Grenzen und Leid in der Hausarzt-Praxis

Meine Begegnungen in der Hausarzt-Praxis mit meinem Team und mit meinen Patienten haben sich mit dem Corona-Virus schlagartig und massiv verändert. Natürlich wollen wir weiterhin unsere Patienten gut betreuen, sie begleiten, sie untersuchen, ihnen Empfehlungen abgeben können. Aber neu gibt es eine Distanz, welche wir einzuhalten versuchen, einhalten müssen. So gibt es keine berührende Begrüssung mehr, ein Lächeln nur noch mit den Augen, da das eigentliche Lächeln unter der Maske liegt. Und dann haben wir aktuell viel mehr Telefon- oder E-Mail-Konsultationen, welche aber nicht einer normalen Konsultation gleichwertig sind. Aber immerhin: Wir können diese Kommunikation führen.

Daneben existiert aber eine grosse Verunsicherung auf Seiten der Patienten. Sind sie noch willkommen, ist ihr Anliegen nicht eine Bagatelle, auf welche jetzt verzichtet werden soll? Belasten sie mit ihrem Leiden nicht unnötig das Gesundheitssystem? Klare Antwort dazu: Natürlich sind die Patienten weiterhin willkommen bei uns. 

Die viel schwierigere Entscheidung steht an, wenn es um eine nötige Hospitalisation geht, ganz ohne eigener Corona-Erkrankung, sondern mit Erkrankungen, welche auch trotz Corona noch da sind. Will ich aktuell ins Spital, wo ich keinen Besuch haben kann? Vertraue ich dem Spital, dass ich dort nicht mit Corona infiziert werde? Wollen wir unsere Mutter für die letzte Lebensphase, zum Sterben ins Spital oder in eine Palliativstation geben, wenn sie dort ohne unsere Begleitung den letzten Lebensweg gehen muss? Für die allerletzten Schritte könnten wir vielleicht noch einzeln für kurze Zeit vorbeigehen… Schaffen wir das auch zu Hause? Wer unterstützt uns? Können wir uns vorstellen, die Kraft dazu zu haben? Wenn nicht, sind wir dann feige oder grausam? 

Das sind ganz schwierige Fragen, welchen sich unsere Patienten bewusst oder unbewusst stellen und welche somit die Weichen stellen, ob sie uns überhaupt über ihr Leiden informieren.

Und dann liegt es an uns, mit dem Patienten, seinen Angehörigen und in Anbetracht des Systems, in welchem sie leben, zu entscheiden, wie wir sie unterstützen können, wo die Grenzen liegen und welche Schritte als nächste getan werden. Immer individuell. Und unsere Grenzen verschieben sich oder stellen sich unseren Wünschen einer optimalen Behandlung in den Weg.

Diese Zeit ist nicht nur zum Entschleunigen da, um die Prioritäten richtig ordnen zu können, den Lebenswert wieder zu sortieren. Nein, es ist auch eine Zeit mit sehr viel Leid, mit viel Leere, mit Nicht-Vollbrachtem wie zum Beispiel dem Nicht-Begleiten-Können in der Sterbephase, sowohl bei Corona-Patienten wie auch bei anderen sterbenden Menschen. Das ist eine grosse Belastung für die Hinterbliebenen, aber auch für die Professionellen im Spital. Und da wird es in der Nach-Corona-Zeit viel zum Aufarbeiten geben.

Auf viel Gott-Vertrauen und Kraft – für jetzt und später.

Corina Bürgi-Feld, Hausärztin und Kirchenpflegerin, Arni

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