Unfreiwilliges Saisonende

So viel zuhause sein. So viel Zeit mit der Familie verbringen. Den ganzen Tag mit meiner Tochter spielen, kochen, backen, basteln und was ihr sonst noch alles in den Sinn kommt. Einige Male habe ich mir das in den letzten zwei Jahren gewünscht. Jetzt ist es so. Nicht freiwillig, sondern aufgrund der vom Bundesrat ausgerufenen «ausserordentlichen Lage». Und ich geniesse es, jeden Tag so viel Zeit daheim bei meiner Familie zu sein.

Ich bin Berufssportler. Genauer gesagt Eishockeyspieler und habe es geschafft, dass ich für das Ausüben meines Hobbys bezahlt werde. Seit Mai 2018 spiele ich für den SC Bern. Da mein Vertrag in Bern auf nur zwei Jahre beschränkt ist, haben wir uns entschieden, eine kleine Wohnung in Bern zu mieten und an zwei Orten zuhause zu sein. 

Meine Frau arbeitet montags und dienstags in Zürich. Am Dienstagabend macht sie sich mit unserer dreijährigen Tochter auf den Weg nach Bern. Dort bleiben sie bis am Donnerstagabend und fahren dann nach Hause. Ich hingegen bin von Montag bis Samstagnacht in Bern und mache mich samstags nach den Spielen auf den Nachhauseweg. So können wir immerhin die Hälfte der Woche zusammen verbringen. So war es die letzten zwei Jahre. Das soll kein Jammern sein! Wir haben uns zu diesem Schritt entschieden und ich bin meiner Frau unendlich dankbar dafür. Sie hat mir die Chance gegeben, gegen Ende meiner Eishockeykarriere in der letzten Saison mit dem SCB Schweizermeister zu werden.

In der jetzigen Saison war ich sehr viel verletzt. Von 50 Qualifikationsspielen konnte ich nur gerade 14 bestreiten. Alle anderen verpasste ich aufgrund von Verletzungen. Seit Mitte Januar habe ich kein Mannschaftstraining zu 100% mitmachen können und war damit beschäftigt, wieder fit und gesund zu werden für die Playoffs/Playouts, welche am 7. März hätten beginnen sollen.

Wenn alles rund läuft und wir drei Spiele pro Woche haben, vergeht die Zeit schnell. Vor allem dann, wenn wir noch erfolgreich sind wie letzte Saison. Bei häufigen und langen Verletzungen und wenn es dem Team nicht läuft, nehmen die Tage und Wochen jedoch kein Ende. Und so war es in den letzten fünf Monaten.

Kurz vor den letzten zwei Qualifikationsrunden Ende Februar wurden Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen verboten. Für uns hiess das zwei Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir waren noch mitten im Kampf um die Playoffplätze. Als nach diesem Wochenende klar war, dass wir die Playoffs verpasst haben und die Liga zwei Wochen pausieren wird, war es für das ganze Team sehr schwierig, motiviert zu bleiben. Ich persönlich war so weit von der Verletzung genesen, dass ich wieder langsam ins Teamtraining einsteigen konnte. Einerseits war ich überglücklich, wieder mit dem Team trainieren zu können, andererseits wussten wir nicht, ob die Saison noch weiter geht und ob es mir überhaupt reichen würde, gesund zu werden. Am 7 März wurden wir informiert, dass die Meisterschaft am 17. März weitergeht. Also wurde wieder mit voller Motivation und Intensität trainiert. Ich spürte leider, dass die Verletzungen bei hoher Trainingsintensität noch zu wenig verheilt sind. Einmal mehr ein Schritt zurück, während meine Teamkollegen sich auf die heisse Phase vorbereiteten.

Am 12. März, fünf Minuten vor Trainingsbeginn, war klar, dass die ganze Meisterschaft abgesagt wird. Was für ein Saisonende! Welch ein Unterschied zum letzten Jahr, als die Saison mit dem Meisterumzug durch die Berner Altstadt vor Tausenden von Fans beendet wurde.

Für einen Spieler, welcher nächste Saison nicht mehr beim gleichen Club spielt, heisst es dann Garderobe räumen, alles einpacken, was nicht mehr benötigt wird entsorgen oder verschenken. Normalerweise geschieht das etwa zehn Tage nach dem Meisterschaftsende. Nach ein paar durchzechten Nächten mit dem Team, nach einem Teamtrip in eine andere Stadt oder in die Berge und nach diversen Sponsorenanlässen und Fanevents. Aber dieses Jahr schon einen Tag nach Saisonende. Am 13. März war ich mit Sack und Pack auf dem Weg nach Hause. Als ein paar Tage später Gerüchte über eine Ausgangssperre aufkamen, entschieden wir uns, so schnell wie möglich unsere Wohnung in Bern zu räumen. Das wars dann: «Tschou Bärn».

Jetzt ist unsere Garage vollgestopft mit Möbeln, Kleidern und Hockeyutensilien. Unser Projekt für die nächsten paar Wochen steht somit fest: Garage und Haus entrümpeln und auf Vordermann bringen. 

Unser Leben ist im Moment komplett auf den Kopf gestellt. Ich bin die ganze Zeit zuhause. Montags und dienstags, wenn normalerweise die Grosseltern und die Kita zu unserer Tochter schaut, sind Papitage. Am Mittwoch gehe ich für meine beiden Grosseltern und Tante einkaufen. Kontakt zu unseren Eltern und Freunden haben wir nur noch per Facetime. Veloausflüge, spazieren gehen, Trottifahren, «brötle» und im Garten spielen gehört zum Tagesprogramm.

Es tut auch gut, dem geschundenen Körper eine Pause zu geben. Im Moment verzichte ich komplett auf das Training. Es ist das erste Mal in 16 Jahren als Profisportler, dass ich richtig viel Zeit habe, meinem Körper Erholung zu gönnen. Auch die anderen Spieler machen im Moment «Ferien». Gezwungenermassen. Denn sobald es die Situation wieder erlaubt, wird das harte Sommertraining, in welchem die Basis für die Meisterschaft im Winter gelegt wird, beginnen.

Wo, wann, wie und ob es bei mir im Eishockey weitergeht, weiss ich noch nicht. Ich habe jetzt viel Zeit, auf meinen Körper zu hören und die Zeit mit meiner Familie zu geniessen.

Matthias Bieber, Eishockey-Profi, Jonen

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