Cherzli 1: «Cherzli»

Als der Adventskranz erfunden wurde, hätte man ihn getrost als «brennenden Adventskalender» bezeichnen können. Da hatte er nämlich noch ganze 24 Kerzen! 20 kleine, weisse, die an den Werktagen anzuzünden waren, und für die Sonntage dann 4 grössere, rote. Der Theologe und Erzieher J.H. Wichern, der den Adventskranz 1839 in dieser üppigen Form einführte (die Kerzen auf ein Wagenrad gesteckt!), wollte damit den Kindern, die er in seiner Stiftung unterrichtete und auch beherbergte, die Zeit bis Weihnachten verkürzen: mit einem «Cherzli» jeden Tag. Da diese Kinder allesamt aus schwierigen, ärmlichen Verhältnissen stammten, stelle ich mir die Vorfreude auf Weihnachten bei ihnen besonders gross vor – ähnlich gross aber auch einfach die Freude an diesen täglichen «Licht-Blicken». Eine Auszeit vom Alltag.

Seither sind ganze 181 Jahre vergangen. Das Wagenrad der Zeit hat sich fleissig weitergedreht. Doch auch wenn die Welt – und mit ihr der Adventskranz – sich verändert hat: Die Weihnachtszeit ist bis heute eine besondere Zeit. Und dieses Jahr, meine ich, ist sie sogar besonders besonders. In die Vorfreude auf die Festtage mischen sich bei vielen von uns Unsicherheit und Ernüchterung, teils auch schlicht Müdigkeit. Wie wollen wir Weihnachten feiern? Wen laden wir ein, wen aus? Und wie kommunizieren wir unsere Wünsche so sachte wie möglich? Das Bedürfnis nach Sicherheit ist gross, jenes nach Zusammensein, gerade an Weihnachten, aber eben auch. Die Weihnachtszeit verlangt nach Tradition, die Umstände hingegen nach neuen Lösungen. Die Spannung, die sich daraus ergibt, lässt sich nur schwer (und auch nur individuell) auflösen. Manchen Menschen ist deshalb gar nicht zum Feiern zumute. Manchen sind die Festtage sowieso ein Graus. Und manche freuen sich trotzdem und vielleicht erst recht unbändig auf Weihnachten!

Liebe Leserin, lieber Leser: Dieser Adventskalender soll wie der Wichern-Kranz eine Art «brennender Adventskalender» sein. Er soll Ihnen die Zeit bis Weihnachten verkürzen, falls Ihnen diese zu lange vorkommt. Er soll Ihnen aber auch einfach jeden Tag einen Lichtblick bescheren, besonders wenn die Aussicht auf die Festtage Sie eher belastet. Wenn das eine oder das andere oder gleich beides gelingt, so freue ich mich – und so freuen sich mit mir auch alle lieben Menschen, die bis Heiligabend einen ganz persönlichen Beitrag zu diesem Projekt beisteuern: einen Erlebnisbericht, eine Geschichte, eine Erinnerung, ein Bild, eine Musikaufnahme… Ein «Cherzli» jeden Tag, sozusagen. Wie vor 181 Jahren.

Lassen Sie sich überraschen. Und haben Sie einen frohen Advent!

Reto Studer, Pfarrer reformierte Kirchgemeinde Kelleramt

5 Gedanken zu „Cherzli 1: «Cherzli»“

  1. Lieber Herr Pfarrer Studer
    Was für eine lässige Idee! Ich bin leider nicht Mitglied Ihrer Kirchgemeinde, wurde aber von einer Freundin auf den Kalender (und schon auf die Texte im Frühling) aufmerksam gemacht. Bin schon sehr gespannt auf die nächsten Beiträge… und ein bisschen neidisch auf das Kelleramt. :-)
    D. Schaller

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    1. Liebe Frau (oder lieber Herr) Schaller

      Danke vielmals für diese schöne Rückmeldung. Es freut mich, dass Sie sich freuen! (Ich glaube, das nennt man eine klassische Win-Win-Situation? :-))

      Sie dürfen wirklich gespannt sein auf die Tage bis Weihnachten. Es warten noch viele schöne, herzige, wärmende, leuchtende, Abwechslung bringende „Cherzli“ auf uns!

      Herzliche Grüsse, und hebed Sie sich Sorg,
      Reto Studer

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  2. Lieber Reto, ich habe das erste Fenster geöffnet und stelle fest, bei mir hat der von Dir angeregte Adventskalender eine andere Bedeutung, wie die von J.H. Wichern seinerzeit beabsichtigte. Ich bin gespannt auf die Gedanken, welche Menschen in der Adventszeit bewegen. Dieser Gedankenaustausch eröffnet eine besondere Form von Solidarität – auch wenn die Beiträge sehr verschieden sind. Vielen Dank für diese Anregung.
    Felix Maurer, Oberlunkhofen

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    1. Lieber Felix

      Hey, das ist ja gerade (auch) das Spannende: dass ein Adventskalender so völlig unterschiedlich genutzt werden kann. Und es stimmt natürlich: Im Fall dieses Kalenders kommt noch der Aspekt des Austausches – des Hin- und Zuhörens, Mitdenkens und vielleicht sogar des Mitfühlens – hinzu. So kann also jede*r das daraus ziehen, was ihr/ihm guttut!

      Liebe Grüsse,
      Reto

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