Im Vergleich zum Frühling, als wir vor allem ältere Menschen betreuten, behandeln wir derzeit auch deutlich jüngere Patientinnen und Patienten. Weiterhin gibt es Situationen, die mir nahegehen. Ich denke etwa an Patienten, die von heftigen Hustenanfällen geschüttelt werden und würgen und nach Luft schnappen, denke an Augen, die dabei verzweifelt aussehen. Nach kurzer Zeit lässt der Husten nach, die Patienten sind erschöpft. 

Die Arbeit ist und bleibt anstrengend. Sie bringt uns an unsere Grenzen, physisch und psychisch. Pro Schicht ziehen wir uns bis zu sechsmal um, von Kopf bis Fuss. Immer wieder gibt es natürlich auch Todesfälle. Angehörige dürfen nur ausnahmsweise zu Besuch kommen – dann nämlich, wenn der Zustand eines Patienten sich massiv verschlechtert. Sie müssen dann die komplette Schutzausrüstung tragen. Wenn ihre Liebste, ihr Liebster verstorben ist und der sogenannte «Body-Bag» einmal geschlossen ist, darf dieser nicht mehr geöffnet werden. Das ist die bittere Realität.

Im Privaten erlebe ich die traurigen Gesichter meiner Kinder, weil sowohl der Räbeliechtli-Umzug als auch das Kerzenziehen, der Samichlaus und Theaterbesuche abgesagt werden. Die Feiern in der Weihnachtszeit sind derzeit unsicher. Der Bewegungsradius ist wieder deutlich eingeschränkt, und viele fragen sich: Ist das wirklich alles nötig? Ist Covid wirklich so schlimm? Darauf kann ich nur antworten: Ja, es ist schlimm. Und ja, das ist alles nötig – um die Spitäler zu entlasten, und um das Personal zu entlasten, das seit Pandemiebeginn 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag alles gibt, damit alle Personen gepflegt werden können, die aus irgendeinem Grund eine Hospitalisation nötig haben.

Ich kann durchaus verstehen, wenn das für viele unverständlich ist und wenn viele deshalb über eine gewisse «Corona-Müdigkeit» berichten. Auch ich bin ja traurig, dass der diesjährige Advent weniger leuchtet und dass wir keinen Weihnachtsmarkt besuchen können, dass die geselligen Weihnachtsessen ausfallen. Trotzdem glaube ich, dass es der Gesellschaft auch gut tut, wenn ein gewisser Überkonsum reduziert wird und wir uns wieder mehr an den kleinen Dingen im Leben erfreuen können. Bei mir sind dies die strahlenden Augen meiner Kinder, wenn sie am Morgen ein weiters Törli ihrer Adventskalender öffnen dürfen – und auch die viele Zeit, um ausgiebig Geschichten zu erzählen, Weihnachtsgeschenke zu basteln und miteinander Guetzli zu backen. Das geniesse ich dieses Jahr besonders.

Von Herzen wünsche ich Ihnen allen eine wunderbare und gesunde Adventszeit. 

Daniela Heggli, Oberlunkhofen