Cherzli 7: Besonderes im Alltag

Können wir in der Hektik des Alltags ein besonderes Ereignis wahrzunehmen? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, führte die Zeitung «Washington Post» ein Experiment durch:

In einer U-Bahn-Station in Washington DC spielte ein Geiger. Er war gekleidet wie ein Strassenmusiker. Er spielte Stücke von Johann Sebastian Bach, Franz Schubert und anderen Komponisten. Hunderte von Menschen liefen an ihm vorbei. Einige wenige blieben kurz stehen, schauten zum Musiker. Aber die meisten Menschen hasteten vorbei, und es ist unklar, ob sie von der Musik des Geigenspielers etwas wahrgenommen haben.

Ein jüngeres Kind kam vorsichtig näher und schien zu lauschen. Die Mutter zog das Kind schon kurze Zeit wieder weg. Einige wenige Leute warfen im Vorbeigehen einen Geldbetrag in den Geigenkasten. Nach einer Stunde beendete der Musiker sein Spielen. Es gab keine Anerkennung und keinen Applaus. In seinem Geigenkasten lagen 32 Dollar.

Was die Leute nicht wussten: Der vermeintliche Strassenmusiker, der in der U-Bahn-Station die Hektik des Alltags mit wunderbaren Klängen zu verzaubern versuchte, war einer der jungen Stars unter den Geigenspielern – Joshua Bell. Er spielte auf seiner Stradivari-Geige Stücke, die er kurz zuvor in der ausverkauften Bostoner Symphony Hall gespielt hatte.

Bei seinem Auftritt dort war ihm die Aufmerksamkeit der anwesenden Konzertbesucher gewiss, und er erhielt auch die entsprechende Anerkennung und den Applaus für seine Leistung.

Doch zurück zur eingangs gestellten Frage. Hätten Sie in der U-Bahn-Station den Klängen des Geigenspielers gelauscht? Das Experiment macht deutlich, dass besondere Ereignisse einen angemessenen Rahmen benötigen.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns in der Hektik der Vorweihnachtszeit auch Momente der Ruhe gönnen, um über die Bedeutung nachzudenken, die Weihnachten für uns hat. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Felix Maurer, Oberlunkhofen

3 Gedanken zu „Cherzli 7: Besonderes im Alltag“

  1. Was für eine schöne Anregung, lieber Herr Maurer! Da habe ich jetzt gleich einen guten Vorsatz für die neue Woche. Ich möchte probieren, achtsam zu sein, und bin gespannt, was sie an Besonderem bereit hält. Freundliche Grüsse, Simone Meier

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    1. Vielen Dank, Simone Meier, für Ihr Feedback. Wir sind ja gezwungen, in der Fülle der täglichen Wahrnehmungen Prioritäten zu setzen – zu unterscheiden zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen. Doch nach welchen Kriterien geschieht das? Mir gefällt Ihr Vorschlag, in dieser Woche einmal achtsam auf diese Entscheidungsprozesse zu sein. Ich schliesse mich da ihrem Vorhaben an.
      Mit freundlichen Grüssen – Felix Maurer

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  2. So treffend geschrieben! Ich habe diesen Text schon gestern gelesen, er lässt mir aber keine Ruhe. Dieser Satz hier beschäftigt mich besonders: „Das Experiment macht deutlich, dass besondere Ereignisse einen angemessenen Rahmen benötigen.“ Ich überlege mir gerade was das für das Weihnachtsfest bedeutet. Was ist unter den gegebenen Umständen ein angemessener Rahmen? Ab wann ist es wirklich „Weihnachten“? Ich finde es interessant darüber nachzudenken. Danke für den Anstoss!

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