Nachdenken über Begriffe, die in Zeiten von Covid-19 Konjunktur haben

Risikogruppe – dieser Gruppe gehöre ich mit meinen 78 Jahren – auch nach den Lockerungsentscheiden des Bundesrates – weiterhin an. Was verbindet mich mit dieser «Gruppe»? Ich kenne die Allerwenigsten – das Einzige was mich mit den Gruppenzugehörigen verbindet, ist ein erhöhtes Gefährdungs- und damit auch ein erhöhtes Verbreitungsrisiko in Bezug auf das Corona-Virus. Ich muss zugeben, noch nie war mir die Bedeutung und die Verantwortung «meiner» Altersgruppe für die Volksgesundheit so bewusst wie in dieser Zeit.

Gruppe der Privilegierten – ich gehöre aber auch zur Gruppe der Privilegierten. Wenn ich an meine Coiffeuse oder meine Fusspflegerin denke – selbstständige Kleinstunternehmerinnen, die mit den laufenden Einnahmen ihre monatlichen Ausgaben bestreiten und die jetzt von grossen Existenzsorgen geplagt werden – stelle ich fest, wie gut es mir geht. Ich muss keine Ängste um meinen Arbeitsplatz haben und erhalte (im Moment noch) jeden Monat meine Rente.

Utilitarismus – philosophische Lehre, die im Nützlichen die Grundlage des sittlichen Verhaltens sieht und ideale Werte nur anerkennt, sofern sie dem Einzelnen oder der Gemeinschaft nützen (Duden, Fremdwörterbuch). Die zu Beginn der Pandemie von Boris Johnson aufgeworfene Idee der «Herdendurchseuchung» ist so eine utilitaristische Strategie. Der Nutzen für die Gemeinschaft würde darin bestehen, dass eine Durchseuchung in der Bevölkerung zu einer Immunisierung führen würde. Das war zu jenem Zeitpunkt, als selbst die Virologen und Epidemiologen über Covid-19 wenig wussten, eine ziemlich kühne Behauptung. Aber das ist nicht mein zentraler Punkt. Es gibt auch in der Schweiz Anhänger dieser Durchseuchungstheorie, z.B. der Ökonom Reiner Eichenberger. Auf die Entgegnung, dass mit dieser Strategie vor allem ältere Menschen besonders gefährdet seien, meinte Eichenberger, dass das durchschnittliche Alter der Corona-Todesfälle bei 82 bis 83 Jahren liege. Diese Menschen hätten ja ohnehin keine grosse Lebenserwartung mehr gehabt. Wichtiger, als diesen Menschen noch einige wenige Lebensjahre zu ermöglichen, sei doch, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie so rasch wie möglich aufgefangen werden können. Und da sei es wichtig, möglichst viele immunisierte Arbeitskräfte wieder in den Arbeitsprozess integrieren zu können.

Eichenberger bringt das zentrale Dilemma des Utilitarismus auf den Punkt: Welche Kriterien bestimmen den Nutzen für die Gemeinschaft (und wer entscheidet das)? Für Eichenberger scheint klar zu sein, dass das rasche Hochfahren der Wirtschaft für die Gemeinschaft den grösseren Nutzen darstellt als gesundheitspolitische Massnahmen, bei welchen ältere Menschen besser geschützt sind. Nützlich sind nach dieser Definition vor allem Menschen, welche zur wirtschaftlichen Prosperität beitragen – alte, kranke und behinderte Menschen gehören nicht dazu.

Das war ja die enorme Herausforderung für den Bundesrat, eine Balance zu finden zwischen Massnahmen, die einerseits der Volksgesundheit dienen und andererseits möglichst geringe wirtschaftliche Kollateralschäden verursachen. Letztlich eine unmögliche Aufgabe. Aber ich bin dem Bundesrat dankbar für seine Entscheide. 

Hilfsbereitschaft – wenn diese Pandemie wieder etwas sichtbar gemacht hat, das scheinbar im Verborgenen schlummerte, dann ist es die vielfältige Hilfsbereitschaft. Ich bin erstaunt und gerührt über die verschiedenen Angebote, die wir von jüngeren Menschen in den letzten Wochen erhalten haben.

Solidarität – und diese Hilfsbereitschaft der jüngeren Menschen führt mich auch zur Verantwortung, die wir Älteren gegenüber den Jüngeren haben. Denken wir doch bei nächsten Diskussionen und Abstimmungen auch an sie. Zum Beispiel beim Klimaschutz oder der finanziellen Absicherung im Alter (Pensionskasse, AHV). Denn die jungen Menschen müssen auf diesem Planeten und in dieser Gesellschaft weiterleben, die wir ihnen hinterlassen.

Felix Maurer, Oberlunkhofen

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