Virtuelle Klassenstunde

Vor gut drei Wochen habe ich das letzte Mal die Kanti Wohlen betreten, bin in einem Klassenzimmer gesessen und habe in der Mittagspause mit meinen Klassenkameraden Kartenspiele gespielt. Seither hat sich vieles verändert. Mein Zimmer ist zu meiner Schule geworden, der Esstisch zur neuen Mensa, mein Schreibtisch zum Klassenzimmer. Was vor fünf Wochen damit begonnen hat, dass unsere Schul-WCs mit Desinfektionsmittel ausgestattet wurden und unser Chorkonzert plötzlich auf der Kippe stand, da die Bewilligung noch nicht erteilt wurde, hat unseren Alltag in nur wenigen Tagen völlig auf den Kopf gestellt.

So richtig etwas unter Fernunterricht vorstellen konnte sich zu Beginn keiner. Es herrschte Überforderung auf beiden Seiten: Unsere Lehrer versuchten uns übergangsweise irgendwie zu beschäftigen und wir Schüler mussten uns erstmal mit der Masse an Aufträgen, die von überall auf uns einprasselten, zurechtfinden. Dabei war das grösste Problem die Organisation und den Überblick nicht zu verlieren: Die Aufgaben wurden uns nämlich nicht gebündelt mitgegeben, sondern jeder Lehrer hatte seine Präferenzen, wie und wann er uns beschäftigte und ob, wann und wie wir die Aufgaben abgeben mussten.

Glücklicherweise hat sich in den drei Wochen Home Schooling einiges geändert: Alle Lehrer arbeiten mittlerweile mehr oder weniger einheitlich mit einem einzigen Programm und meist werden uns auch die Aufgaben frühzeitig anfangs der Woche mitgeteilt, sodass wir uns die Arbeit selber einteilen können. Dazwischen haben wir über die Woche verteilt ein paar Videokonferenzen – falls der Lehrer diese anordnet.

Der Online-Unterricht erfordert auf jeden Fall Kreativität von beiden Seiten: Jeder Tag bringt etwas Neues mit sich. Beispielsweise musste ich die Präsentation meiner Projektarbeit als Video aufnehmen und dann zusammenschneiden; der Klavierunterricht findet nun auch per Videokonferenz statt.

Ein Punkt, der mir und meinen Mitschülern besonders zu Beginn Mühe gemacht hat, ist die plötzliche Selbstverantwortung. Während die Freiheit, aufzustehen, zu essen oder zu arbeiten (oder eben auch nicht zu arbeiten) wann und wo man will durchaus verlockend ist, birgt sie auch die Gefahr, bis zum Mittag zu schlafen, stundenlang Serien zu schauen oder das schöne Wetter im Garten mit einem guten Buch zu verbringen. Aber mit ein bisschen Selbstdisziplin, einer mehr oder weniger klar geregelten Tagesroutine und etwas Durchhaltevermögen geht auch das mittlerweile.

Was die soziale Interaktion betrifft, hätte ich gedacht, dass ich als introvertierte Person kaum Probleme haben würde. Ich musste jedoch feststellen, dass es einen Unterschied macht, ob ich mich freiwillig tagelang in meinem Zimmer verschanze oder es mir tatsächlich verboten ist, mich mit anderen zu treffen. Zwar ist unser Klassenchat so aktiv wie noch nie zuvor und wir Mädchen verabreden uns jede Woche zum Video-Yoga (ja, auch der Sportunterricht wird weitergeführt) – und sogar eine Geburtstagsparty via Skype wurde bereits für eine Kollegin organisiert; aber natürlich ersetzt das alles nicht den persönlichen Kontakt. 

Den Unterricht zuhause fortzusetzen kann mitunter mühsam sein, ist aber durchaus machbar. Das, was aber am meisten fehlt, ist die gemeinsame Zeit zwischen den Lektionen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass nach den Frühlingsferien der Schulunterricht völlig normal weitergeführt wird, ist klein. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten, zu versuchen, mit dem Stoff mitzukommen und bis dahin weitere Yogalektionen oder gemeinsame Mittagessen per Videochat zu organisieren. Wer hätte gedacht, dass wir die Schule mal so vermissen würden? ;)

Samira Bosshard, Kantischülerin, Rottenschwil

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