Corona berichtet

Zum Glück habe ich mich da in diese Ritze stecken können. Ein junger Mann hat mich zurückgelassen. Er wäre müde, wollte nur die Beine strecken. Er weiss noch nichts von seinem Glück. So bin ich herausgerutscht. Fix und fertig. Das hätte ich mir schon nicht vorgestellt. Damals. Ich wurde auf die Reise geschickt. Abenteuerlustig wie ich bin, packte ich meine Sachen zusammen. Ich hätte einen wichtigen Auftrag zu erfüllen. Nun sitze ich da, todmüde. Das Reisen ist anstrengend. Die Menschen sind aktiv, sausen von hier nach dort, von einem Termin zum andern. Glauben Sie mir, das ist anstrengend, diese Platzwechslerei, immer am Mensch bleiben! Wie ich das schaffen soll, habe ich mich gefragt. Ein Stress. Ein Gestresse. Den ganzen Tag. Keine Ruhe. Zum Glück vermehrten wir uns stark. So konnten wir locker hin und her hüpfen, Purzelbäume schlagen und schaukeln. Das war ein Gaudi. Sie mussten im Bett bleiben. Das mögen sie nicht. Seife mögen wir nicht. Mühsam! Zu Ende. Zwei Meter weit springen und das bei meiner Grösse. Das schaffte ich nicht mehr. 

Die ganze Familie ging hinaus in die Natur. Diese Hüpferei. Unmöglich. Sie blieben daheim. Langweilig. Allein. Keine Chance. Kein Stress. Mühsam. Ich besann mich auf meinen Auftrag. Was ich hier solle, fragte ich. Ich würde es sehen, hiess es. Und. Kein Gedränge am Bahnhof, kein Gedränge auf den Strassen, keine Reisen, keine Ansammlungen. Keiner da. Keine Chance. Elend!

Ich staunte, unglaublich. Meine Kameraden verschwanden, abgekämpft. Was mich hier noch hält, frage ich mich. Alle weichen mir aus. Alle weichen sich aus. Das finde ich nicht lustig. Wozu trat ich denn diese weite Reise an? Wissen Sie, ich war lange unterwegs. Welchem Ruf bin ich gefolgt? Sinnlos. Haben die denn nicht gewusst, dass die Natur ein unersetzbarer Schatz ist? Dass die Beziehung Leben ist? Uppsss! Stopp! Ja! Ich habe es!

Jetzt bin ich ein runzliges, kleines, rundes, müdes Ding. Die Chance. Das Übriggebliebene.

Die Natur lebt. Sie leben. Spuren bleiben. Hoffnung.

In der Morgenfrühe watschelt die Gänsefamilie mit ihrer Schar durch das nachtfeuchte Gras. Der Gänserich hält acht. Die Apfelblüten ploppen. Stille. Der blaue Himmel ist streifenlos. Die Lerche trällert ihr Lied auf der Tannenspitze. Am Abend konkurrenziert der Star. 

In blauer Kinderschrift liest sie auf dem Veloweg: «Wer hat den Marienkäfer gesehen?»

Der junge Mann geniesst sein Glück auf einer Bank am Flussufer. In der Ritze des Platzes wagt sich ein Gänseblümchen heraus.

Nelly Stutz, Unterlunkhofen

4 Gedanken zu „Corona berichtet“

  1. Nelly, das ist Literatur! Wo sind Deine Büchlein? Ich würde sie mir reinziehen wie die Petflasche im Postauto auf dem Weg von Brigels nach Tavanasa sich die Luft reinsaugt!

    Heb` Sorg! (o-Ton: die Natur interessiert das alles nicht, es wächst!)

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    1. Liebe Brigitte
      Vielen Dank! Corona freut sich sehr. Sie sei müde und lege sich mal in eine Ritze. Im Bett werde sie krank. Der Regen gefalle ihr übrigens nicht. Der Regenschirm bremse und die Kapuze verdecke die Sicht.
      Nelly / i. V. Corona

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  2. Liebe Nelly
    Deine Art von Corona und ihrer Reise zu berichten, gefällt mir sehr. Ein anderer Blickwinkel; humorvoll, witzig aber auch zum Nachdenken anregend. Toll! Würde gerne mehr von Dir lesen.
    Weiter so!
    Liebs Grüessli Beatrix

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    1. Liebe Beatrix

      Vielen Dank, ich leite dies gerne an Corona weiter. Aber, ob sie sich wieder mal blicken lässt? Regen sei hinderlich, Regenschirme bremsen aus.
      Ich danke dir herzlich für diese Rückmeldung.
      Nelly

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