Erfahrungen und Gedanken

Familie

Alle gesund und munter. Wir gehören nicht zur Risikogruppe und gehen das Ganze mit Respekt, aber dennoch gelassen an. Simon, unser jüngster Sohn, ist mit seiner Freundin mit dem letzten Flug von Australien zurückgekommen. Der lange herbeigesehnte Arbeits- und Ferienaufenthalt wurde hinfällig. Dafür ist es jetzt umso schwieriger, hier Arbeit zu finden. Wir haben das grosse Privileg, dennoch arbeiten zu können. Für Esther ist die Situation als Lehrerin schwieriger. Kein Vergleich allerdings zu einer Familie mit Kindern, die womöglich in einer Wohnung leben und ein Teil der Eltern noch im Homeoffice arbeitet. Wir wünschen Ihnen viel Kraft.

Hof

Natürlich nehme ich auch wahr, was in der näheren und weiteren Umgebung passiert. Auf unserem Hof, bei der täglichen Arbeit in der Landwirtschaft, hat sich aber nicht viel geändert. Es ist ein «Traum-Frühling» und die Felder lassen sich gut bestellen. Die Tiere müssen gepflegt und gefüttert werden. Von Lockdown keine Rede, wie gewohnt 70 bis 80 Stunden pro Woche. Dafür, wie sonst auch, keinen Arbeitsweg. Und doch meine ich eine Veränderung zu spüren. Die zahlreichen Spaziergänger grüssen wieder vermehrt. Seit Gestelle leergehamstert wurden und die Grenzen geschlossen sind, scheint die Wertschätzung für unsere Arbeit zu steigen. 

Politik

Geht es Ihnen vielleicht auch wie mir? Vermissen Sie die Schreihals-Parlamentarier von ganz links oder rechts aussen auch nicht? Ebenso die ganz Grünen und die eher Braunen? Vorübergehend haben die sich etwas zurückgenommen und es wurde ihnen auch keine Plattform gegeben. Das war doch ganz angenehm. Und wissen Sie was: Die Reuss fliesst trotzdem immer noch von oben nach unten.

Sterben

Schwierig. Ich habe den Eindruck, sterben ist nicht mehr «erlaubt». Angeblich ist jeder Tote einer zu viel. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber über den Tod wird kaum noch gesprochen. Und sterben darf man eigentlich an was? Ich lese nur immer wieder an was nicht: Krebs, Grippe, Lungenentzündung, Herzinfarkt, Unfall, … Dabei gibt es nur eine Statistik, die wirklich stimmt: Wir sterben alle, zu 100 %.

Gesellschaft

Auch schwierig. Zu viele Leute leben anscheinend über ihren Verhältnissen. Das Motto lautet: Man leistet sich alles, was der Nachbar auch hat – und noch ein bisschen mehr. Wenn dann der Zahltag am 25. einmal nicht pünktlich und vollständig ausbezahlt wird, gibt es ernsthafte Probleme. Damit meine ich nicht jene Menschen, die im Leben schon öfters auf der Schattenseite gestanden sind. Ich meine vielmehr jene auf der Sonnenseite.

Raiffeisenbank

Auch die Bank ist natürlich betroffen. Home-Office ist eine neue Erfahrung. Mit grosser Freude darf ich feststellen, dass trotzdem alles reibungslos funktioniert. Und noch mehr Freude habe ich ob dem Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Ganze hat eine soziale Komponente und schweisst das Team zusammen. Auch die Kreditauszahlungen an unsere Kunden laufen reibungslos. Die Planungsarbeiten für unseren Neubau sind aber ins Stocken geraten. Zum Glück haben wir keine GV, sondern eine Urabstimmung. Leider fallen aber die Mitgliederversammlungen ins Wasser. Wir freuen uns aufs nächste Jahr!

Swiss Beef

Als Präsident von Swiss Beef hätte ich in den letzten Wochen am liebsten den Computer und das Telefon ignoriert. Aber genau diese beiden Hilfsmittel erlauben eine gute Kommunikation und deshalb eine gute Arbeit in dieser sitzungslosen Zeit. Als Folge der Schliessung der ganzen Gastronomie sind verschiedene Wertschöpfungsketten regelrecht eingebrochen. Der Absatz kam kurzfristig zum Erliegen. Die Preise sind teilweise erodiert. Die Essgewohnheiten zuhause und im Restaurant unterscheiden sich offensichtlich sehr stark. Vielleicht hat das auch mit den Kochfähigkeiten zu tun… Immerhin haben jetzt die Leute Zeit, um vielleicht wieder einmal ein Kochbuch zur Hand zu nehmen, anstatt eine Pizza zu bestellen.

Am Sonntag früh

Nach dem Stalldienst am Sonntag fahre ich hin und wieder mit dem Velo zum Beck und freue mich auf gutes Brot. Schon um acht Uhr stehe ich gemeinsam mit anderen im empfohlenen Abstand in der Warteschlange. Die Stimmung ist eher gedrückt und doch ergibt sich ein Gespräch auf Distanz. Mein Vordermann findet das Ganze masslos übertrieben. Er habe gestern drei Gärtner gesehen, die bei ihrer Arbeit im Unterabstand waren! Noch weiter vorne fand jemand die Gelegenheit gut, um jetzt endlich das Bargeld abzuschaffen – und schon bald gab es vier Meinungen bei drei Teilnehmenden.  

Ich hatte grosse Mühe, wie man in Anbetracht der Warteschlange noch eine Beratung in Anspruch nehmen kann, die darauf abzielt, ob man jetzt eine Semmel mit oder ohne Körnli oder ein Knorrenbrot oder vielleicht doch besser ein St. Galler-Brot oder ein Urdinkel –  vielleicht sogar ein Bio-Urdinkel-Vollkorn-Gipfeli erwerben soll. Grosser Seufzer. Corona hat seine läuternde Wirkung noch nicht überall voll entfaltet. Anscheinend haben gewisse Leute nicht Hunger, sondern suchen sich einen Zeitvertreib. Weil ich schon zwei Stunden gearbeitet hatte, war ich aber sehr hungrig und habe mir ganz einfach ein gutes Ruchbrot und einen feinen Zopf für die Nachbarn gekauft. Es hat zwar jeweils nicht viel Ruchbrot im Gestell. Wenn Sie aber früh genug da sind, sollte das klappen.

Zukunft

Was bleibt haften? Das Virus hat das Potential, mich und die ganze Welt zu verändern. Und das schadet so gesehen gar nichts. Demut kommt in mir auf. Ich habe den Eindruck, die Vögel pfeifen anders als sonst. Ob es wohl nur am fehlenden Verkehrslärm liegt?

Und noch etwas: Ich hätte nie gedacht, dass mir ein kräftiger Händedruck so fehlen könnte. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und freue mich auf einen Händedruck!

Franz Hagenbuch, Verwaltungsratspräsident Raiffeisenbank Kelleramt-Albis & Präsident Swiss Beef, Rottenschwil-Werd

2 Gedanken zu „Erfahrungen und Gedanken“

  1. Vielschichtig, vielseitig angesehen und treffend geschrieben.
    Die Leute sind vermehrt draussen. Die Vögel singen, die Apfelbaumblüten duften, alle Jahre, eigentlich. Ich hoffe, das bleibt hängen.

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    1. Dem kann ich mich nur anschliessen, Nelly! Und möchte noch ergänzen: und freue mich, dass wir Deinen Beitrag dann auch bald einmal online schalten. Er ist ja längst verfasst und wartet, ganz geduldig übrigens, in der Pipeline. :-)

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