Abgrenzung in den Zeiten von Corona

Seit fünf Wochen fahre ich jeweils zwei Mal pro Woche mit dem Auto direkt vor das Standesamt in Zürich. Dort hat es immer freie Parkplätze in Gehdistanz zu meiner Gemeinschafts-Praxis im Niederdorf, wo ich als Psychotherapeutin arbeite. Seit dem Ausbruch des Coronavirus bin ich vorübergehend Besitzerin einer Parkkarte, welche den im Gesundheitswesen tätigen Personen erlaubt, kostenfrei in der Stadt Zürich zu parkieren. Ein rares Gut und ein schönes Stück Solidarität, finde ich. 

Eine der Fragen, die mich zu Beginn von Corona beschäftigt haben, war, ob ich überhaupt noch arbeiten darf? Die Antwort darauf war ja, für dringende Fälle ist die Fortführung der Psychotherapie empfohlen. Bei der Definition der Dringlichkeit gibt es natürlich einen grossen Ermessenspielraum, bei welchem die Vernunft des Therapeuten sowie die Kulanz der Krankenkassen gefragt sind. 

Für mich hat sich bei der Arbeit insbesondere geändert, dass ich mehr Zeit mit der Desinfektion von Sesseln, Türklinken und Händen verbringe. Weiter ist das Begrüssungs- und Verabschiedungsritual vom Händeschütteln zum Händedesinfizieren übergegangen. Der Abstand zwischen den Stühlen ist auf zwei Meter fixiert. Das Wartezimmer ist meist leer oder von nur einer Person belegt und es gibt keine Magazine mehr zum Lesen. 

Weiter ist neu, dass ich etwa ein Drittel der Gespräche via Videotelefonie durchführe. Für mich als Therapeutin ist der Kontakt online mit den Patienten viel anstrengender, da ich meine Sinneskanäle mehr aktivieren muss, um den Patienten über die Distanz zu erfassen. Auch empfinde ich die Therapie als weniger befriedigend, weil ich den Effekt nicht 1:1 mitbekomme. Zudem ist mir aufgefallen, dass es für einige Patienten schwieriger ist, sich auf die Sitzungen einzulassen, weil sie aus dem Home Office direkt in die Therapie switchen und danach wieder zurück. Trotzdem gebe ich zu, dass die Online-Therapien erstaunlich besser funktionieren als erwartet.

Die Patienten, welche nach wie vor in die Praxis kommen, sind sehr froh über den «Live»-Kontakt, da einige sehr einsam oder das Gegenteil, nämlich überflutet mit Home Office/ Home Schooling/ Haushalt und Partner sind. Diese Personen sind sehr froh darüber, sich etwas Zeit zu stehlen, wo es zur Abwechslung mal um sie geht. 

Die Themen, welche die Patienten beschäftigt haben, sind eigentlich die gleichen wie vor der Coronakrise, einfach akzentuierter. Für einige hat die Entschleunigung des Home Office eine vertiefte Auseinandersetzung mit vorher nicht zugänglichen Themen ermöglicht. Für andere hat der Stress bei der Arbeit durch Corona massiv zugenommen und dazu geführt, dass sie sich keine Zeit für die Therapie rausnehmen konnten. 

Viele Patienten beschreiben sich in der aktuellen Situation als rascher überflutet und reizbarer, was mit der dauernd latenten Bedrohung des Corona-Virus in Zusammenhang stehen kann, welche unser vegetatives Nervensystem auf Trab hält. Die Patienten reagieren empfindlicher, geraten mehr aneinander, fühlen sich unausgeglichener und innerlich unruhig. Die oftmals räumliche Enge des Home Office und die dauernde Ablenkung helfen auch nicht dabei, ein Gefühl von Orientierung und Kontrolle herzustellen. 

Für viele Patienten ist die Arbeit mit Abgrenzung in dieser Zeit sehr hilfreich, um wieder mehr ein Gefühl von Orientierung und Kontrolle zu erhalten. Dazu gibt es eine kleine Übung, die auch Sie gut zu Hause machen können: Suchen Sie sich einen ruhigen Ort und lesen Sie die untenstehenden ausgewählten Sätze durch und achten Sie darauf, welche bei Ihnen etwas auslösen, einen tiefen Seufzer zum Beispiel oder ein Gefühl der Entlastung. Manchmal braucht es auch ein paar Durchläufe, um etwas zu spüren. Auch wenn Sie nichts spüren, ist das absolut in Ordnung. Diese sogenannten «Agency Mantras» helfen vielen meiner Patienten, um sich die Erlaubnis zu geben, ihren Eigenraum wieder zu spüren. 

Mantras für Abgrenzung

  • Ich bin nicht egoistisch, wenn ich an mich selbst denke oder in meinem eigenen Interesse handle. Damit sorge ich gut für mich selbst. 
  • Ich habe ein Recht auf meinen Körper, auf meinen eigenen Raum. Ich habe ein Recht auf meine Bedürfnisse, Wünsche und Träume und ich habe ein Recht darauf, diese zum Ausdruck zu bringen oder für mich zu behalten. 
  • Ich habe ein Recht, mich gut zu fühlen, auch dann, wenn es anderen gerade nicht gut geht. Mit meinem Mich-gut-fühlen nehme ich niemandem etwas weg. 
  • Ich habe ein Recht auf meine eigene Seele und meine eigene Bestimmung, selbst wenn andere nicht zustimmen. 
  • Ich verlasse mich nicht selbst in dem Moment, wo ich meine Unterstützung am meisten brauche. 

Quelle: IBP Agency Mantras

Steffi Nanzer, Eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Arni

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