Cherzli 4: See-Mandala

Kürzlich habe ich wieder meinen geliebten Türlersee umrundet. Gemächlichen Schrittes bin ich am vertrauten Seeufer ge­wandert. Es ist mir vorgekommen, als ob ich ein Mandala mit den Füssen zeichnen würde. Der See ist nicht rund, eher oval. Den­noch erin­nert er mich an ein Mandala, eingebettet in sanfte Hügel mit rost­farbigen Blättern an den Bäumen, die ihr buntes Herbst­kleid bald abgelegt haben.

Selbst bei schwindender Farbenpracht habe ich immer wieder ei­nen besonderen Ausblick auf den spiegelglatten See fotografiert, als ob ich in meiner grossen Sammlung noch einige neue Fotos von diesem See benötigte. Nun, es könnte ja sein, dass es diesmal ein ganz besonderes Foto ist, das ich einfangen möchte! So jeden­falls habe ich mich erneut überlistet, indem ich einige mystisch an­mutende Stimmungsbilder fotogra­fiert habe, die eine wohltuende Augenweide und Balsam für die Seele sind.

Balsam für die Seele! Ja, das suchen und brauchen wir mittlerweile alle. Ich erlebe in meinem Umfeld, wie sich der Corona-Alltag bei vielen Menschen sehr verändert hat. Kein Baustein steht auf dem andern wie früher, als die Tage fröhlich und in geordneten Bah­nen daherkamen, und der Alltag so manche Wünsche mühelos er­fül­len liess. Alles ist anders geworden und wird es wohl noch eine Weile bleiben.

Trotz aller Unbill und vielem wirtschaftlichen Leid durch unzählige Einschrän­kungen gibt es auch positive Aspekte, wie die Menschen in meinem Umfeld mit Corona umgehen. Wir werden auf uns selbst zurückgeworfen. All die verlockenden Angebote des unmittelba­ren Genusses bleiben aus. Es gibt einstweilen keine Non­stopp-Wunscherfüllung und keine «Fluchtburgen» mehr.

Wir besinnen uns auf uns selber und fangen mit den einge­schränk­ten Aktivitäten etwas Neues an. Not macht erfinde­risch. Ich be­obachte in meinem Freun­des- und Bekanntenkreis neue Stecken­pferde. So werden zum Bei­spiel die Malutensilien nach einem jah­relangen Dornröschenschlaf wie­der ausgegraben. Das spontane Texten, Fabulieren und Tagebuchschreiben bekommt wieder ei­nen Stellen­wert; die verstaubte Töpferscheibe im Keller wird hervor­geholt, und bei mir hat sich mittlerweile eine beachtli­che Anzahl bemalter Steine angesammelt. Das Bemalen meiner selbst ge­suchten See- und Flusssteine wirkt auf mich zentrie­rend und beruhi­gend. Mein vagabundierender Geist kommt dabei zur Ruhe, und mein oft zu grosser Medienkonsum wird automatisch einge­schränkt.

Weihnachten wird dieses Jahr bei vielen Menschen vermutlich an­ders aussehen. Ich werde mein alljährliches Adventsritual mit mei­ner Freundin wohl bewusster erleben. Irgendwann im Dezember wan­dern wir beim Einnachten zu «unserer» Waldhütte. Dort brei­ten wir ein hübsches Tuch und Servietten auf dem wackeligen Holz­tisch aus, zünden ein paar Kerzen an und packen unser im Ruck­sack verstautes Picknick aus: Lachsbrötchen, Weihnachtsgu­ezli und Prosecco, in hübschen Gläsern natürlich. Beim Schein der Ker­zen feiern wir Waldweihnachten und lauschen der Stille, die uns all­jähr­lich berührt. Ich freue mich auf dieses Ritual.

Ruth Baumann, Oberlunkhofen

3 Gedanken zu „Cherzli 4: See-Mandala“

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