Cherzli 24: «Des Himmels Lobgesang»

Heiligabend ist da!

«Hört, der Engel helle Lieder» (französisches Weihnachtslied,
bearbeitet von K. Kobayashi)

Klavier: Hyunah Rottenschweiler, Oberlunkhofen
Aufnahme: Fabian Bürgi, Arni

Vielen herzlichen Dank den lieben Menschen, die in den letzten Tagen und Wochen ein Türchen gestaltet haben, und vielen herzlichen Dank auch Ihnen allen: für Ihr Interesse an diesem besonderen Adventskalender.

Frohe Weihnachten!

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

Cherzli 23: Fortsetzung

Hinter Türchen 1, liebe*r Leser*in, da hatte ich zur Begrüssung geschrieben: «Ab heute und bis Heiligabend erwartet Sie hier also jeden Tag ein neuer Beitrag von einer lieben Nachbarin oder einem lieben Nachbarn aus dem Kelleramt: eine Erinnerung, eine Geschichte, ein Bericht, eine Musik… Es wird etwas fürs Gemüt, und es wird Ihnen gefallen. Wetten, dass…?»
Ich glaube nicht, dass ich zu viel versprochen habe. Die vielen schönen Rückmeldungen zeigen, dass all den Menschen, die in den letzten drei Wochen auf ihre je eigene, ganz persönliche Weise einen Beitrag zu diesem Adventskalender leisteten, genau das gelungen ist: etwas fürs Gemüt zu schaffen, was gefällt. Ich hoffe, dass wir so mithelfen konnten, auch denjenigen unter Ihnen, die anfangs noch nicht in Adventsstimmung waren, ein paar «Cherzli» zur Seite zu stellen. Manchmal kommt der Appetit ja erst mit dem Essen – und die Feierlaune mit einem Kalender.

In einem Fall trug unser Kalender übrigens besonders zur Feierlaune bei: Unser zwölftes Türchen fand nämlich eine wunderschöne Fortsetzung im «echten» Leben! Hinter jenem Türchen – Sie erinnern sich sicher – berichtete eine Frau und Mutter, dass ihr Ehemann kurz zuvor seine Stelle verloren hatte. Und sie schilderte, mit welchen Gefühlen sie Richtung Weihnachten schaut. Schon am Tag der Veröffentlichung, es war der 3. Advent, sprach mich ein Kirchgänger, der auch ein fleissiger Leser dieses Adventskalenders ist, auf den Beitrag an: Dieser habe ihn sehr berührt. Ob man der betreffenden Familie denn etwas Gutes tun könne? Nun: Keine 24 Stunden später schrieb mir ebendieser Herr, dass er nun im Umfeld seiner kirchlichen «Gspänli» eine Geldsammlung gestartet habe. Ich könne das Geld dann ja einige Tage vor dem Fest an die (anonym gebliebene) Familie übergeben… für ein schöne(re)s Weihnachten! Und genau so haben wir es dann auch gemacht – zur riesigen Freude der so Beschenkten.
Es stimmt also tatsächlich: Manchmal kann ein Kalender zur Feierlaune beitragen.
Und noch etwas anderes zeigt diese Geste: Ein Weihnachtswunder muss nicht «von oben» kommen. Es kann auch ganz und gar menschengemacht sein.

Ich wünsche Ihnen, liebe*r Leser*in, ein gutes Adventsende und viel Vorfreude auf den morgigen ersten Weihnachtstag. Dann erwartet Sie natürlich noch – wen wunderts? – ein besinnlicher Abschluss dieses Adventskalenders. Etwas fürs Gemüt. Es wird Ihnen gefallen.

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

Cherzli 22: Zeitlos

Es begab sich zu einer Zeit, da vieles in den Sternen stand. In einem kleinen Dorf im Kelleramt lebte ein Zimmermann mit seiner Frau. An einem der ersten Frühlingstage, als die Frau gerade etwas im Dorfladen einkaufen war, begegnete ihr auf dem Nachhauseweg eine Unbekannte. Welch wundervoll glitzerndes Kleid diese Frau trug! Die Sonne bahnte sich kraftvoll ihren Weg durch die Schäfchenwolken, und ein heller Schein kitzelte die Kellerämterin an der Nase. Vom Anblick der Unbekannten gefesselt, blieb die Frau stehen. «Vertraue! Bald wird dir das Leben ganz wundervoll begegnen!», sprach die Unbekannte zu ihr und lächelte dabei sanftmütig. Ehe die Kellerämterin etwas erwidern konnte, war die glitzernde Gestalt auch schon im nächsten Bus verschwunden.

Die Frau wunderte sich über diese Begegnung und erzählte ihrem Mann beim Abendessen davon. Obwohl er viele Bewohner des Dorfes gut kannte, konnte auch er diese Frau keiner Familie zuordnen. So liessen sie vom Thema und widmeten sich ihrem Alltag.

Einige Wochen später bemerkte die Frau, dass ihr öfter flau im Magen war. Sie war zudem plötzlich sehr weinerlich und spürte ein Ziehen im Unterleib. Zuerst dachte sie, sie hätte sich einen Magen-Darm-Infekt eingefangen. Nachdem sie und ihr Mann bereits mehrere Jahre erfolglos versucht hatten, ein Kindchen zu empfangen, konnten sie dieses unglaubliche Wunder erst gar nicht begreifen. Sofern so ein Wunder überhaupt begreifbar sein würde.

Unbeschreiblich war ihre Freude und Liebe zu diesem heranwachsenden Kinde, gemischt mit grosser Demut und Dankbarkeit. Natürlich waren da auch Ängste und Zweifel, ob sie der neuen Aufgabe und diesem Kind gerecht werden könnten. Und sie waren gespannt, wer ihr Familie bereichern mochte.

Liebevoll bereiteten sie sich in den folgenden Monaten vor, und die Verbindung zu ihrem Kind wuchs von Tag zu Tag, wie auch der Bauch der Frau. Sie entschieden sich für einen Geburtsort und mussten aufgrund behördlicher Anordnungen vorher noch gewisse Formalitäten erledigen. Dazu war es notwendig, in den Geburtsort des Mannes zu reisen, der in einem anderen Kanton lag. Die Reise war sehr beschwerlich, war die Frau doch nun schon hochschwanger. Auf den Strassen lag bereits reichlich Schnee, und ihr alter VW holperte ziemlich. Aufgrund eines grösseren Verkehrsaufkommens wurde es Abend, bis sie den Geburtsort des Mannes erreichten. Das Zivilstandesamt hatte bereits geschlossen, und das Paar beschloss, eine Unterkunft zum Übernachten zu suchen. Es schneite noch immer, und die Frau war sehr erschöpft.

Einige der Gaststätten waren übers Jahr eingegangen, andere waren in der Winterpause. Der Tourismus in der Ortschaft war leider stark rückläufig. Das Paar fand ganz am Dorfrand noch ein kleines Airbnb, welches eine Übernachtung im kleinen Schuppen neben dem Kuhstall anbieten konnte. Die Frau war erleichtert ud müde, und ihre Beine waren schwer. Zügig wurde der Schuppen geheizt, und im Kerzenschein erschien es schon fast kitschig romantisch. Nebenan hörte man ab und an ein Muhen oder ein Blöken. Sternenklar brach die Nacht an. 
Kaum hatte sich die Frau aufs Schaffell im Bett gekuschelt, bemerkte sie schon ein leises Knacken. «Die Fruchtblase!» Konnte das wirklich sein? Kaum hatte sie das gedacht, spürte sie auch schon ein erstes Ziehen im Bauch. Blickaustausch mit ihrem Mann. Beide spürten: Das, worauf sie so lange gewartet haben, ist jetzt absehbar. Ihr Wunder ist unterwegs!

Nervosität und Unsicherheit machten sich breit. Der Frau blieb aber nicht viel Zeit zum Denken, ihr Körper arbeitete fleissig, und sie gab sich dem Geschehen ganz hin. Der Mann überlegte noch einen Moment, was denn nun wohl zu tun sei. Ob er Hilfe holen sollte? Aber ehe er den Gedanken zu Ende bringen konnte, brauchte seine Frau ihn, und er war an ihrer Seite, gab Halt und Kraft – und staunte. Die Stunden zerflossen in Momente, der Sturm der Geburt wackelte an ihrem Boot. Momente der Kraft, Momente der Verzweiflung. Und gerade als sie dachten, es gehe wirklich nicht… Stille! Und ein erster Schrei. Da lag es, von Papa aufgefangen, in Mamas Armen: ein kleines Menschkind Glück. Tränen. Unendliche Liebe. Stolz. «Wir haben es geschafft!»

Draussen brach der neue Tag an. Eisblumen zierten nun die Fenster. Die Hühner gackerten in der Kälte. Emsig gingen Leute am kleinen Schuppen vorbei. Nur wenige ahnten, dass uns in dieser Nacht, wie in vielen zuvor und in vielen danach, ein Wunder geboren worden war. 
Ein neuer Mensch. Ein neues Leben. Ein neuer Weltmitgestalter. Ein neues Wir.

Caroline Müri, Hebamme, Jonen

Cherzli 21: Bethlehem in den Niederlanden?

«Volkszählung zu Bethlehem» heisst dieses Bild des niederländischen Malers Pieter Bruegel der Ältere (1525/1530–1569).

Wie kommt der Maler dazu, die von König Herodes angeordnete Volkszählung in den Niederlanden anzusiedeln? Oder handelt sich bei diesem Bild gar nicht um die Zeit unmittelbar vor der Geburt Christi?

Die Einzelheiten auf dem Bild deuten aber auf dieses Motiv hin. Im Vordergrund des Bildes, rechts neben dem Fasswagen, sind Joseph und Maria zu erkennen. Maria sitzt auf einem Esel, einen Mantel um sich geschlagen und einen Korb am Arm. Joseph geht vor dem Esel her, sein Zimmermannswerkzeug trägt er auf dem Rücken und in einem Korb. Auf der linken Seite des Bildes ist vor einem Gasthaus eine Ansammlung von Männern und Frauen zu sehen. Dies könnte vermutlich der Ort sein, der für die angeordnete Volkszählung zu einem amtlichen Lokal umfunktioniert wurde. Zu diesem Ort scheinen auch Maria und Joseph hinzustreben. Das Gasthaus ist bereits voll, und es ist absehbar, dass Maria und Joseph, wenn sie an der Reihe sind, dort keinen Platz mehr finden werden.

Etwas rechts der Bildmitte steht eine einfache ärmlich anmutende Hütte mit einem kleinen Holzkreuz auf der linken Dachseite. Das könnte die Hütte sein, in der Maria Jesus zur Welt bringt – in der es Weihnachten wird. Das Kreuz auf dem Dach ist zwar historisch nicht ganz korrekt. Erst dreiunddreissig Jahre später wird durch den Tod von Jesus das Kreuz zum Symbol des christlichen Glaubens.

Offensichtlich will das Bild uns mitteilen – die Geburt Christi geschieht mitten im Alltag. Zu sehen sind eine Vielzahl arbeitende Erwachsene und spielende Kinder. Auch die Schlachtung eines Schweins ist zu erkennen. Eine Frau hält dabei eine Pfanne, um das ausströmende Blut aufzufangen.

Hinter dem Wirtshaus ist eine zugefrorene Gracht zu sehen. Neben verschiedenen Menschen, die über das Eis gehen, ist auch ein Elefant zu sehen, der im Eis eingefroren zu sein scheint. Wie kommt der Maler dazu, die Geburt Christi in eine Winterlandschaft in den Niederlanden zu verlegen? Und welche Bedeutung hat der Elefant auf dieser Gracht?

Wir kennen die Absicht des Malers nicht, mit der er dieses Bild gemalt hat. Vielleicht will er uns damit sagen, dass die Geburt Christi, welche als Sinnbild der Nächstenliebe zu verstehen ist, jederzeit und an jedem Ort möglich ist. Nicht der Ort ist das Entscheidende, sondern die Bereitschaft der Menschen, Nächstenliebe im Alltag zu leben.

Lassen wir uns von der Sprache des Bildes von Pieter Bruegel d.Ä. berühren und an die friedensstiftende Wirkung der Nächstenliebe glauben.

In diesem Sinne wünsche Ich Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit.

Felix Maurer, Oberlunkhofen

Cherzli 20: Staunen im Jetzt

Nur noch vier Tage bis Heiligabend. Die meisten Türchen am Adventskalender stehen offen. Bald hat das Warten ein Ende. Erinnern Sie sich noch an die Adventskalender ihrer Kindheit, die Ihnen damals die unendlich lange Zeit vom 1. Dezember bis Weihnachten überbrücken halfen?

Mir ist einer davon in intensiver Erinnerung geblieben. Er kam in mein Leben als Zusatzhülle um eine Ovomaltine-Dose. Man konnte ihn auf dem Tisch oder dem Fenstersims aufstellen und in seinem inneren eine Kerze anzünden. So leuchteten die Bilder der geöffneten Fensterchen bunt und warm bis in mein Kinderherz. Ich muss zugeben: An die Bilder erinnere ich mich leider heute, mehr als fünfzig Jahre später, nicht mehr. Die Ovo-Werbung trifft offensichtlich voll zu: ich erinnere mich dank Ovo nicht besser, dafür aber länger an diesen Kalender als an alle anderen.

Woran ich mich allerdings noch gut erinnern kann, sind die Gefühle, welche das Öffnen von Türchen am Adventskalender begleiteten. Dieses ungeduldige Kribbeln, vor allem am Anfang bei den ersten zwei, drei Türchen. Dieses warme Leuchten bei besagtem Ovo-Kalender. Wie sich dann allerdings das Kribbeln über die Tage in eine gewisse Routine wandelte und irgendwann zwischen dem 15. und dem 20. Dezember zu einer Mischung von Ungeduld und Gleichgültigkeit auswuchs. Wie ich mit der Zeit kaum noch wahrnahm, was sich hinter dem Türchen für ein Bild auftat, sondern nur noch ungeduldig auf das immer noch verschlossene grösste Türchen schielte. Es kann gut sein, dass ich sogar vergass, das Türchen vom 18. oder 19. Dezember zu öffnen. Und dann: Heiligabend, das vierundzwanzigste Türchen, das grösste und schönste Bild dahinter, der Tag war gekommen, das Warten hatte ein Ende.

Heute, im Rückblick, finde ich spannend, was der Adventskalender mit mir machte. Die ersten Türchen, die ersten Bilder dahinter holten mich ganz in den Moment. Sie liessen mich in kindlichem Staunen versinken, sie riefen Gefühle hervor, an die ich mich bis heute erinnern kann. Da aber, wo das Öffnen der Türchen zur Routine oder zur Ungeduld wurde, da passierte gerade das Gegenteil: Ich war nicht mehr staunend im Moment versunken, sondern lernte, dass es eigentlich nicht um das Hier und Jetzt geht, sondern um das, was kommt: nämlich um Heiligabend und Weihnachten. Das ist der Charakter der Adventszeit: Es ist die Zeit, die uns auf das Kommende vorbereitet; darauf, dass Gott als Mensch geboren wird und unter uns lebt.

Irgendwie beschäftigt mich das bis heute: Ist es nicht so, dass da, wo Menschen ganz im Hier und Jetzt sind, selbstvergessen und im Staunen versunken, ist es nicht so, dass genau da die Möglichkeit besteht, Gott im Hier und Jetzt zu erfahren? Das Gefühl, das mich vor mehr als fünfzig Jahren beim Öffnen der ersten zwei, drei Türchen am Adventskalender befiel, wird mir immer wichtiger. Klar: wir leben grundsätzlich in der Adventszeit. Es wird noch lange dauern, bis Gott wirklich als Mensch unter uns lebt. Aber für sein «Menschsein» sucht sich Gott staunende Menschenherzen im Hier und Jetzt. Menschenherzen, die vergessen, was gestern war und sich nicht sorgen über das, was morgen ist. Menschenherzen, die mit der Möglichkeit rechnen, dass Gott durch sie Mensch werden kann.

Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau

Cherzli 19: Gegen das Vergessen

I’ve looked at life from both sides now 
From win and lose and still somehow 
It’s life’s illusions I recall
I really don’t know life at all

(Joni Mitchell, «Both Sides, Now»)

Es ist interessant, wie wir uns an gewisse Dinge erinnern. An genau diese und an andere nicht. Andere versinken einfach und sind weg. Ganze Landschaften von Zeiten, Namen, Gesichtern, Orten. Gefühle sogar. Und Gerüche. Und manchmal sind sie wieder da, auf einmal. Und dann wieder weg.

Es ist beinahe so, als gäbe es dieses grosse Meer an Erinnerungen, wenn man zurückschaut. Deine ganze Existenz bis zum jetzigen Zeitpunkt ist eine einzige, langsam wogende Masse in verschiedenen Blautönen, und abgesehen von der offensichtlichen Felsformation links von dir am Strand, von wo aus du das Meer betrachtest, welche sich mutig den anrollenden Gezeiten stellt und an der die Wellen in rauschenden Schaumexplosionen zerschellen, gibt es keine augenfällig anderen Strukturen als die des Wassers. Einfach nur Wasser. Langsam wiegend, bewegt es sich auf dich zu. Und wieder von dir weg.

Und doch, wenn du lange genug dastehst und einfach schaust, dann scheint es so, als hätten einzelne wenige Wassertropfen komplett vergessen, was eigentlich ihre angeborene Aufgabe ist und sie vermischen sich nicht mit den anderen Molekülen, um genauso zu werden, wie alle anderen es schon sind. Sie werden nicht zu Wasser. Sie treiben isoliert und tragen einen anderen genetischen Code als die Menge. Sie tun nur so, als seien sie Teil des Ganzen. 

And if you care, don’t let them know. Don’t give yourself away.

Meine früheste Kindheitserinnerung stammt aus der Zeit, in der ich etwa zwei Jahre alt war. Ich stehe vor einem kleinen Steinbrunnen und trage eine handgestrickte Wolljacke aus verschiedenen Farbresten und es muss spät im Herbst gewesen sein, denn das Wasser ist in meiner Erinnerung kalt und meine Finger ebenso. Am moosbedeckten Rand des Brunnens treibt ein kleiner roter Gummiball. Aber es ist nicht wirklich eine Erinnerung, denn ich schaue mir selber von oben herab zu, aus der Höhe und dem Winkel der Fotoaufnahme. Ich sehe, wie meine Haare in schrägen Linien geschnitten und die kindlich dicken Backen gerötet sind und wie das Kind überrascht zum Fotografen aufschaut. Natürlich war das zu einer Zeit, in der man den fertigen und zurückgespulten Film zuerst ins Fachgeschäft bringen musste, eine Woche oder länger wartete, um dann für teures Geld fertig gedruckte Bilder zu erhalten, die dem entsprachen, was man festhalten wollte oder auch nicht und manchmal waren die Fotos schwarz und rötlich und mit einem wasserfesten Stift durchgestrichen und der Lebensbeweis ausgelöscht für alle Zeiten. Dann wurden die besten (und manchmal auch die weniger guten, aber ebenso teuer bezahlten) wertvollen Zeitzeugen auf ein Papier geklebt, mit oder ohne ähnlich kostspielige Fotoecken, und es gab zuweilen einen humorvollen Spruch daneben oder auch nur ein Ort und ein Datum, um den einen (un)bedeutenden Fussabdruck auf dem unendlichen Teppich der Zeit festzuhalten. Jetzt sind die Seiten gelblich und die Schrift leicht verblasst und manchmal fehlt das Bild ganz, wurde herausgerissen für eine Collage oder eine Geburtstagseinladung – schaut nur, wie jung ich einmal war, bevor ich versehentlich älter wurde – und manchmal wurde auch ein Teil des Bildes weggeschnitten. Ein kreisrundes Loch wo einmal ein Kopf war. Spannend.

Tatsächlich. Meine erste Erinnerung ist gar keine. Es ist eine Fotografie, ein festgehaltener Moment, an den ich mich nicht erinnere, der aber stattgefunden hat. Ich fühle nicht wirklich, wie meine Hände kalt sind. Ich weiss es nur, weil sie gerötet sind und im Wasser. Dennoch, wenn man mich fragt, was meine früheste Erinnerung sei, dann sage ich: das.

Franziska Gelzer, Islisberg

Cherzli 18: Von Herzen und ganz persönlich

Der Advent ist in meinen Augen der schönste Teil dieser doch eher trostlosen Jahreszeit. Viele Lichter, die aus den Häusern und aus den Gärten erstrahlen. Es wärmt mir das Gemüt, wenn ich so durch die Strasse gehe oder fahre und den Lichterglanz bewundern kann.

Der Advent ist auch die Zeit, in der wir uns Zeit nehmen sollten, um das Jahr Revue passieren zu lassen. Um in uns zu gehen. Das Jahr hat begonnen im Winter, wenn alles schläft. Im Frühling erwacht alles zum Leben. Der Sommer bringt uns Wärme und die Sonne, sie lässt uns Licht tanken, gefolgt vom Herbst, in dem geerntet wird. Der Advent ist aber auch immer eine eher hektische Zeit, und dies jedes Jahr aufs Neue. Weshalb wir uns das jedes Jahr immer wieder antun? Tja, keine Ahnung.

Advent: der Adventskalender gehört bei uns auch dazu. Unser Jüngster zählt jeweils die Tage, bis er das erste Törchen öffnen darf. Er geniesst es, jeden Tag etwas Kleines dem Kalender zu entlocken. Advent: dazu gehört bei uns auch der Adventskranz, auf dem auch immer die Kerzen erstrahlen. Am Ende des Advents steht dann Weihnachten: das Fest der Feste, für das ein Tannenbaum in der Stube aufgestellt und gemeinsam geschmückt wird. So viele Traditionen, die wir weiterführen, und doch verändert sich alles mit der Zeit.

Zurzeit muss ich jedoch viel an Menschen denken, die ich zwar nicht kenne – aber trotzdem denke ich an sie. Es gibt so viele Menschen, bei denen so vieles anders ist, die eventuell auch einfach einsam sind in dieser Zeit. Das bekümmert mich sehr. Viele sprinten nun in dieser hektischen Zeit umher, viele nehmen sich kaum Zeit für sich selber, geschweige denn für den lieben Menschen nebenan. Wir zerbrechen uns oft auch den Kopf darüber, was wir dieses Jahr wieder unter den Weihnachtsbaum legen sollen. Vielleicht wäre es aber auch schön, nicht etwas zu kaufen, das dann am nächsten Ort nur herumsteht, sondern sich stattdessen Gedanken zu machen, ob die Person, die man beschenken möchte, nicht mehr davon hätte, wenn man Zeit mir ihr verbringt, in welcher Form auch immer. Ich denke, wir möchten alle, dass es unseren Lieben gut geht. Dass sie gesund sind und bleiben. Dass sie zufrieden und guten Mutes sind – und dies ist ein Geschenk, das man in keinem Regal findet. Das ist etwas, was wir von Herzen und ganz persönlich weitergeben können in dieser rasanten, schnelllebigen Zeit.

Liäbi Leser, hebed enand grad jetzt i dere schwierige und doch so schöne Ziit Sorg und bliibed oder werded gsund.

Text: Claudia Lüscher, Arni
Foto: Urs Lüscher, Arni

Cherzli 16: Verklemi

«Verklemi!» Der Daumen surrt.
Die alte, aus gebrochenen und naturbelassenen Steinen aufgebaute Mauer, fiel mir bei einem Dorfrundgang auf. Der eine Stein trägt den andern.
In den Zwischenräumen rankt ein Efeuzweig. Eine Ameise krabbelt über ihren Berg.
Meine Gedanken spazierten: Damals gab es keinen Mörtel. Die Steine wurden sorgfältig, fast lückenlos, aufgeschichtet.
Der Spalt ist zwischen zwei Steinen. Er ist im Zwiespalt.
Ist er der Zwischenraum des Steins zur linken oder zur rechten Seite? Er ist in seiner Aufgabe eingeklemmt.
Was nun?
Im Leben stehen wir hie und da im Zwiespalt.
Unversehens. Oft.
Der Zwiespalt ringt hin und her. Entscheidungen drängen.
Sehe ich die heutige Zeit, die wir mittragen, als Zwiespalt oder als Zwischenraum?
Vorher – Jetzt – Nachher?
Der Zwiespalt fragt nach.
Der Zwiespalt wäre der kreative Teil des Ganzen?
Ein Paradox? Nein! Viele Eintöpfe gewinnen vom Miteinander der Zutaten.
In der kreativen Pause entwickeln sich neue Ideen. Fragen zeigen Antworten.
«Wo ist der Stern von Bethlehem?»
«Was soll das bedeuten?»
Hätten sich die Könige nicht gefragt? Sie würden sich nicht aufgemacht haben, den Stern zu finden.
Die Adventszeit als Zwischenraum, als Zwiespalt sogar oder als kreative Zeit?
Die Anhängerkupplung verbindet die Last mit dem Zugfahrzeug.
Das Kind hängt Duplo-Eisenbahnwagen zu einem langen Zug zusammen. Souverän führt es die Lokomotive den Schienen entlang auf die Reise.
Die Eidechse, die im letzten Sommer in den Spalten Schutz fand, wird das Beben gespürt haben. Sie wird sich rechtzeitig auf den Weg machen und einen besseren Platz finden. Die Baggerschaufel würde sie sicher nicht gehört haben.
Der Zwischenraum verbindet die beiden Seiten miteinander. Er lässt atmen.
Der Zwiespalt sucht Antworten. Er gibt uns Raum, die Möglichkeiten zu überdenken.
Er verbindet die Etappen.
«Aua»! Der Schlag auf den Daumen gäbe eine Pause für den Gedankenanstoss.
Ich wünsche uns allen, dass wir miteinander Antworten entwickeln. Hört gut zu!
Sapperlopp!

Zwiespalt
Im Dazwischen –
Hin und Her –
Fragen bringen uns weiter –
Jetzt!

Nelly Stutz-Jakob, Unterlunkhofen

Cherzli 15: Über die Kunst des Ziele-Setzens

Alle Jahre wieder gibt es diese Deadline: den Jahreswechsel! Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie schnell doch die Zeit vergeht und was man oder frau im vergehenden Jahr erreicht hat (und was nicht). Und unweigerlich stehen wir vor Sinnfragen: Was will ich mit meiner Zeit machen? Wo stehe ich im Leben und gefällt mir die Aussicht? Was müsste ich verändern, um zufriedener und glücklicher zu sein?

Für das neue Jahr fassen wir manchmal neue, häufig aber auch die immergleichen «alten» Vorsätze: Mehr Sport machen. Aufhören zu rauchen. Weniger aufschieben. Abnehmen. Mehr Zeit mit der Familie verbringen. Weniger trinken. Endlich das Bastelprojekt abschliessen, das seit fünf Jahren in der Garage herumliegt. Weniger Süsses essen. Sich weniger stressen lassen. Endlich diesen grossen Traum verwirklichen. Weniger streiten. Glücklicher sein. Wir nehmen uns das vor und denken: «Ja, dieses Jahr klappt es bestimmt mit diesen guten Vorsätzen!» – nur um uns vier Wochen später am Kopf zu kratzen und uns selbst zu fragen: «Wie lautete dieser gute Vorsatz nochmals genau?»

Damit nächstes Jahr alles anders wird mit den Zielen, habe ich euch eine kleine (psychologische) Anleitung zur Kunst des Ziele-Setzens erstellt. Denn seien wir ehrlich: Wer bricht schon in Begeisterungsstürme aus bei einem Vorsatz wie «mehr Sport machen»? Eben. 

Deshalb hier eine andere Anleitung, um Ziele zu setzen:

  • Setze dir maximal 3 Ziele auf’s Mal. Weniger ist mehr.
  • Das Erreichen des Ziels muss zu 100 Prozent in deiner eigenen Kontrolle liegen. «Einen neuen Job finden» ist deshalb kein gutes Ziel, weil es nicht allein in unserer Hand liegt, ob ich eine Anstellung finde oder nicht. Besser wäre deshalb: «Ich schreibe jeden Monat vier Bewerbungen.»
  • Das Ziel sollte als ein «hin-zu»-Ziel formuliert sein. d.h. es sollte zu etwas hinführen, nicht von etwas weg. «Meinen ersten 5-km-Lauf absolvieren» ist besser als «Nicht so viel auf dem Sofa herumliegen». Das Wörtchen «nicht» sollte vermieden werden bei der Zielformulierung. «Nicht mehr so viel Süsses essen» ist deshalb ein schlechtes Ziel, weil unser Gehirn mit Verneinungen nicht gut umgehen kann.
  • Mache das Ziel messbar, stelle deinen Fortschritt sichtbar dar, es darf Spass machen. Zum Beispiel beim Ziel «Abnehmen» für jede 100 Gramm, die man abnehmen möchte, ein Kästchen auf ein Blatt Papier zeichnet. Nimmt man nun ab, kann man für jedes 100 Gramm, das die Waage weniger anzeigt, ein Kästchen ausmalen. Wer mit Rauchen aufhören möchte, kann sich ein Sparglas hinstellen und das Geld, welches er/sie für Zigaretten ausgegeben hätte, dort hineintun und zuschauen, wie sich das Glas zunehmend füllt.
  • Es ist wichtig, die Zielerreichung zu feiern (oder die Etappen, wenn es ein langfristiges Ziel ist) und sich zu belohnen. Die Erreichung eines persönlichen Ziels ist ein freudiges Ereignis und die Aussicht auf eine Selbstbelohnung spornt zusätzlich an.
  • Übernimm Verantwortung für das Ziel. Schreibe das Ziel auf einen Zettel und hänge diesen an den Kühlschrank, Badezimmerspiegel oder sonst einen Ort, wo es regelmässig zu lesen ist. Erzähle Familienmitgliedern und Freunden davon – denn diese werden nachfragen, wie es denn mit dem Ziel so läuft. Auch das hilft, motiviert zu bleiben.
  • Das Ziel sollte einen positiven somatischen Marker enthalten. Alle, welche ihr Haus mit der Konmari-Methode ausgemistet haben, wissen, was das ist. Dieser «Pling-Moment», dieses gute Gefühl im Körper, wenn man etwas in den Händen hält, das Freude auslöst. Auch Ziele können Freude auslösen, wenn sie richtig formuliert sind. Wie muss dein Ziel formuliert sein, damit du ein warmes Gefühl und ein Lächeln auf den Lippen hast, wenn du daran denkst?

Ich hoffe diese Anleitung hilft dir, deinen persönlichen Zielen näher zu kommen. In diesem Sinne eine Adventszeit voller positiver somatischer Marker und ein erfolgreiches 2022! 

Jeanin Huber, Psychologin, Bonstetten (ehemals Arni)

Cherzli 14: Zeit für Ruhe

Adventsfenster der Schule Rottenschwil
Detailansicht 1
Detailansicht 2

Zeit für Ruhe,
Zeit für Stille,
Atem holen und nicht hetzen,
unser Schweigen nicht verletzen,
lasst uns in die Stille hören.

Die Schule Rottenschwil wünscht Ihnen eine friedliche Adventszeit.

Ursula Duss, Schulleiterin Schule Rottenschwil

Cherzli 13: Vorfreude!

Bereits als Kind war die Adventszeit für mich eine Zeit der Vorfreude. Das ist heute nicht anders. Während ich mich als Kind allerdings vor allem auf den Samichlaus, die Geschenke, die schulfreie Zeit und den ersten Schnee freute, hat sich diese Vorfreude als Erwachsener gewandelt. Ich freue mich zwar immer noch auf den ersten Schnee und die freien Tage, viel mehr freue ich mich heute aber auf das Beisammensein der Familie über die Weihnachtstage.

Dem Heiligabend fiebere ich dabei immer besonders entgegen. Unsere Familie feiert den Abend vor Weihnachten seit über 35 Jahren im Boswiler Wald – bei jeder Witterung. Mittlerweile sind es drei Generationen, die am grossen Feuer zusammenkommen. Unter freiem Himmel wird grilliert, diskutiert, gelacht und wenn sich die Kälte doch mal bemerkbar macht, wärmen wir uns am Feuer in unserer Mitte.

Erzähle ich Aussenstehenden von dieser Tradition, ernte ich immer wieder irritierte Blicke. Mit skeptischem Unterton werde ich oft gefragt, ob es denn da draussen, nächtens unter dem freien Himmel im Wald, nicht kalt sei. Ich verneine jeweils und nehme den typischerweise ungläubigen Gesichtsausdruck der Fragenden mit einem Schmunzeln zur Kenntnis. Denn wer es nicht erlebt hat, kann sich die Wärme dieses Anlasses nur schwerlich vorstellen.

Dieses gemeinsame Fest zu Heiligabend im Wald macht für mich den wahren Zauber der Festtage aus. Die Gespräche am Feuer ohne Mobile-Empfang, der Duft nach Grilliertem, der Lebkuchen zum Dessert und ein «Angemachtes» mit Zimtgeschmack meiner Nachbarin aus meiner Kindheit machen diesen Abend wahrlich perfekt. Da nehme ich auch immer wieder gerne in Kauf, dass der 24. Dezember unweigerlich mit einer intensiven Dusche und nach Rauch riechenden Kleidern zu Ende geht.

Entstanden ist diese Tradition übrigens aus der Not heraus. Als Kinder war unsere Vorfreude häufig derart übertrieben, dass wir die Geduld unserer Eltern gar arg strapazierten. Meine Mutter trug meinem Vater deshalb irgendwann auf, uns Kinder irgendwie zu beschäftigen. Aus der Beschäftigungs­therapie im Wald wurde dann aber schon bald das magische Fest, wie wir es heute noch alljährlich feiern. Meine stark ausgeprägte Vorfreude auf den Wald hängt vielleicht auch ein wenig mit meinem Vornamen zusammen. Silvan – abgeleitet vom dem lateinischen Wort silvanus – heisst zu Deutsch so viel wie «der aus dem Wald».

Die Vorfreude auf diesen Abend und die Gelegenheit, gemeinsam ohne Hektik Zeit zu verbringen, schätze ich sehr. Als Erwachsener ist die Adventszeit häufig von Dutzenden Terminen geprägt. Meist bleibt dabei keine Zeit, sich über das zu Ende gehende Jahr Gedanken zu machen. Die Weihnachtstage verfliegen immer im Nu und machen der Vorfreude auf das neue Jahr Platz. Vorfreude darauf, dass der nächste Advent bestimmt kommt und Vorfreude darauf, dass ein neues Jahr mit spannenden Begegnungen und Erlebnissen ansteht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine besinnliche Adventszeit, frohe Weihnachtstage und ein tolles 2022. Und denken Sie daran: Geniessen Sie die Vorfreude auf die Weihnachtstage und auf ein spannendes neues Jahr.

Silvan Hunziker, Grossrat, Oberlunkhofen

Cherzli 12: Das grösste Geschenk

Advent, Advent ein Lichtlein brennt! Lebkuchen- und Glühwein-Duft liegt in der Luft. Lichterketten zieren die Häuser. Sie ist da, die wunderschöne Jahreszeit, die Adventszeit! Doch was ist, wenn die schönste Jahreszeit im Jahr plötzlich von Ängsten und Sorgen überschattet wird? Was ist, wenn der Ehemann und Papa nach Hause kommt und unter Tränen erzählt, dass er die Kündigung erhalten hat?

Es reisst einem den Boden unter den Füssen weg. Die Gedanken überschlagen sich: Wie bekommt man ohne Job alles auf die Reihe? Wie bezahlt man alle Rechnungen? Wie soll man in dieser Jahreszeit eine neue Anstellung finden? Was werden die Leute denken? Man hört schon das Geschwätz: «Wer arbeiten will, findet immer einen Job! Warum hat er wohl seinen Job verloren?» Der schwere Gang zum Arbeitslosenamt. Noch immer riecht es nach Punsch und frisch gebackenen Weihnachtsguetzli.

Die Kinder kommen mit leuchtenden Augen nach Hause und erzählen von ihren Wünschen an das Christkind. Ich schaue meinen Mann an, und dann wieder die Kinder. Wie sollen wir das schaffen? Wie sollen wir diese Zeit überstehen? Wie sollen wir unseren Kindern ihre Wünsche erfüllen? Das Christkind kennt keine Existenzängste und auch keine Geldsorgen.

Man probiert, für die Kinder stark zu sein. Sich die Ängste nicht anmerken zu lassen. Die Kinder sollen, dürfen unter dieser Situation nicht leiden. Sie dürfen das Strahlen in den Augen, die Vorfreude und das Aufgeregtsein nicht verlieren.

Doch wie geht man mit solch einer Situation um? Überall herrscht Freude und Harmonie, zumindest scheint es so. Die Weihnachtsmärkte boomen. Überall erklingt Weihnachtsmusik.

Dann die ständigen Fragen: «Hat er schon eine neue Arbeitsstelle? Ja, ist sicher nicht einfach in dieser Jahreszeit etwas Neues zu finden. Warum gehst du nicht arbeiten? Ach, ihr tut mir/uns so leid.» Gefolgt von einem Blick voller Mitleid. Am liebsten würde ich mich unter der Bettdecke verkriechen und erst wieder rauskommen, wenn der ganze Spuk vorbei ist. Mitgefühl ist schön, und es ist auch schön zu wissen, das man nicht allein ist. Nur kann uns niemand die Ängste und Sorgen abnehmen. Nicht zu vergessen: Es ist immer noch die schönste Jahreszeit im Jahr.

Als Familie ist man stark. Die Liebe zueinander lässt uns das Beste aus der Situation machen: Wir backen gemeinsam Weihnachtsguetzli, trinken Punsch, gehen die Adventsfenster anschauen und basteln Weihnachtsgeschenke.

Das Weihnachtsessen wird dieses Mal nicht so üppig ausfallen wie die letzten Jahre. Aber wir haben uns, werden zusammen sein und den Moment geniessen. Auch das Christkind wird den Weg zu uns finden. Die Sorgen werden für einen kurzen Moment beiseitegeschoben sein. Die Kinder werden strahlen, die Kerzen am Weihnachtsbaum den Raum erleuchten – die Kinder am Boden sitzen und mit ihren Weihnachtsgeschenken spielen. Mein Herz wird von Wärme umhüllt sein. Das ist mein grösstes Weihnachtsgeschenk.

Meine Familie, gemeinsam schaffen wir alles!

Anonym (Name bekannt)

Cherzli 10: Der Stern

gemalt von Robin, 2. Klasse

Der Stern
Hätt einer auch fast mehr Verstand
als wie die drei Weisen aus Morgenland
und ließe sich dünken, er wär wohl nie
dem Sternlein nachgereist wie sie;
dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
fällt auch auf sein verständig Gesicht,
er mag es merken oder nicht,
ein freundlicher Strahl
des Wundersterns von dazumal.
(Wilhelm Busch)

Brigitte Wandinger, Oberlunkhofen

Cherzli 9: Zwischen Himmel und Erde

Tiefe Nacht, kalt. Die Wärme des morgendlichen Tees noch ein wenig spürend, Kragen hoch, Hände in die Tasche. Ich laufe los und geniesse den wunderschönen Blick übers Reusstal, die vielen Lichter. Im Tenn des Bauernhofes werden die Kühe gefüttert, emsiges Treiben.

An der Bushaltestelle warten schon ein paar Jugendliche, unterwegs in die Schule nach Bremgarten. Eine junge Frau stösst dazu, begrüsst herzlich ihre Kollegin. Das Postauto kommt pünk­tlich. Maske montieren, einsteigen. Ein freundliches «guete Morge mitenand» vom Chauffeur lässt einen vielversprechenden Tag langsam beginnen.

Unterlunkhofen – der Bus ist mittlerweile ziemlich voll mit Jugendlichen, es ist aber erstaunlich ruhig, ein paar besprechen die nächste Prüfung, andere sind «am Handy». Draussen Baustellen und Adventsbeleuchtungen. In Zufikon steigen die ersten aus. Bremgarten Obertor – der grosse Weihnachtsbaum ist wunderschön. Grosser Aufbruch, Rucksäcke schultern, aussteigen.

Der 322er steht etwas verschlafen bereit, ein paar tiefe Züge frische Luft und dann umsteigen. Wenige Leute sitzen bereits drin. Zum Lesen ist es zu dunkel, so sieht man besser raus, und das beschliesse ich zu tun. Der Bus schlängelt sich durch den Bremgarter Verkehr und aus dem Städtli hinaus. Eggenwil – Baustelle. Es ist immer noch recht dunkel draussen, an den Balkonen und in den Fenstern Lichterketten, Sterne und Figuren. Niederrohrdorf – es beginnt langsam zu dämmern.

Im Bus herrscht schon fast andächtige Stille, die meisten Mitreisenden tippen auf ihren Handys rum oder hören Musik und schauen zum Fenster hinaus. In Fislisbach kommt etwas Leben in die Bude; ein paar junge Leute steigen ein. Eine junge Frau erkundigt sich bei ihrem Kollegen nach einem Studiengang. Freundlich und ausführlich gibt er Auskunft, sie hört ihm aufmerksam zu.

Badener Tor – der Himmel erstrahlt nun in einem leuchtenden Violett… und stellt sämtliche Lichterketten, Sterne und Figuren in den Schatten. Ich wünsche mir, diesen Augenblick irgendwie festhalten zu können, tief im Herzen.

Bahnhof Baden West – fast alle Mitreisenden steigen aus, ihrem Tagwerk entgegen. Ich bleibe noch sitzen bis zur Postautostation, bevor auch ich mich aufmache in den neuen Tag.

Immer, wenn es mir mal nicht so geht, wie es sollte, erinnere ich mich an diesen Moment des lila Himmels und kann nur vage erahnen, was da noch alles ist zwischen Himmel und Erde…

Ich wünsche Dir, liebe Leserin, lieber Leser, Deinen ganz eigenen lila Himmel. In dieser Adventszeit und lange darüber hinaus – immer wieder, wenn Du ihn brauchst.

Brigitte Stutz, Oberlunkhofen

Cherzli 8: Weihnachten hinter Gittern

Ich arbeite in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Grosshof in Kriens als Betreuer/Aufseher in der Abteilung Strafvollzug. Die JVA Grosshof ist ein geschlossenes Regime und bietet unterschiedliche Haftarten an. Somit haben die inhaftierten Personen während ihrer Haftzeit keine Möglichkeit, sich ausserhalb der Gefängnismauern bewegen zu können. Es wird unterschieden zwischen Untersuchungshaft, Strafvollzug sowie Massnahmenvollzug. Die JVA Grosshof bietet für Männer und Frauen insgesamt 120 Haftplätze an, wobei die weiblichen Gefangenen eine separate Abteilung besitzen.

Bei uns im Strafvollzug sitzen Menschen ihre Strafe ab, die entweder im vorzeitigen Strafvollzug sind, ein rechtsgültiges Urteil besitzen oder sich in einer Massnahme befinden. Die Haftstrafen sind unterschiedlich lang. Ich betreue inhaftierte Personen mit einer leichten bis längeren Freiheitsstrafe, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblematik. Die Täter*innen haben alle unterschiedliche Taten begangen, wie Raubüberfall, Körperverletzung, Sexualverbrechen, Drogenhandel, Tötungsdelikte, Brandstiftung, Vermögensdelikte u.a.

Wir bemühen uns, trotz des Freiheitsentzugs eine gewisse Normalität in den Alltag einzubringen. Passend zur Adventszeit wird im Eingangsbereich der JVA eine Krippe aufgestellt und dekoriert. Auf den Abteilungen stellen wir einen Weihnachtsbaum mit Schmuck und Dekorationen zur Verfügung. Die Gefangenen haben dann die Möglichkeit, sich am Dekorieren zu beteiligen und ihrer Kreativität dabei freien Lauf zu lassen.

Die Menschen im Gefängnis sind teilweise lange und weit von ihren Familien getrennt. Dabei ist es schön zu sehen, wenn sie Postpakete von ihren Angehörigen erhalten oder wenn diese auf einen Besuch vorbeikommen. Ebenso besteht die Möglichkeit, sich regelmässig mit Skype auszutauschen oder Briefe zu schreiben.

Eine besinnliche Zeit an einem speziellen Ort, wo man oft das Gefühl hat, dass die Zeit stehen bleibt oder nur langsam vorbeigeht. Dabei finde ich es wichtig, dass man sich der Zeit anpasst und sich nicht aufgibt. Eine positive Gruppendynamik unter den inhaftierten Personen sowie zwischen den Mitarbeitenden und den Gefangenen ist für uns sehr wichtig – sei es im stetigen Austausch miteinander oder beim gemeinsamen, festlichen Weihnachtsessen. Ich habe für mich festgestellt, dass die meisten dies sehr schätzen und sich aktiv daran beteiligen. Dabei spielt es nicht einmal eine grosse Rolle, aus welchem Kulturkreis man kommt.

Anonym (Name bekannt) –
der Beitrag wurde durch die JVA autorisiert

Cherzli 7: Geschenke

Die für mich schönste Zeit des Jahres ist angebrochen: die Weihnachtszeit! Kältere Temperaturen, der erste Schnee, warmes Kerzenlicht, gemeinsame Traditionen pflegen, viel Familienzeit und das schöne Weihnachtsfest. Alles Grund zur Freude!

Zu alledem gehört traditionellerweise auch das Geben von Geschenken an Weihnachten. Nicht selten ist diese Tradition aber auch Anlass für (unnötigen?) Stress, Druck und hohe Erwartungen. Man weiss nicht genau, was gewünscht wird, kauft zu spät ein, gerät in den Trubel der Menschenmengen in den Einkaufszentren und schliesslich ist doch scheinbar niemand zufrieden mit dem Erhaltenen. An manch einer Weihnachtsfeier habe ich mich schon gefragt: «Wieso tun wir uns das überhaupt an?» Und doch muss ich zugeben: Ich liebe Geschenke!

Das mag eine unpopuläre Meinung sein, mit der man sich den Vorwurf der Konsumorientierung einhandeln kann. Und doch: Ich finde Schenken etwas Wunderbares – und beschenkt zu werden auch! Ein Geschenk kann sagen: «Ich schätze dich! Du bist ein wunderbarer Mensch! Ich möchte, dass du das weisst.»

Und ich denke an die Grosszügigkeit, mit der Gott schenkt. Bei seinem grössten Geschenk ging es nicht um einen möglichst beeindruckenden Wert oder um eine spektakuläre Erscheinung. Er hat uns sein Geschenk ruhig und leise, fast unbemerkt, überreicht. Und trotzdem wird schnell klar: Mit diesem Kind in der Krippe hat Gott uns etwas ganz Besonderes gegeben. Er hat sich selbst verschenkt, an uns. Grosszügig, ohne viel Drumherum, bedingungslos, aber von ganzem Herzen.

Wenn wir mit diesen Gedanken im Hinterkopf ans Schenken herangehen, können wir davon nur profitieren. So kommt uns vielleicht in den Sinn, dass es gar nicht nur um das eigentliche Geschenk geht, sondern vielmehr um die Geste und um den Gedanken, den wir uns zu einem Geschenk an eine liebe Person machen. So scheint doch manchmal das aufmerksame Zuhören das viel grössere und bessere Geschenk als eine teure Designerhandtasche oder die fünfte Duftkerze als Verlegenheitsmitbringsel.

Zuhören und Zeit schenken, so simpel es klingen mag, sind zwei Dinge, die in unserer hektischen und anonymen Welt immer wieder zu kurz kommen. Wenn wir auf unsere Mitmenschen zugehen und ihnen etwas von unserer Wärme und unserer Liebe schenken, dann erhalten wir aber nicht nur etwas zurück. Nein: Dann leben wir auch in dem Sinn, den Gott unserem Leben zugedacht hat. In uns bleibt es leer und kalt, wenn wir uns zurückziehen und für uns bleiben. Wenn wir hingegen Zeit und Liebe verschenken, so geben wir etwas von uns selbst her. So, wie Gott sich selbst verschenkt hat, als er seinen Sohn in die Welt sandte. Je mehr wir für andere leuchten, desto heller wird es auch in uns. Und gerade in der dunklen Jahreszeit kann ein einzelnes, helles Licht einem anderen Menschen zum grössten Geschenk werden. 

Ob es Dinge sind, von denen wir wissen, dass sie dem Gegenüber wirklich Freude bereiten, oder ob es unsere Zeit, unsere Liebe ist: Schenken kann bedeuten, ein Stück Himmel an jemanden weiterzugeben.

In diesem Sinne: frohes Beschenken und Beschenktwerden!

Annina Stutz, Theologiestudentin & Katechetin für 6.- bis 8.-Klass-Unterricht, Arni

Cherzli 5: Ein Geben und Nehmen

Man würde vielleicht denken, dass niemand gerne die Weihnachtstage im Spital verbringen möchte. Denn für viele gilt es im Advent, Guetzli zu backen, Adventskalender zu bestücken, Geschenke zu organisieren und Zeit mit der Familie oder mit anderen Menschen, die ihnen wichtig sind, zu verbringen.

Als ich das Spital, an dem ich arbeite, in der Adventszeit «vor Corona» betrat, kam mir jeweils schon in der Eingangshalle dank der schön geschmückten Christbäume und der vielen Weihnachtssterne eine warme Weihnachsstimmung entgegen. Die Gärtner*innen schufen mit viel Liebe und Kreativität ein enorm schönes weihnachtliches Ambiente. Heute, also «während Corona», sind die Eingänge für Besucher und das Personal strikt getrennt, und so gelange ich über Nebeneingänge ins Gebäude und komme dann jeweils über verschiedene, weihnachtlich geschmückte Stationen zu meinem Arbeitsplatz. Auch hier staune ich, wie sehr sich Pflegende bemühen, mit vielen Lichtlein, Kugeln und Weihnachtsfiguren eine schöne weihnachtliche Atmosphäre zu schaffen. Die sonst eher kahlen Gänge strahlen in dieser Zeit eine grosse Wärme aus. 

Wir erwarten, dass die Weihnachtstage von Harmonie und heiler Welt geprägt sind. Führe ich mir die Weihnachtsgeschichte vor Augen, so handelte es sich dabei jedoch um eine beschwerliche Reise, an deren Ende keine Herberge gefunden werden konnte und die Geburt von Jesus schliesslich in einem Stall stattfinden musste. Ist das nicht ein Widerspruch?

Je näher jeweils das Weihnachtsfest rückt, umso wichtiger wird es gerade den jüngeren Patient*innen mit Kindern, dass sie Weihnachten zu Hause bei ihren Liebsten verbringen dürfen. Doch es gibt auch Menschen, für die sich die Bedeutung des Weihnachtsfestes verändert hat: sei es, weil die Kinder gross sind und weit entfernt wohnen; weil Partner von ihnen gegangen sind; oder weil Spannungen innerhalb der Familie vieles verändert haben. Weihnachten erscheint dann eben nicht mehr in einem fröhlichen, festlichen Kleid. Diese Menschen sind manchmal froh, wenn sie hier im Spital umsorgt werden und sich auf diese Weise den traurigen, einsamen Momenten entziehen können, die sie zu Hause erwarten würden.

Gerade Menschen, die das Leben stark geprägt hat und die trotzdem nicht den Mut verloren haben, gehen ihren Weg oft mit grosser Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber den kleinen Dingen im Alltag. Diese Begegnungen sind für mich aussergewöhnlich: Da ist ein Geben und ein Nehmen auf besondere Art und Weise, das mich mit grosser Dankbarkeit erfüllt.

Maria und Josef waren auch nicht zu Hause und suchten Zuflucht in einem Stall. So kann aus einer schwierigen Situation etwas Gutes entstehen – ganz speziell an Weihnachten. 

Silvia Fux, Kirchenpflegerin & Pflegeexpertin, Arni