Wenn alles anders ist, aber vieles gleich

5:45 Uhr, der Wecker klingelt. Wie ein Klappmesser stehe ich auf, gehe ins Bad, das übliche Ritual, das übliche Tempo. Doch anstatt danach zur Bushaltestelle zu eilen, betätige ich die Nespresso-Maschine ein erstes Mal, nehme meinen Kaffee und begebe mich ins Gästezimmer. Faktisch war es bereits vorher zugleich auch Büro, doch mangels intensiver Benutzung fehlte das eine oder andere, was wir in weiser Vorahnung zum Glück noch geändert hatten, kurz bevor alle Geschäfte ihre Türen vorübergehend schliessen mussten. 

Danach beginnt mein Arbeitstag und verläuft während ein bis zwei Stunden fast wie immer: Mails checken, ein Blick in die Online-Tageszeitung(en) resp. den Terminkalender, erste kleinere Aufgaben erledigen, das Übliche. Der kleine Unterschied: Weil der Arbeitsweg wegfällt, findet alles rund eine Stunde früher statt und ich frühstücke nicht parallel dazu. 

Gegen 8 Uhr zeigt sich erstmals der grosse Unterschied zum sonstigen Arbeitstag: Mein Sohn kommt zur Türe herein und ruft «Ensolver!», was «Frühstück» heisst auf Romanisch. Für dieses nehme ich mir in diesen Tagen etwas mehr Zeit als üblich, weil ich es wie am Sonntag mit der ganzen Familie geniessen kann.

Doch anders als am Wochenende begebe ich mich nach dem Abräumen wieder ins Gästezimmer, oder besser gesagt ins Büro, denn Gäste empfangen wir zurzeit keine. Als Datenbankadministrator im Bereich Volkswirtschaft kann ich meiner Arbeit glücklicherweise praktisch unverändert und uneingeschränkt nachgehen. Wegen der aktuellen Situation gibt es sogar eher mehr Daten, die verarbeitet, archiviert und in Grafiken oder Tabellen dargestellt werden müssen.

Auch danach verläuft mein Arbeitstag sehr ähnlich wie immer. Dies ist aber alles nur möglich, weil meine Frau, die in der Gebäudetechnik selbständig erwerbend ist, sich um die Kinder kümmern kann. Ihre Branche ist wie viele andere von der Krise betroffen. Die bestehenden Aufträge sind erledigt, neue zu erhalten ist momentan schwierig bis unmöglich.

Unsere Kinder basteln und spielen gerne und viel. Geduldig begleitet sie tagsüber meine Frau, nach Feierabend übernehme ich und geniesse die Zeit mit ihnen sehr. Mindestens einmal die Woche machen wir vor dem Nachtessen zusammen eine «Joggingrunde», wobei ich der Einzige bin, der ohne Fahrrad unterwegs ist. Als Familie haben wir im Moment mehr gemeinsame Zeit, weil alle sonstigen Termine wegfallen. 

Wir telefonieren auch oft mit den Grosseltern, die ihre Enkelkinder unglaublich vermissen. Es bleibt zu hoffen, dass sie diese bald wieder in den Arm nehmen können. Auch wenn ich persönlich diese spezielle Zeit sehr erträglich finde, hoffe natürlich auch ich, bald wieder zur «Normalität» zurückzukehren. Freunde treffen, Tennis spielen, die Eltern sehen, das alles vermisse ich auch sehr. Doch vorerst ist es leider nicht so. Alles, was wir im Moment machen können und sollen, ist, uns an die Empfehlungen des Bundesrates zu halten, Kontakt mit anderen Leuten zu meiden und daheim zu bleiben. Alles Gute!

Ginard Jörg, Oberlunkhofen

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