Cherzli 8: Corona im Tanzsaal

Mitte September bin ich nach Spanien gezogen, um dort den Studiengang «Musical Theatre» am Institute of Arts Barcelona (IAB) zu studieren. Die Universität liegt in Sitges, einem kleinen, wunderschönen Städtchen am Meer, südlich von Barcelona.

Lange war ungewiss gewesen, ob die Universität das neue Studienjahr überhaupt starten darf, und ich befürchtete schon, dass ich mir einen Plan B ausdenken muss. Doch der Tag der Abreise rückte näher, die Schule blieb offen und mein Flug wurde nicht gestrichen. Ich war froh, dass die Einreise so reibungslos verlief, denn einige meiner Studienkollegen, die aus der ganzen Welt eingeflogen sind, mussten sich mehreren Hürden stellen.

Erst als ich in Spanien ankam, wurde mir bewusst, wie wenige Restriktionen wir Schweizer erdulden müssen. In Spanien wurde bereits im August die Maskenpflicht für alle öffentlichen Gebiete eingeführt. Diese Vorgaben gelten nicht nur für das Einkaufen, nein, auch draussen an der frischen Luft darf man sich nur geschützt mit Maske bewegen. Daran musste ich mich zuerst gewöhnen.

Die Restriktionen beeinflussen auch meinen Stundenplan, die Schule und die Lektionen negativ. Gleich zu Beginn wurde meine Klasse in kleinere Gruppen eingeteilt, mehrere Kurse wurden ganz gestrichen. Die einzelnen Module wurden unregelmässig über den ganzen Tag verteilt und alle Theorielektionen über Zoom angeboten, und wir müssen immer Maske tragen – auch beim Tanzen. Dies war und bleibt die grösste Herausforderung. Mein Studium beruht ja zum grossen Teil auf Bewegung und Körperarbeit, ich habe jeden Tag 3 bis 5 Stunden Tanz und Body-Conditioning. Da wird der Sauerstoff manchmal schon ein bisschen knapp. Ich komme am Abend öfters mit leichten Kopfschmerzen und Schwindel nach Hause, einzelne Tänzer wurden sogar ohnmächtig während des Unterrichts. Die Schule kann jedoch nichts dagegen unternehmen, denn der Staat schreibt die Maskenpflicht zwingend vor. Sollten wir die Regeln nicht einhalten, müsste die ganze Universität schliessen.

Das Maskentragen hat neben all den Unannehmlichkeiten auch eine positive Seite. Ich nehme wahr, wie mein Körper von Woche zu Woche stärker wird. Das Maskentragen trainiert meine Lungen und somit meine Ausdauer, und das Joggen an der frischen Luft ist kaum mehr anstrengend.

Leider leidet meine Stimme unter den neuen Corona-Vorgaben. Damit die Luft in den Studios immer frisch bleibt und zirkuliert, müssen die Klimaanlagen fortwährend eingeschaltet sein – egal wie kühl es draussen ist. Das Singen wird dadurch wesentlich erschwert, und viele Studentinnen und Studenten sind bereits während der ersten Wochen heiser geworden oder erlitten leichte Erkältungen. Studenten mit leichten Erkältungssymptomen dürfen aber nicht an den Lektionen teilnehmen und müssen unmittelbar einen Corona-Test beantragen. Dies führte einige Male zu Komplikationen. Sich darüber zu ärgern lohnt sich aber nicht, es ergeht ja allen gleich. Wir alle haben ein gemeinsames Ziel: Wir möchten unbedingt, dass die Schule geöffnet bleibt! Für diese Ziel nehmen wir alles in Kauf.

Im Oktober wurden die Restriktionen noch einmal verschärft: Alle Restaurants, Läden und Bars mussten schliessen, nicht mehr als 6 Personen dürfen zusammen sein, und es wurde eine Ausgangssperre nach 10 Uhr abends eingeführt. Zudem dürfen wir die Stadt bis auf Weiteres nicht mehr verlassen. Also kein Shopping in Barcelona. Das war dann der Moment, bei dem das Heimweh richtig eingesetzt hat. Zuvor war immer etwas los, ich wurde mit Tanzpartys oder Stranddinners abgelenkt, doch plötzlich waren wir am Wochenende am Abend allein zu Hause.

Ursprünglich hatte ich geplant, an den Wochenenden ab und zur nach Hause zu fliegen. Das Coronavirus machte mir jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung, denn die Einreise in die Schweiz würde für mich 10 Tage Quarantäne bedeuten. Da ich einen Freund in der Schweiz habe, fällt mir diese Einschränkung am allerschwersten. Ich fühle mich in der Situation gefangen. 

Mitte November gab die Schule bekannt, dass die einheimische Bevölkerung nicht zufrieden sei mit uns Studierenden. Sie beschuldigten uns junge, ausländische Studenten, dass wir für die Verbreitung des Virus verantwortlich seien, und forderten, dass die Universität schliessen müsse. Obwohl in Katalonien alle Universitäten geschlossen wurden, erhielt IAB von der Regierung eine Spezialbewilligung, offen zu bleiben, da die Schule im Vergleich eher wenige Studierende hat und diese aus der ganzen Welt kommen und deswegen kaum Bekanntschaften und Kontakte ausserhalb der Schule haben.

Trotzdem spüren wir das Misstrauen der Bevölkerung. Die Polizei zirkuliert deshalb ständig um die Schule und kontrolliert die Einhaltung der Regeln. Dies sorgt für Unruhe und Unsicherheit. Ebenso wurde der Universität nun gedroht, dass die Schule schliessen müsse, sobald sie auch nur einen einzigen Corona-Fall hat. Dies setzt nun alle Beteiligten enorm unter Druck. Sobald eine Person hustet oder sich unwohl fühlt, erntet sie bestürzte und skeptische Blicke. Auch ich fühlte mich an einem Tag leicht kränklich, und sofort machte sich Panik in mir breit. Was ist, wenn ich diejenige bin, die das Virus trägt? Was ist, wenn gerade ich verantwortlich für die Schliessung wäre? Wie würden die anderen reagieren?

Trotz allem ist die Unterstützung hier an der Schule wunderbar. Ich fühle mich sicher und umsorgt. Das Lehrerteam ist in dieser Situation sehr unterstützend und einfühlsam.

Ich habe schon unglaublich viel gelernt und bin sehr dankbar, dass ich an dieser Schule studieren darf. Auch wenn mich das Studium mental und körperlich sehr anstrengt, ist das Arbeitsklima sehr angenehm. Meine Mitstudierenden sind toll, und es besteht zum Glück kein ausgeprägter Konkurrenzkampf, wie ich es befürchtet und auch von anderen Musical-Schulen vernommen habe. Das liegt vor allem daran, dass die Studierenden aus unterschiedlichen Verhältnissen und Ländern kommen. Wir haben die verschiedensten Typen, deren Ziel nach der Ausbildung bei allen an einem anderen Ort auf der Welt liegt.

Diese kulturelle Diversität bietet mir einen Einblick in unterschiedlichste Länder. Ich habe Mitschülerinnen und Mitschüler aus Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Amerika, Schweden, Grossbritannien, Irland, Dominikanische Republik, Island, Frankreich, Niederlande, Slowenien, China, Polen und Portugal. Durch diese neuen Bekanntschaften lerne ich neue Sprachen, Lebenseinstellungen, Denkweisen und Bräuche kennen und darf sogar verschiedene Gerichte aus der ganzen Welt ausprobieren. Auch erfahre ich aus erster Hand, wie die Corona-Situation in anderen Ländern aussieht, und mir wird täglich bewusst, wie gut es uns in der Schweiz in dieser schwierigen Zeit geht.

Das Jahr 2020, und vor allem meine bisherige Zeit in Spanien, hat mich gelehrt, dankbarer zu sein. Ich lernte, kleine Dinge zu schätzen, und freue mich nur schon auf eine gemütliche Kaffeerunde in der eigenen Wohnung. Meinen Ausgleich zur Schule finde ich am Meer. Fast jeden Tag fahre ich entweder vor oder nach der Schule mit dem Fahrrad an den Strand, um Yoga zu praktizieren. Dies gibt mir die Gelegenheit, meine Balance wieder zu finden und meine Gedanken zu richten.

Ich schätze mich glücklich, dass ich über Weihnachten in die Schweiz fliegen kann – heim zu meiner Familie und zu meinem geliebten Freund. Ich freue mich unendlich fest darauf! Weihnachten hat deshalb dieses Jahr noch mehr Bedeutung für mich als zuvor. Dieses Jahr ist Weihnachten ein Wiedersehen und Zusammensein, und es wird ein Fest der Liebe und Geborgenheit. Ich werde dieses Jahr meine Liebsten noch mehr schätzen und werde noch dankbarer sein.

Joy Knecht, Sitges (Spanien)/Unterlunkhofen

2 Gedanken zu „Cherzli 8: Corona im Tanzsaal“

  1. Liebe Frau Knecht
    Das ist ja ein spannender Text! Danke, dass ich einen Blick in eine andere „Welt“ werfen durfte.
    Ja, Sie und Ihre Altersgruppe müssen auf so Vieles verzichten. Das stelle ich mir sehr hart vor, denn normalerweise ist es doch ein Privileg der Jungen, sich austoben und das Leben und die Welt entdecken zu dürfen. Ich hoffe deshalb besonders auch für Sie, dass bald wieder etwas Normalität einkehrt.
    Ich wünsche Ihnen viel Freude in Sitges. Und geniessen Sie über Weihnachten Ihre Familie!
    D. Schaller

    Gefällt mir

  2. Ich finde es schön, wie Sie mit dieser Situation umgehen. Ich danke für den Einblick in die andere Generation und den Weitblick, den Sie zeigen. Ich wünsche Ihnen viele gute Kontakte, Wegkreuzungen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s