Ostertage

Mein Alltag als Alte mit bald 76 Jahren hat sich noch mehr verlangsamt als vor der Corona-Krise. Das gefällt mir. Ich freue mich über die grosse Ruhe, die will­kommene Stille, die gute Luft, die meditativen Spaziergänge in den nahen Wäldern und Feldern und vor allem über das wunderbare Frühlingswetter. Ich bin fast den ganzen Tag draussen im Garten und staune über die vielen bunten Frühlingsblumen und die grosse, blühende Glyzinie an der Hauswand. Meinen vor drei Wochen gepflanzten Baby-Leaf-Salat begrüsse ich täglich und schwatze mit ihm. 

Ich höre Vögel zwitschern, lausche ihrem Gesang, beobachte ein Elsternpaar in den nahen Bäumen und bin sehr dankbar, dass ich in einem Haus mit Garten auf dem Land wohnen darf. Mein Tages- und Nachtrhythmus hat sich verändert. Oft gehe ich um Mitternacht oder später ins Bett und stehe so um 9 Uhr auf. Das passt mir. Ich bin schon immer eine chronobiologische Eule gewesen; jetzt verstärkt sich dieses Bedürfnis noch mehr. Die Nächte sind nie ohne kürzere oder längere Wachphasen, doch das störte mich schon vorher überhaupt nicht. Den Tag so zu gestalten, wie er sich gerade präsentiert, finde ich sehr schön. Ich brauche keine Strukturen mehr, damit ich mich wohl fühle. Ich lebe vermehrt im Augenblick und tue gerade das, was für mich stimmig ist. Ich esse, wenn ich Hunger und Lust habe.  

Vor ein paar Tagen habe ich begonnen, glatte, runde Steine anzumalen, die ich im Reussdelta bei Flüelen vor ein paar Wochen gesammelt habe. Steine faszinieren mich seit eh und je. Wenn ich an einem Fluss oder See entlang wandere, sticht mir oft ein Stein ins Auge, den ich dann als wunderbaren Schatz des Tages mit nach Hause nehme. Die Steine aus der Ruinaulta sind die schönsten. So ist mittlerweile eine beachtliche Stein-Sammlung entstanden, die unser Gartenmäuerchen ziert.

Nachrichten über das Corona-Virus höre und lese ich nicht mehr so häufig wie zu Beginn des Ausbruchs. Ich spüre, dass ich mit diesen Schreckensmeldungen nicht gut zurande komme. Ich fühle mich oft ohnmächtig; die Bilder aus Italiens Spitälern machen mich sehr traurig.

Unsere Dirigentin des Seniorensingkreises schickt uns immer wieder Lieder. Beim ersten Lied, «unser Vater», das sie uns übermittelte, kamen mir gleich die Tränen vor Rührung. So schön und passend! Mittlerweile singe ich fast täglich eines der Lieder aus unserem Fundus am Bildschirm.

Wie gut, sind wir digital vernetzt! Ich finde es erstaunlich, wie einfallsreich die Menschen werden, um neue Kontaktmöglichkeiten in dieser Krise aufzubauen. So kann ich auf YouTube zum Beispiel auch das Einsingen übenIch schätze die vielen Kontakte über WhatsApp und Mail. Viele Videos trudeln täglich ein, die ich jeweils gezielt weiterleite. Auch telefoniere ich öfter als zu anderen Zeiten. 

In den Büchergestellen zu stöbern und alte Bücher wieder zu lesen, finde ich ebenfalls sehr schön und spannend. Es fällt mir auf, dass  der Inhalt wieder ganz neu ist oder ich ihn unter anderen Blickwinkeln betrachte.  

Auf einem Wandbehang, den meine Schwiegermutter vor unzähligen Jahren gestickt hat, steht ein Spruch von Andreas Gryphius, den ich gerade jetzt so passend finde:

«Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein,
und nehm’ ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht.»

Ergänzend steht:

«Was Gott ist, wird in Ewigkeit kein Mensch ergründen,
doch will er treu sich allezeit mit uns verbünden.
Gott spricht zu dir durch die heiligen Berge:
Sei still, wisse ich bin Gott.»

Ruth Baumann, Oberlunkhofen

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