Gefahr im Altersheim

Den Anfang des «Lockdown» fand ich eigentlich ganz entspannt. Als Masterstudent im letzten Jahr bin ich mir Home Office bis zu einem gewissen Grad gewohnt. Nach einem Monat wurde aber auch ich immer ungeduldiger; ich denke, das war bei den meisten so. Mit zwei, drei Freunden hatte ich mich auch in der Corona-Zeit ab und zu getroffen, ansonsten war ich mit meinem Vater zusammen im Home Office. Nach ein paar Wochen hatten wir einen festen Alltag, der immer etwa gleich aussah. Dann, gegen Ende April, wurde es spannend: Ich wurde in den Zivilschutz eingezogen. Bis jetzt hatte ich zwei Einsätze in zwei verschiedenen Altersheimen. Von dort ein paar Gedanken und Beobachtungen: 

Die Liebsten nicht sehen und viel zuhause zu sein, dies machte in der letzten Zeit vielen Menschen zu schaffen. Aber wie geht es wohl Angehörigen oder Menschen, die nicht wissen, OB sie ihre Freunde und Verwandten überhaupt nochmals sehen? Als in den Altersheimen die Besuche ab Anfang Mai wieder erlaubt wurden, hörte ich dies doch einige Male. Die Besucher*innen freuten sich sehr ihre Partner, Eltern oder Grosseltern wieder besuchen zu dürfen. Sie freuten sich, dass der Virus nicht ausgebrochen war. Die Angst, dass der oder die Angehörige stirbt, war bei vielen Besuchern real. Im Nachhinein ist in den Altersheimen oft alles glimpflich verlaufen bis jetzt, aber die Gefahr ist natürlich noch lange nicht überstanden! Die Besucher*innen verstehen aus meiner Erfahrung zu 95 % die Schutzmassnahmen und sind damit einverstanden (keine Besuche, jetzt nur wenige Besuche unter strengen Auflagen). Mit sinkenden Fallzahlen schwindet dieses Verständnis aber langsam und stetig. Am letzten Wochenende gab es Besucher*innen, die sich über Masken oder sonstige Extras wegen Corona lustig machten. Nicht böse oder mit Nachdruck, aber sie hätten wohl die Schutzmaske nicht angezogen, wenn sie nicht von uns Zivilschützern «gezwungen» worden wären. Viele stellten auch die Schutzkonzepte des Altersheims in Frage, weil sie eine Schwachstelle ausfindig gemacht hatten. «Dann bringt’s ja auch nicht viel, wenn ich die Maske trage, und sowieso ich bin gesund.» Dazu drei persönliche Gedanken:

  1. Jedes Schutzkonzept hat Mängel, menschliche «Dinge» sind eigentlich nie perfekt. Aber das müssen sie auch nicht sein. Es reicht, wenn etwas so gut wie möglich ist.
  2. Wenn man persönlich so denkt, ist das irgendwie okay. Man ist schliesslich für sich selber verantwortlich und falls man an Corona erkrankt und noch unter 70 Jahren ist, hat man ja ganz gute Überlebenschancen in der Schweiz. Aber in einem Altersheim ist es eben schon etwas anders.
  3. Das Altersheim trägt Verantwortung, genau wie die Bewohnerinnen und Bewohner selbst auch; die Verantwortung ist geteilt. Zudem ist der Einsatz in einer solchen Institution um ein Vielfaches höher. Bei einem Gespräch mit einem Heimleiter habe ich erfahren, dass  in einem Altersheim im Zürcher Oberland von 18 Infizierten neun gestorben sind. Ich habe das nicht nachrecherchiert, aber ich glaube ihm. Hört man solche Beispiele, versteht man gut, dass die Heime in Bezug auf Besucher sehr vorsichtig sind.

Übrigens: In den Altersheimen, in denen ich war, wurden die Bewohner*innen sehr gut betreut und überhaupt nicht «eingesperrt». Lediglich der fehlende Besuch von aussen während mehrerer Wochen machte ihnen zu schaffen.  Aber auf dem Gelände selbst war es für die Bewohner*innen relativ entspannt und sie haben auch toll mitgemacht. Immer wenn sie zurück ins Gebäude kamen, desinfizierten sie ihre Hände usw. Die meisten verstehen, was alles für ihre Sicherheit getan wird und wissen es auch auf eine Art zu schätzen. Aber klar, auch im Altersheim gibt es verschiedene Meinungen und es wird diskutiert. 

Die von mir unterstützten  Altersheime managen die Krise beide gut: Da wünscht man sich, dass das Verständnis für allfällige Umstände beim Besuch der Liebsten hoch bleibt und nicht langsam wegerodiert. 

Hannes Tobler, Betreuer im Zivilschutz, Unterlunkhofen

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