Wie die Psychotherapie jetzt helfen kann

Reto Studer (RS): Wie haben sich die Psychotherapie-Sitzungen verändert seit Beginn des Notstandes?

Jeanin Huber, Psychotherapeutin (JH): Als medizinische Leistung darf die Therapie noch in den Praxen durchgeführt werden – natürlich unter Einhaltung der BAG-Richtlinien sowie den Empfehlungen der FSP (Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen, der grösste Schweizer Berufsverband der Psycholog/innen). Aber was vorher die Ausnahme war, wird zur Regel – Therapie per Telefon und Videokommunikation. Denn viele Patientinnen und Patienten getrauen sich nicht mehr in die Praxis. Manche aus Angst, sich selbst anstecken zu können, andere, weil sie Angehörige auf keinen Fall gefährden möchten.
Wieder andere schätzen gerade die Möglichkeit, die Therapiesitzungen in der Praxis wahrzunehmen sehr, da sie dadurch einen guten Grund haben, das Haus zu verlassen oder es fällt leichter, sich zu öffnen, wenn man jemandem vis-à-vis sitzt. 
Durch die Einhaltung der BAG-Richtlinien schüttle ich keine Hände mehr zu Begrüssung und zum Abschied und halte stets zwei Meter Abstand, was zu Beginn gewöhnungsbedürftig war. 

RS: Was sind die Themen, die im Moment besprochen werden? Spielt das Coronavirus eine zentrale Rolle?

JH: Zu Beginn der Sitzungen vielleicht, jedoch sind eher die Auswirkungen des Notstandes vermehrt Thema: Personen, welche zuvor an Einsamkeit litten, tun dies oft noch mehr. Schüler/innen und Lehrlinge wissen nicht, wie es um ihre Prüfungen und den Abschluss des Schuljahres steht. Selbständige kämpfen um ihre Existenz. Bei manchen löst der ungewisse Zustand und die Einschränkungen vermehrt Ängste oder depressive Verstimmungen aus. Manche Dinge, die man gerne tut und welche uns Energie geben, sind aktuell nicht möglich, wie zum Beispiel die Teilnahme an einem Konzert, Kaffee trinken mit der Freundin, das Stöbern in einem Buchladen etc. Themen sind deshalb auch, was man alternativ tun kann und wie man seinem Tag eine Struktur geben kann. Da Paare und Familien plötzlich auf engerem Raum 24/7 miteinander auskommen müssen, können Paar- und Familienkonflikte zunehmen. Hier kann die Psychotherapie helfen, die Konflikte zu klären und neue Wege im Umgang mit der Situation zu finden. 

RS: Inwiefern verschärfen sich durch die neuen Umstände die bisherigen Probleme?

JH: Die aktuelle Situation erfordert von uns allen eine aussergewöhnliche Anpassungsleistung, was eine Stressbelastung darstellt. Probleme, die zuvor schon bestanden haben, können sich dadurch weiter verschärfen – oder aber es tauchen neue Herausforderungen auf wie beispielsweise Umgang mit Grenzen aller Familienmitglieder, weil plötzlich alle fast ständig zuhause sind. 

RS: Wie kann Psychotherapie helfen?

JH: Psychotherapie kann zur psychischen Entlastung und Stabilisierung beitragen. In der Therapie können wir alternative Verhaltensweisen erarbeiten, Strategien einüben, um negative Gedankenspiralen und Ängste zu hinterfragen und zu reduzieren, Paar- und Familienkonflikte aus anderer Perspektive betrachten und konstruktiver gestalten, depressive Verstimmungen reduzieren, Umgang mit Home Office und den eigenen Leistungsanforderungen klären und vieles mehr. Die Therapie wird dabei den Bedürfnissen, Themen und Anliegen der jeweiligen Person angepasst. Wir arbeiten mit den Patienten an ihrem Verhalten, ihren Gedanken und Gefühlen, beziehen aber auf Wunsch und unter Einhaltung der Vorgaben des BAG das Umfeld mit ein, indem wir bspw. ein Paargespräch führen.

RS: Was siehst du an psychischen und sozialen Problemen auf die Gesellschaft zukommen?

JH: Diese Frage wird sich erst im weiteren Verlauf des Jahres klären. Die aktuelle Situation stellt eine aussergewöhnliche Stressbelastung dar. Dies kann dazu führen, dass Personen, die zuvor schon am Limit liefen, jetzt «kippen» und psychische Probleme entwickeln. Diese können sich z.B. in Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit und Aggression, Versagensängsten, Überforderungs- oder Minderwertigkeitsgefühlen äussern. Die Forschung zeigt zudem, dass es nach Quarantäne-Situationen zu Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Überforderung kommen kann und die Personen auch nach dem Lockdown Menschenmengen meiden. Wir sind hier, um diese Personen zurück auf dem Weg aus der Krise zu unterstützen.

RS: Was ist aus deiner professionellen Sicht interessant zu wissen?

JH: Es braucht oft Überwindung und Mut, uns aufzusuchen, wenn man noch nie Kontakt mit Psychotherapie hatte oder diese nur aus dem Fernsehen kennt. Wenn Sie jedoch nicht mehr weiterwissen oder alles, was Sie versuchen, um an Ihrer Situation etwas zu ändern, im Moment scheitert, möchte ich Ihnen ans Herz legen, dies auszuprobieren – «nützt’s nüt, schad’s nüt». Viele berichten, dass es hilft, die Situation mal mit einer aussenstehenden Person zu besprechen und neue Inputs zu bekommen. Es ist jedoch wichtig, dass Sie sich eine Fachperson suchen, die Ihnen wirklich zusagt. Zudem kann es auch einfacher sein, es mal «online» oder per Telefon auszuprobieren, weil man so in der vertrauten Umgebung bleiben kann. 

RS: Wie fährst du selber herunter? 

JH: Neben Spaziergängen, entspannenden Bädern, Sport, guten Gesprächen mit Familie und Freunden, finde ich unter anderem Yoga Nidra, Meditation und den Bodyscan sehr hilfreich.

Jeanin Huber, Psychotherapeutin, Arni

Tipps von Jeanin Huber:
Hier finden Sie psychologische und psychotherapeutische Unterstützung: http://www.psychologie-anderegg.ch/
Eine weitere Auswahl an Psychotherapeut/innen finden Sie unter: https://www.psychologie.ch/psychologensuche
Covid-19: Wie Sie häusliche Isolation und Quarantäne gut überstehen: https://www.psychologie.ch/covid-19-wie-sie-haeusliche-isolation-und-quarantaene-gut-ueberstehen

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