Mutter und Klavierlehrerin – in Zeiten wie diesen

8:32
Fruchtsalat mit Müesli steht frisch zubereitet auf dem Esstisch und wartet auf die Kinder. «Wo sind die nur? Die müssten alle schon beim Frühstück sein…»

8:37
Ich spüre, dass mein Herz etwas schneller zu schlagen beginnt. «Tief durchatmen und entspannt bleiben», sage ich mir innerlich.

8:40
Unsere ältere Tochter kommt die Treppe herunter und ruft ihren Geschwistern im Halbschlaf zu: «Es gibt Frühstück!»

8:50
Endlich sind – mit 20 Minuten Verspätung – alle Kinder am Tisch. Ich halte meine erste tadelnde Rede an diesem Tag: «Wir hatten abgemacht, dass um 8:30 Uhr gefrühstückt wird und ihr spätestens um 9 Uhr mit den Schulaufgaben beginnt. Ich unterrichte ab 9:30 und muss vorher einiges vorbereiten.» «Ich brauche keine 10 Minuten um zu frühstücken«, murmelt unsere jüngere Tochter noch schläfrig.

9:05
Hastig scheuche ich meine drei in ihre Zimmer. «Ihr kommt bitte nicht ins Wohnzimmer während ich unterrichte!»
Seit nicht mehr in der Schule gelehrt werden kann, gebe ich Klavierunterricht per WhatsApp-Video. Heute werde ich je drei Schüler am Vormittag und Nachmittag unterrichten.
Unterrichten via Mobile ist anstrengender als der «normale» Direktunterricht. Daher plane ich pro Halbtag maximal vier Schüler hintereinander.
Bevor es losgeht, lege ich die Noten bereit und schaue mir die Videos an, die mir die Schüler am Vorabend gesendet haben.

9:30
«Hoi Rachel! Wie geht’s dir? Seid ihr alle gesund?» Inzwischen ist diese Frage Standard geworden. 
Beim Online-Unterrichten muss ich klarer kommunizieren und weniger reden. Am besten funktioniert es, wenn der Schüler nur wenige Takte spielt und ich direkt anschliessend kommentiere. Erschwerend kommt hinzu, dass der Klang und die Bewegung nicht übereinstimmen – da hilft oftmals nur Augen schliessen und zuhören.
Nun fokussiere ich mit der Kamera die Noten und zeige Rachel die falsch gespielten Töne. «Wie heisst diese Note nach der Viertelnote ‚Fis‘?» «…Hmm… D?»
«Ja, genau. Du hast vorher ‚E‘ gespielt.» Sie spielt es nochmals richtig.
«Sehr gut! Bitte spiele nun die Takte 13-15.» Wie ich im Video gesehen habe, gibt es beim Rhythmus noch Unsicherheiten.
Rachel probiert, bricht ab und probiert wieder. Meine Erklärungen und das Vorsingen des Rhythmus bringen nicht den gewünschten Erfolg.
«Rachel, ich nehme mich gleich auf und sende dir die Aufnahme.»
Ich eile ans Klavier und nehme mich auf, während ich laut zähle.
Sofort sende ich ihr die Aufnahme und rufe sie kurz danach an.
Als Rachel die Takte nochmals spielt, klingt es bereits viel besser. Ich freue mich mit Rachel und lobe sie. Sie lächelt ins Mobile, das ihre Mutter seit 20 Minuten tapfer in der Hand hält.
«Das war sehr gut! Bitte spiele einmal vom Anfang an.» 
Nach der Lektion sende ich Rachel die neuen Aufgaben mitsamt Photos der Noten, die mit Fingersätzen und Bemerkungen vollgeschrieben sind.

11:50
Alle Schüler haben ihre Aufgaben für die nächste Woche erhalten. Meine Augen sind müde vom kleinen Bildschirm.
Da kommt mein Sohn mit schnellem Schritt die Treppe herunter – bereits zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit. «Ich bin soooo hungrig! Was essen wir?» Eilig öffne ich den Kühlschrank und beginne kurz danach mit Kochen.

12.40
Wir sitzen zu viert am Esstisch und essen eine warme Nudelsuppe. 
Mein Mann hat kein Home Office. Er arbeitet in der Nahrungsmittelindustrie und hat in diesen Tagen viel zu tun.
Unsere jüngere Tochter erzählt eifrig, was sie heute Morgen über General Dufour gelernt hat. Ihre beiden älteren Geschwister geben ebenso eifrig Kommentare dazu ab. Am Tisch wird es lauter und Aika, unsere einjährige Hündin, beginnt zu bellen. Auch sie musste sich an die neue Situation gewöhnen. 
Die Jüngste fragt, ob sie heute selber im Volg einkaufen und das Abendessen kochen darf. Sie macht noch ein paar Vorschläge und die Kinder einigen sich auf Chicken Nuggets mit Country Fries. Toll – ich muss einmal weniger kochen!

14:00
Meine Kinder sind in ihren Zimmern und ich beginne wieder zu unterrichten.

18:00
Die beiden Teenager gehen raus und nehmen Aika mit. 
Endlich etwas Ruhe… Ich bin erleichtert, dass es langsam besser klappt mit dem Online-Unterricht. Von Tag zu Tag bin ich weniger müde. 
Auch wenn es schwierige Zeiten sind, habe ich doch das Gefühl, dass unsere Familie stärker zusammenwächst. Und trotz der erzwungenen Distanz spüre ich mehr Mitgefühl zwischen den Menschen. 

Hmm… jetzt freue ich mich auf die selbstgemachten Chicken Nuggets mit Country Fries!

Hyunah Rottenschweiler-Shin, Klavierlehrerin, Oberlunkhofen

Ein Gedanke zu “Mutter und Klavierlehrerin – in Zeiten wie diesen”

  1. Guten Morgen Frau Rottenschweiler-Shin
    Meine Begegnungen mit Ihnen waren bisher in erster Linie auditiver Art – beim Lauschen Ihres Klavierspiels im Rahmen des Gottesdienstes. Mir gefällt die Auswahl der Musikstücke, welche Sie jeweils für die einzelnen Beiträge wählen und Ihre einfühlsame Interpretation.
    Und nun geben Sie mir und weiteren Leser*innen Einblick in den Ablauf eines Tages als Ehefrau, Mutter und Klavierlehrerin in Zeiten von Covid-19. Nicht ganz einfach, den verschiedenen Rollen gerecht zu werden. Beinahe im Minutentakt erfährt man, was alles ansteht und zu erledigen ist. Interessant ist die Schilderung, wie Klavierunterricht unter den derzeitigen erschwerten Bedingungen durchgeführt werden kann. Da braucht es kreative Ideen – und offensichtlich auch Hilfspersonal, welche bei den Dreharbeiten mithilft (Mutter, welche ihre Tochter aufnimmt). Und es braucht Geduld, bei den Schüler*innen wie der Klavierlehrerin, um mit den verschiedenen Herausforderungen fertig zu werden.
    Ihr Beitrag hat mir gut gefallen – nicht zuletzt, weil er mit einem humorvollen Augenzwinkern geschrieben ist, oder ich ihn zumindest so gelesen habe.
    Mit freundlichen Grüssen
    Felix Maurer, Oberlunkhofen

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