Ein neuer Feind

Hier in Oberlunkhofen wohnen seit ein paar Jahren dreizehn Asylsuchende – eine kurdische Familie aus dem Irak mit drei Söhnen, eine syrische Familie aus Aleppo mit einer erwachsenen Tochter und drei weiteren Kindern und ein älteres Ehepaar aus Damaskus, Syrien. Ihre Fluchtgründe und -erfahrungen sind wahrlich Grauen erregend; sie reden nicht gern darüber. Gott sein Dank sind alle mehr oder weniger gesund bei uns angekommen. 

Ich wurde vom Gemeinderat mit der Betreuung dieser Leute beauftragt. Am Anfang hatten alle Schwierigkeiten: die Sprache, amtliche Vorschriften, Billette für den öffentlichen Verkehr kaufen, der Schulalltag, Arztbesuche und vor allem die kulturellen Unterschiede: Für was braucht es Abfallmärkli? Warum muss ich die Musik leiser stellen? Wann verwende ich Vornamen / Nachnamen, Du / Sie? Da versuchte ich geduldig alles zum dritten Mal zu erklären, z.T. mit Hilfe eines Dolmetschers. Aber nun haben sich alle gut im Dorf eingelebt. Einige Eltern haben Deutschkurse besuchen und Teilzeit-Arbeitsstellen annehmen dürfen. Den Kindern geht es in der Schule gut; eine Jugendliche absolviert ein Praktikum und sie und ihre Schwester fangen im Sommer Lehrstellen an. Also recht erfreulich.

Aber plötzlich taucht ein neuer Feind auf, vor dem sie sich fürchten müssen: die Hexe Corona! Die Kurse werden abgesagt; die Schulen werden geschlossen; als Pizzakurier oder als Event-Monteur kann man nicht mehr arbeiten; als ü65er soll man nicht unter die Leute gehen, also kein Einkaufen beim Tischlein-deck-dich usw. Und wenn fünf bis sechs Menschen den ganzen Tag aufeinander in der Wohnung hocken – ihr wisst es ja – ist es nicht immer so friedlich.

Zum Glück hat das ältere Ehepaar Verwandte in der Nähe, die für sie einkaufen können. Aber dafür brauchen sie weiterhin ihr bescheidenes Tagesgeld, das ich wöchentlich bei der Gemeindeverwaltung abhole – neuerdings durch eine Plexiglasscheibe – und ihnen bei Kaffee und Guetzli aushändige. Wir halten Distanz und, obwohl wir uns sprachlich kaum verständigen können, schätzen sie den kurzen Besuch.

Bei einer Familie gehe ich auch ab und zu schnell vorbei, um die bewilligten Reisespesen zu begleichen oder beim e-Banking behilflich zu sein. Diese Technologien sind für die ältere Generation halt immer noch etwas rätselhaft.

Nächste Woche fängt die Schule mit dem Fernunterricht an. Eine neue Herausforderung! Aber die Jugendlichen lernen ja viel schneller als wir Alten, wie das mit Zoom usw. funktioniert. Ich erwarte keine allzu grossen Schwierigkeiten.

Und so hoffe ich – wie ihr alle auch – gesund zu bleiben und bald wieder ein etwas normaleres Leben führen zu können. Hoffentlich haben wir aber alle aus dieser Notsituation auch etwas über bessere nachbarschaftliche Beziehungen und einen umweltgerechteren Lebensstil gelernt.

Viktor Steiner, Oberlunkhofen

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