Narzissen, Häkelgarn und Wochenpläne

An diesem sonnigen Freitagvormittag Ende März scheint die Welt so, wie sie sein sollte: Im Garten blühen die Narzissen, die Natur erwacht, die Waschmaschine im Keller dreht, die Mutter faltet auf der Kochinsel Kleider, die Kinder sitzen am Esstisch und bearbeiten auf ihren Laptops die Wochenpläne. Am Esstisch?! Es ist dies die zweite Woche, die sie zu Hause und nicht mehr in der Schule verbringen und der Alltag ist eingekehrt; die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen klappt, die Aufträge sind abwechslungsreich und das neue Setting hat immer noch seinen Reiz, so dass die Schüler motiviert und konzentriert bei der Arbeit sind.

Ich geniesse diese intensive Zeit mit ihnen gerade sehr. Ich arbeite auch sonst von zu Hause aus und bin selbständig erwerbend, Home Office ist für mich Alltag und lässt sich ideal mit meiner neuen Aufgabe vereinbaren. Es macht mir Freude, den Kindern zu helfen; ich staune, wie viel sie schon selber können und wie vielfältig ihre Fächer und Themen sind. Ich geniesse die Zeit, die wir zusammen auf dem Sofa verbringen, mit buntem Häkelgarn und komplizierten Anleitungsblättern, wie wir gemeinsam Lieder proben für die verschobene Musicalaufführung. Ich höre den Kindern zu, wenn sie miteinander über die Schule reden und über all das, was sie sonst beschäftigt.

Ich habe in diesen beiden Wochen einen Einblick in das Leben meiner Kinder erhalten dürfen, der mir sonst verwehrt bleibt: Sie verbringen den Grossteil ihres Tages ausser Haus mit Bezugspersonen ausserhalb der Familie. Nun darf ich eine neue Seite meiner Kinder kennen lernen. Und sie sehen nun auch mich, wie ich tagsüber am PC arbeite und nebenher den Haushalt führe, Znüni parat mache, Telefonkonferenzen abhalte, gleichzeitig den Lesezeit-Timer überwache und Gemüse rüste. Wir haben nun viel Zeit zusammen, zum gemeinsamen Kochen, zum Reden, für Brettspiele, sie helfen im Haushalt und erledigen mehr als ihre normalen Ämtli. Faktisch haben wir nicht mehr Zeit, aber die Zeit wird in dieser Situation anders eingeteilt, die Prioritäten haben sich verschoben. Unser gemeinsames Sein, unsere Gesprächsthemen und unser Austausch haben in diesen Wochen eine ganz neue Tiefe und gegenseitige Wertschätzung erfahren.

Wir reden auch darüber, was uns Angst macht; darüber, dass unsere gefühlte Sicherheit nicht mehr garantiert ist. Ich versuche, den Kindern die Sorgen zu nehmen und ihnen auch zu zeigen, in welchem Paradies wir hier leben: mit unserem Garten, dem nahen Wald, der finanziellen Sicherheit, den gefüllten Regalen im Volg. Ich schätze die erzwungene Verlangsamung und diese beschützende Halbisolation. Ich erkenne, was ich alles nicht brauche und auch, was mir sehr viel bedeutet. Ich schreibe es auf, dass ich es nicht wieder vergesse, wenn diese Krise hoffentlich bald vorbei ist. Was sicherlich nachhaltig in Erinnerung bleibt: Luftmaschenkette, einfaches Stäbchen, doppeltes Stäbchen, …

Franziska Brunner, Islisberg

4 Gedanken zu „Narzissen, Häkelgarn und Wochenpläne“

  1. Sehr schöner Beitrag. Ich kann mir vorstellen, das es eine ziemliche Herausforderung ist Kinder, Heimunterricht, Job und Haushalt unter einen Hut zu bringen.

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