Cherzli 5: Die Stresskurve flach halten

Während der ersten Welle der Corona-Pandemie haben wir erfolgreich «flatten the curve» praktiziert, um unser Gesundheitssystem zu schützen. Während dieser zweiten Welle und in der Vorweihnachtszeit praktiziere ich nun zusätzlich noch «flatten the stress curve» – die Stresskurve flach halten.

Die Pandemie-Situation führt uns als soziale Wesen in ein Dilemma: Einerseits sind wir von unserem Nervensystem daraufhin programmiert, mit anderen Menschen in Verbindung zu sein, um Sicherheit zu erfahren. Andererseits müssen wir gegenwärtig engen Kontakt mit anderen Menschen vermeiden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Dieses Dilemma aktiviert auf neurobiologischer Ebene zwangsläufig unsere Stressreaktion. Im Moment können wir gut beobachten, wie wir als Kollektiv im Kampf-Flucht-Modus unterwegs sind und wie – bewusst oder unbewusst – unsere Wahrnehmung durch Angst dominiert wird. Unsere Wahrnehmung, unser Erleben und unser Handeln werden durch die Stressreaktion automatisch eingeengt, und wir versuchen, die Angst vor der unfassbaren Bedrohung mit fassbaren Meinungen oder mit Feindbildern zu reduzieren. Polarisierungen passieren und trennen.

Die Atmung ist ein untrüglicher Indikator für unseren inneren Zustand. Sobald die Atmung beschleunigt und flach wird, verstärkt sich auch die Aktivität des Herzens, und die Stressreaktion setzt durch die Aktivierung des autonomen Nervensystems ein. Gleichzeitig wird die Aktivität des sozialen Systems herabgesetzt. Wir werden zunehmend gereizt und fixieren uns auf Meinungen und Ansichten. Im Extremfall erstarren wir ganz und werden handlungsunfähig.

Der Atem ist denn auch der Ansatzpunkt, um unser autonomes Nervensystem in diesen herausfordernden Zeiten zu beruhigen und die Stresskurve flach zu halten.  
 
Eine der wichtigsten Übungen hierzu ist die Bauchatmung. Man kann sie im Liegen, Sitzen oder Stehen durchführen. Legen Sie Ihre Hände auf den Bauch. Stellen Sie sich vor, dass Ihre Hände und der Bauch Freunde sind, die zueinander wollen. Atmen Sie ein und zählen Sie dabei auf vier. Atmen Sie aus und zählen Sie dabei auf sechs. Ziel ist, dass die Ausatmung länger ist als die Einatmung. Nehmen Sie wahr, wie sich Ihre Bauchdecke beim Einatmen hebt und beim Ausatmen wieder senkt. Meist klappt es nicht gleich zu Beginn, dass die Atmung im Bauchraum spürbar ist. Bleiben Sie dran und versuchen sie es immer mal wieder. Diese einfache Übung führt unmittelbar zu einer Abflachung der Stresskurve, weil unser autonomes Nervensystem durch die Verlangsamung des Ausatmens automatisch von einer sympathikotonen Aktivierung (Stress) in den parasymatischen Modus (Beruhigung) gelenkt wird. Seien Sie neugierig und probieren Sie es selbst aus.

Mit einem beruhigten autonomen Nervensystem sind wir viel angenehmere Zeitgenossen und verfügen über die notwendigen Kapazitäten, um unseren Mitmenschen mit viel Toleranz und Verständnis zu begegnen, was mir in dieser Zeit sehr wichtig scheint.

Zum Abschluss noch eine kurze Anekdote, welche ich kürzlich in einem Magazin gelesen habe:

Ein buddhistischer Mönch meditiert unter einem Baum. Da kommt die Pest vorbei und er fragt sie: «Wohin des Wegs?» Die Pest antwortet: «Ich gehe in die Stadt, um tausend Menschen zu töten.» Nach einer Zeit trifft sie auf dem Rückweg wieder den Mönch unter dem Baum. Er fragt die Pest: «Du hast gesagt, du würdest tausend töten – man berichtete mir aber, dass zehntausende Menschen gestorben sind.» Die Pest entgegnete dem Mönch: «Ich habe tausend getötet. Die anderen tötete die Angst.» (Psychoscope 6/2020).

In diesem Sinne: Halten Sie die Stresskurve flach in diesem Advent.

Stephanie Nanzer, eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Arni

2 Gedanken zu „Cherzli 5: Die Stresskurve flach halten“

  1. ich sitze gerade gemütlich zu hause, die kerzen brennen, das glas wein zum genuss steht bereit… aber zuerst werde ich die atemübungen machen. danke ganz herzlich für den beitrag.

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    1. Geht mir auch so, liebe Frau Simmen. Ich glaube, ich kann diese Profi-Tipps in den nächsten Tagen ganz gut gebrauchen. Angst ist kein guter Ratgeber (aber das ist leichter gesagt als befolgt). Merci für die Erinnerung, liebe Frau Nanzer! Freundliche Grüsse, Simone Meier

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