Tagebuch eines anderen Lebens

Seit gut drei Wochen bin ich nun zu Hause, darf oder muss im Moment nicht auswärts arbeiten.

Mein Ehemann, bereits pensioniert, aber normalerweise auch noch recht oft irgendwo auf der Piste, muss als Risikofaktor ü/65 auch das Haus hüten. Noch nicht genug an Herausforderungen, die erwachsenen Töchter, die den oberen Stock des Hauses bewohnen und die wir normalerweise selten zu Gesicht bekommen, sind seeehhr oft zu Hause. Eine der beiden sogar zurzeit im Home-Office.

Unser Daheim ist nicht so riesig, als dass wir nicht öfters die Wege kreuzen. Jetzt sind wir gezwungen, Rücksicht zu nehmen und die Flügel einzuziehen… Irgendwie gar nicht so einfach, wenn man gewöhnt ist, sein eigenes Ding durchzuziehen. 

Meine Agenda war immer vollgepackt, kaum ein Tag ohne Termine, immer hopp hopp, nur nicht zu Hause sitzen und einfach nur sein. 

Von all diesen immer wieder aufgeschobenen Pendenzen wie Räumen und sich Trennen von Überflüssigem, Putzen und zwar so richtig, wie ich es von meiner Mutter her kenne, alle Kästen ausräumen, Tablare usw. waschen, hat mich leider noch nichts motiviert. Manchmal schäme ich mich «es bitzeli», aber vielleicht ist jetzt eben auch der Zeitpunkt da, um etwas zu «blöterlen». Einfach auf dem Gartenstuhl sitzen und den Vögeln zuschauen oder wie gestern etwa eine halbe Stunde einen so richtig fetten Regenwurm beobachten, wie er aus der Erde auftauchte und irgendwann an anderer Stelle wieder verschwand. Unglaublich!

Mein Mann hat seine Gitarre aus dem Keller geholt und versucht wieder seine Akkorde zu üben. Aber auch dies muss gut geplant sein, denn während dem Home-Office der Tochter wird diese «Überei» nicht toleriert. Auch lautes Fernsehen oder Radio hören (logischerweise hat jeder von der Familie einen anderen Musikgeschmack) kann zu Diskussionen führen. Ich merke nun aber Tag für Tag, wie sich das Zusammensein verändert und zwar zum Positiven. Wir sind auf sehr gutem Weg zu spüren, dass wir diese grosse Krise nur gemeinsam ohne Schaden zu nehmen durchstehen können.

Der Umgang ist achtsamer geworden, jeder von uns hört irgendwie besser hin und versucht Kompromisse einzugehen. Ich hatte immer allergrössten Respekt vor dem Tag, an dem ich auch pensioniert sein werde. Gezwungenermassen durften wir jetzt bereits mit Üben beginnen – und wie schön, es scheint ohne Eskalation zu gelingen. Trotzdem gebe ich zu, ich freue mich schon «schüli», wenn ich wieder an meinen geliebten Arbeitsplatz zurückkehren kann.

Wenn diese aufgezwungene Lebensveränderung eine nicht so traurige und schreckliche Ursache mit verheerenden Folgen hätte, würde ich mich sogar dafür bedanken – aber eben, würde.

Ich hoffe für die ganze Welt, dass wir gemeinsam dem Virus bald den Garaus machen können.

Anonym (Identität bekannt)

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