Cherzli 9: Der Tag, an dem das Christkind kommt

«Weihnachten» – ist das nicht die Zeit der Erinnerungen und Traditionen, die Zeit der Vorbereitungen, der Vorfreude, der Geheimnisse und Gefühle? Die Zeit der Erinnerungen an die Jugend oder an Gegebenheiten, die sich durch die eigenen Kinder entwickelten und zur Tradition wurden? Vielleicht gehört auch eine Prise Melancholie dazu, freudiges Erwarten, geheime Wünsche – und dann ist er da: der Tag, an dem das Christkind kommt!

Nur, wie konnten wir das unseren kleinen Buben – damals waren sie ca. 3- und 5-jährig – vermitteln? Naturverbunden, packte ich die Kinder warm ein und ging mit Brot und Wurst bewaffnet in den nahen Wald zu «unserer» Feuerstelle. Wir suchten Feuerholz, und schon bald loderte ein wärmendes Cervelat-Feuer. An den langen, möglichst grünen Hasel-Stecken «brätelte» schon bald die mit eingeschnittenen Kerben versehene Wurst auf der heissen Glut. So verbrachten wir die Zeit in stiller Erwartung, derweil das Christkind (meine Frau) den Baum schmückte und die Geschenke unter den Baum legte. Riesig war das Staunen der Kinder, als nach dem Kleiderwechsel und Händewaschen wir alle die Wohnstube betraten und wirklich das Christkind da gewesen war. Unvergesslich das Leuchten der Kinderaugen!

So hielten wir es manche Jahre, und die Vorfreude der Jungs auf das Feuer und auf die Wurst war jedes Mal gross. Später, als das Christkind nicht mehr die gleiche Bedeutung für die heranwachsenden Kinder hatte, begleitete uns die Mutter ebenfalls zum Bräteln, da der Baum nun vorgängig gemeinsam geschmückt wurde. Aus den Kindern wurden Teenager, dann Lehrlinge, die Tradition behielten wir bei, ja: sie wurde noch «ausgebaut», indem nun noch in unserem alten Pfadikessel Glühwein zubereitet wurde. Manchmal war es bitterkalt, manchmal fast frühlingshaft warm, und am schönsten war es, wenn es sachte schneite. Noch später flogen die Kinder aus, hatten ihre eigene Wohnung oder waren im Ausland, und wir «Alten» hin und wieder alleine an Weihnachten. Trotzdem hielten wir an der Tradition fest – und siehe da: Plötzlich wurde die Runde grösser, die Freundinnen der Boys wurden ins Ritual miteinbezogen und «mussten» auch mit. Jedes Jahr war anders, jedes Jahr war besonders, und immer waren alle zufrieden, auch wenn wir mit dreckigen Schuhen und «geräuchert» heimkehrten. Und immer haben wir anschliessend an der Wärme zusammen ein friedliches Weihnachtsfest gefeiert.

Mittlerweile ist der Ältere längstens verheiratet und hat selbst eine Familie. Und was uns ganz besonders freut, ist die Tatsache, dass sich die Tradition auch in seiner Familie fortsetzte: Unser «Drei-Generationen-Würstebraten» im Wald geht weiter bis heute. Nun steht Weihnachten wieder vor der Tür. Ein ganz besonderes Jahr neigt sich dem Ende zu. Wenn immer möglich, werden wir mit Sohn, Schwiegertochter und den Enkeln – die mittlerweile selbst im Teenager-Alter sind – in den Wald gehen, unsere Würste bräteln und Glühwein trinken. Ob wir anschliessend auch zusammen zu Hause feiern werden, steht in den Sternen. Aber eines ist sicher: Draussen findet unsere gemeinsame Feier bei jedem Wetter statt!

Kurt Baumann, Oberlunkhofen

4 Gedanken zu „Cherzli 9: Der Tag, an dem das Christkind kommt“

  1. Herzlichen Dank, lieber Namensvetter, für die schöne Geschichte! Ich werde ein ähnliches Waldweihnachtsritual mit meiner Freundin noch erleben. Alle Jahre wieder.

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  2. Fantastisch, lieber Herr Baumann! Weihnachten hat bei mir so viel mit Sentimentalität und mit Traditionen und auch sonst mit Wiederkehrendem zu tun. Sie bringen das treffend zum Ausdruck. Freundliche Grüsse, Simone Meier

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