Vielschichtiger Betrieb

In diesen Wochen ist ganz viel von Entschleunigung die Rede: Wir «müssen» jetzt weniger und «dürfen» dafür mehr; wir bekommen viel frische Luft (für die Lungen wie auch für uns selber); wir haben Zeit zum Nachdenken und, falls vorhanden, für die Familie… aufgezwungen zwar, aber irgendwie auch geschenkt. So tönt es allenthalben. Staatlich verordnete Seelen-Wellness sozusagen.

Auch meine Agenda ist seit dem Lockdown ungewohnt leer: Unsere Angebote, Events und Gottesdienste fallen ja weg, ebenso Besuche und die meisten Sitzungen. Das Private konzentriert sich derweil auf «zu Hause bleiben», kleinere Spaziergänge mit Töchterli und Hund ausgenommen.

Allerdings: «Entschleunigt» fühle ich mich trotzdem nicht. Im Gegenteil: Meine Frau und ich haben unsere Jobs als Pfarrer*in (die glücklicherweise sicher sind!) fast über Nacht neu erfunden und sind deshalb weiterhin bestens ausgelastet. Darüber hinaus habe ich die vergangenen Wochen als ausserordentlich intensiv erlebt – so intensiv wie noch nie. In mehrerlei Hinsicht:

Einen grossen Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich seit Mitte März damit, unsere Mitglieder direkt zu kontaktieren. Wenn wir von jemandem eine Telefonnummer oder eine Mailadresse haben, so ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass ich mit der betreffenden Person im persönlichen Austausch stehe. Die Gespräche und Mails gehen in diesen Wochen tiefer als gewohnt; das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, berührt mich sehr. Auffällig dabei: In manch privatem Austausch wird das Hohelied auf die Entschleunigung mittlerweile leiser. Ich habe den Eindruck, dass die Stimmung in vielen Haushalten umschlägt. Was anfangs noch befreiend wirkte, wird allmählich zur Last: Manche Menschen haben jetzt existenzielle Sorgen; das Home Schooling führt zu schwierigen Diskussionen zu Hause, die räumliche Nähe im Haushalt zu Konflikten; andere Kontakte, auch die spontanen, werden zunehmend vermisst; wer vorher schon einsam war, ist es jetzt erst recht. Das ist die «andere» Seite: der Corona-Koller. Ich bin froh und dankbar, Zeit und ein offenes Ohr schenken zu können.

Vielleicht noch intensiver als die Arbeit ist aber unser Familienleben. Bei aller Liebe (!) zum Töchterchen: Ich vermisse die Entlastung durch Kinderkrippe, Schwiegermutter und Babysitterin ungemein! Und ich vermisse sie ganz besonders, weil wir als Eltern eines Kindes mit einer chronischen Krankheit im letzten Jahr ein fein austariertes Supportsystem aufgebaut haben, das jetzt in sich zusammengefallen ist. Seit dem Lockdown sehen die Tage so aus, dass ich bis etwa 14 Uhr im Büro arbeite und anschliessend zu Hause unsere Kleine «übernehme», damit meine Frau dann auch noch zur Arbeit fahren kann; von 20 Uhr bis gegen Mitternacht arbeite ich noch einmal weiter. Schichtbetrieb. Auch wenn ich als Vater seit jeher sehr präsent bin: Jetzt sind wir unglaublich gefordert. Das Mietklavier, erst im Februar organisiert, bleibt viel zu häufig unbenutzt. Die «Akkord-Arbeit» findet gerade anderswo statt.

Ob Seelen-Wellness oder Überforderung (oder beides gleichzeitig): Ich wünsche Ihnen alles Gute und einen langen Atem. Wir werden ihn brauchen. Schauen wir gut zu uns und schauen wir gut zueinander!

Und all denjenigen, die beim Positiven, was wir jetzt (auch) erfahren, schlicht ihr «altes Leben» mit seinen Sicherheiten zurückhaben wollen, möchte ich sagen: Ich verstehe Sie so, so gut! Mir geht es ähnlich – und ich glaube: Das ist okay.

Reto Studer, Pfarrer

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