Gestorben wird immer

Ein provokativer Titel? 

Mag sein, aber meine Familie und ich mussten dies in den letzten Wochen selbst erfahren. Wir haben vier liebe Menschen aus dem Freundes-, Bekannten- und engsten Familienkreis verloren (ohne Zutun des Corona-Virus). Ich empfinde es als schlimm und schier unerträglich, dass Abschied nehmen und gemeinsam zu trauern in diesen Zeiten fast nicht möglich ist und wenn, dann nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dazu möchte ich vom Tod und der Beerdigung meines Schwiegervaters und Grosspapis meiner Kinder berichten:

Das Positive vorweg: Er konnte 97jährig zu Hause, im Beisein seiner Tochter, einschlafen. Er hinterlässt fünf Kinder, 16 Enkelkinder und vier Urenkel. Dazu kommen alle anderen Familienmitglieder und Freunde. Die gemeinsamen Weihnachtsfeiern im berstend vollen Wohnzimmer meiner Schwägerin zeigen mir jedes Jahr, wie gross die Familie tatsächlich ist!

An der Beerdigung durften nur die «engsten» Familienmitglieder – sprich 15 Personen – teilnehmen und dies lediglich am offenen Grab. Man hätte meinen können, die Familie sei entzweit: Begrüssung nur durch zunicken, keine Umarmung, um Trost zu spenden, grössere und kleinere Gruppen standen in zwei Metern Abstand da, manche Familienmitglieder auch ganz alleine. Nach einer kurzen Rede des Pfarrers, von der ich wegen der grossen Distanz nur einen Teil verstand, ging jeder wieder seines Weges.

Es ist schon eine verrückte und bedrückende Zeit. Manchmal kommen mir einfach die Tränen, wenn ich an die allein lebenden Menschen denke, die sich jetzt noch einsamer fühlen, an die Hinterbliebenen, die nicht mit ihren Familien und Freunden trauern können, an die vielen kranken und alten Menschen, die in Altersheimen und Spitälern alleine ihre Tage verbringen. Wurden sie gefragt, ob sie von ihren Liebsten «geschützt» werden wollen? Oder an die Kinder, die sich nicht mehr treffen dürfen. Können sich die Jungen überhaupt noch verlieben in dieser Krise?

Ich merke, wie schön und wichtig es ist, sich in den Arm zu nehmen, sich bei der Begrüssung zu drücken oder auch «nur» die Hand zu geben. Wir sind Menschen! Wir brauchen Nähe, Berührungen, Liebe und Geborgenheit. 

Hat es nicht etwas Bizarres, wenn der Bundesrat die Grosseltern anweist, von ihren Enkelkindern Abstand zu halten? Und alle halten sich daran? Meine Familie und ich selbstverständlich auch! Auch ich stelle meiner Mutter die Einkäufe vor die Haustüre, klingle und rede zwischen Tür und Angel mit ihr. Es zerreisst mir das Herz, wenn sie mich jeweils bittet, die Kinder von ihr fest zu drücken. Und nun fordert die Regierung offiziell die Grosseltern auf, ihre Enkel wieder zu umarmen?

Ich will keineswegs die Gefahr des Virus hinunterspielen, noch die Entscheide des Bundesrats in Frage stellen. Das steht mir auch gar nicht zu.

Aber ich befürchte, dass nach dieser Pandemie nichts mehr sein wird wie vorher. Vielleicht ist das aber – nebst der viel gepriesenen «Entschleunigung» – auch ein positiver Nebeneffekt? Wieder zu erkennen, dass wir eben nicht unsterblich sind und Krankheiten und Tod zu unserem Leben gehören. Und dass sich nicht alles nur ums Geld, Gewinn und noch grösseres Wachstum dreht!? 

«Wird’s besser? Wird’s schlimmer? – Fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!» (Erich Kästner)

Herzliche Grüsse ab dem Bergli

Daniela Sieber Nick, Islisberg 

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