Wir erkennen uns an den Stimmen und Schuhen

Ich arbeite als Pflegefachfrau in einem grossen Spital. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder im Alter von knapp sechs und vier Jahren. 

Als ich Ende Februar auf meine Station im Spital kam und meinen Spätdienst antreten wollte, hatte ich das Gefühl, ich sei im falschen Film. Auf dem ganzen Stock herrschte reges Treiben. Die Brandschutztüren wurden geschlossen, um so eine klare Abgrenzung zu den zukünftig erwarteten Covid-19-Patienten vorzunehmen. In einer fast zweistündigen Sitzung wurden wir über das weitere Vorgehen mit den Corona-Patienten informiert. Wir wurden instruiert, wie wir nun die Isolations-Zone einrichten müssen, wie wir uns zu schützen haben und was wir im Umgang mit den Patienten beachten müssen. Nun war ich das erste Mal verunsichert. Bis anhin dachte ich immer, dass dieser Virus uns nicht gross betreffen würde. Den ganzen Abend haben wir Patientenzimmer umgestaltet, Material vorbereitet, uns überlegt, was wir brauchen und wie wir uns am besten organisieren. Bereits am späteren Abend holten wir den ersten Patienten mit Verdacht auf Covid-19 zu uns auf die Abteilung. Ich hoffte, dass ich bald aus diesem Albtraum erwachen würde. 

Das Gegenteil traf ein. Es folgten täglich Corona-News. Auch mein Arbeitsalltag im Spital war komplett verändert. Ganze Stationen wurden leergeräumt, damit mehr Betten für Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen. Teams wurden mit mehr Personal aufgestockt, neue Arbeitspläne geschrieben, Abläufe angepasst, um nur wenige Stunden später wieder komplett geändert zu werden. Neue Informationen gab es fast halbtäglich und was am Morgen noch galt, war am Nachmittag bereits wieder ganz anders. 

Zu Beginn betreuten wir noch viele Verdachtsfälle, inzwischen sind die meisten Patienten positiv getestet. Aktuell sind die meisten allein in einem Zimmer. Wir Pflegenden betreten die Zimmer nur in voller Schutzmontur; wir tragen Haube, Schutzbrille, Mundschutz, Schürze und Handschuhe. Viel ist von uns also nicht zu sehen. Die Patienten können uns auch fast nicht voneinander unterscheiden (auch wir erkennen uns nur noch an den Stimmen und den Schuhen). Meist rufen wir vor dem Betreten der Isolationszone die Patienten an und fragen nach, ob sie noch etwas Bestimmtes brauchen. Denn wenn wir einmal angezogen sind, kommen wir nicht mehr so rasch aus der Zone. Das Arbeiten unter den Schutzkleidern ist anstrengend. Wir schwitzen und beim Atmen läuft immer wieder die Schutzbrille an und bestimmt juckt es noch irgendwo im Gesicht, welches natürlich absolut nicht berührt werden darf. Es braucht eine grosse Konzentration, damit die Hygieneregeln eingehalten werden und dadurch auch unsere Sicherheit gewährleistet ist. 

Ich erlebe die Patienten in dieser ungewohnten Situation sehr dankbar. Sie dürfen keinen Besuch erhalten und das Zimmer nicht verlassen. Wir sind also die einzigen Personen, welche sie momentan zu Gesicht bekommen, und sie freuen sich über die Abwechslung. Vielen geht es aber den Umständen entsprechend gut. Das Heimtückische an diesem Virus ist wohl die Atemnot, welche sehr rasch einsetzen kann. Dies führt leider auch immer wieder zu unschönen und belastenden Situationen für uns Pflegende. 

Wir sind gerüstet und warten täglich auf die Welle, von welcher der Bund spricht. Wir wären bereit, sind aber auch dankbar, wenn diese gar nicht erst eintritt. Es ist eine äussert herausfordernde Zeit für das Pflegepersonal. Wir müssen vieles meistern, was uns vor zwei Monaten noch unmöglich erschienen wäre. Dies braucht unter anderem Geduld, weil Abläufe immer noch nicht richtig funktionieren, gute Ideen immer noch nicht umgesetzt sind oder weil Abmachungen immer noch nicht von allen eingehalten werden oder schon wieder wichtige Informationen verpasst wurden. Wir freuen uns, wenn möglichst bald wieder der «Normalzustand» eintritt. 

Auch zu Hause stellt uns die neue Situation vor Herausforderungen. Der Kindergarten, die Spielgruppe, die Jugi, die Gspändli, die Grosseltern; dies alles fehlt und wird vermisst. Das Treffen mit den Grosseltern wird mit Anrufen über Face-Time überbrückt. So können trotz Distanz Gebasteltes, Gebautes, Zeichnungen gezeigt und Erlebnisse erzählt werden. Dieser Anruf hat sich fest in unseren Tagesablauf integriert und ist wohl für beide Seiten gleichermassen wichtig geworden. Die Kinderbetreuung musste spontan neu organisiert werden; gar nicht so einfach, wenn man nicht einfach wie gewohnt auf Familienmitglieder und/oder Freunde zurückgreifen kann. Denn auch mein Mann darf noch extern arbeiten. Er führt einen Industriebetrieb. Natürlich ist auch dort die Arbeit betroffen. Viele Fragen und Unsicherheiten stehen im Raum, Kurzarbeit ist angemeldet und auch hier ist die Hoffnung, dass die Krise bald überstanden ist. 

Auch wenn unser Alltag momentan stark eingeschränkt ist, geniessen wir die geschenkte Familienzeit und sind uns sicher, dass wir in ein paar Wochen unsere Freizeit mit Familie, Freunden und Ausflügen wieder viel mehr schätzen werden. 

Bis dahin wünsche ich allen weiterhin viel Gesundheit, Durchhaltewillen und Energie für diese schwierige und sehr spezielle Zeit.

Daniela Heggli, Pflegefachfrau, Oberlunkhofen 

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