In mir ist alles dunkel

Es wird aber wieder hell.

Es ist dunkel. Kein Wunder, es ist nachts um 4 Uhr. In mir ist alles dunkel. Ich habe eine depressive Stimmung. Warum? Ist es nicht Jammern auf hohem Niveau? Ich habe ein Dach über dem Kopf, ein warmes Haus, herrlichen Sonnenschein und viel, viel Zeit. Ich kann machen, was ich will. Das bedeutet, all die kleinen und grossen Pendenzen in Ruhe erledigen und kann sogar mittendrin aufhören und alles liegen lassen. Es darf mich ja sowieso keiner besuchen und könnte so das angefangene Chaos sehen. Kann ja morgen weiter machen.

Ich glaube, dass uns in dieser Zeit die gewohnten Strukturen wegbrechen ist im Moment unser – mein – grösstes Problem. Anstatt froh über das jeweils Erledigte zu sein, verdüstert sich meine Stimmung immer mehr. Ich gehe spazieren. Ist schön bei diesem Wetter, aber auch diese Situation ist surreal. Wenn man sich begegnet, geht man sich – aus nachvollziehbaren Gründen – aus dem Weg. Die «Risikogruppe» soll zu Hause bleiben. Sehe ich ein, und doch macht es mir zu schaffen. Ich habe mich gefragt warum, mein Leben hat sich doch zu meinem vorherigen gar nicht so verändert. Vorher war ich auch sehr viel allein. Bekannte haben mich besucht und ich konnte, wenn ich wollte, unter die Leute. Jetzt kaufen meine Kinder für mich ein und stellen den Einkauf vor die Tür. In gehörigem Abstand reden wir miteinander. Wir telefonieren täglich und sie machen sich grosse Sorgen um mich. Was fehlt mir? Es ist die Nähe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so eine grosse Bedeutung für mich hat. Es macht mich aber fertig. Auch andere Strukturen brechen weg. Das Altersturnen hat mir zwar nicht immer Spass gemacht, aber jetzt fehlt es. Selber einkaufen. Der sonntägliche Gottesdienst mit dem anschliessenden Kirchenkaffee. Wir haben uns immer anschliessend angeregt unterhalten.

Wir haben verschiedene Berufe im Gesundheitswesen und im sozialen und kirchlichen Bereich als selbstverständlich hingenommen. Jetzt haben wir gelernt, wie wichtig sie für uns alle sind und dass diese Personen im Moment fast Übermenschliches leisten. 

Wir hoffen alle, dass diese Zeit der Einschränkungen bald vorbei ist, haben aber gleichzeitig Angst, dass die Massnahmen zu früh aufgehoben werden und sie anschliessend noch weiter verschärft werden müssen. Wir denken an die vielen Menschen, die bald weder ein und aus wissen, da sie sehen, wie ihre Existenzen – trotz staatlicher Unterstützung – wegbrechen.

Ich sehe aber auch, dass der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Menschen stärker geworden ist. Ich hoffe, dass das auch nachher anhält.

Früher war ich ein richtiger Nachrichtenjunkie, habe alles, was in der Welt um mich herum passierte, in mich eingesogen. Später war es so: Warum soll ich mich über alles, was in der Welt passiert, informieren, wenn man nichts Positives hört und sieht? Also habe ich den Nachrichtenkonsum eingeschränkt. Jetzt informiere ich mich – obwohl es wichtig ist – aus anderen Gründen ungern. Die Informationen beginnen mit Corona und enden mit COVID-19. Passiert sonst nichts auf der Welt, ist sonst der allgemeine Friede ausgebrochen? Oder interessiert es uns nicht, weil wir Angst um uns, unsere Angehörigen und unsere Wirtschaft haben?

Natürlich gibt es und wird es grosse persönliche Probleme geben. Es wird eine riesengrosse wirtschaftliche Delle geben und es wird lange dauern, bis die überwunden ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir – wenn wir den jetzt erreichten Zusammenhalt beibehalten – zusammen mit den staatlichen Hilfen zum grössten Teil in einigermassen überschaubarer Zeit wieder gut dastehen werden. Diese Notsituation zeigt uns, dass Menschen zusammen viel erreichen können.

Also räume ich noch mein Büro auf ohne mitten in dieser Arbeit hängen zu bleiben und freue ich, wenn ich es geschafft habe.

Wir werden sowieso frühestens in einem Jahr wissen, ob die Reaktionen und Vorschriften der einzelnen Regierungen richtig waren. Menschenleben wurden dadurch sicher gerettet.

Ist das nicht das Wichtigste?

Anonym (Identität bekannt)

Ein Gedanke zu “In mir ist alles dunkel”

  1. In mir ist alles dunkel – es wird aber wieder hell
    Mit Interesse habe ich Ihren Blog-Beitrag gelesen. Beeindruckt hat mich Ihre Offenheit, mit der Sie über ihre Befindlichkeit reden – in einer Zeit, in der gewohnte Strukturen weggebrochen sind. Aber Ihr Beitrag macht auch deutlich, dass Sie, trotz der belastender Rahmenbedingungen, den Blick für das nicht verloren haben, was in unserem Umfeld an Solidarität und Hilfsbereitschaft vorhanden ist. Geschmunzelt habe ich über Ihre Bemerkung zum Altersturnen. Da geht es mir gleich wie Ihnen. Auch ich muss mich zuweilen zum Seniorenturnen «überreden» – aber nun fehlt es mir ebenfalls.
    Wir Menschen neigen ja dazu, in schwierigen Ereignissen einen Sinn zu sehen. Und in Zeitungen und sozialen Medien wird dazu im Moment eine Menge angeboten. Meine Überzeugung dazu ist, dass es diesen allgemein gültigen Sinn nicht gibt. Jeder Mensch muss dieser Situation und seinem Verhalten in dieser Situation einen Sinn geben – und dieser Suchprozess verläuft in der Regel nicht geradlinig, sondern ist mit Höhen und Tiefen verbunden, gerade auch in Bezug auf die eigenen Gefühle und Stimmungen.
    Ich wünsche Ihnen bei dieser Suche eine gute Balance zwischen beherztem Voranschreiten und nachdenkendem Innehalten.

    Felix Maurer, Oberlunkhofen

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