Cherzli 11: Wieso wir das machen

Wir stehen in der für mich schönsten Jahreszeit, der Adventszeit. Ich liebe es, unser Haus zu dekorieren und die Fenster mit Lichterketten zu schmücken, und ich liebe die langen, gemütlichen Abende. Dieses Jahr ist alles ein wenig anders. «Corona» begleitet unseren Alltag weiterhin mehr, als wir uns dies vorgestellt haben. Nach der ersten Welle kehrte im Sommer kurz wieder etwas Normalität ein. Das Thema rückte bei vielen etwas in den Hintergrund, wir genossen unbeschwertere Momente.

Auch im Spital, in welchem ich als Pflegefachfrau arbeite, wurde es bezüglich Corona etwas ruhiger. Trotzdem betreuen wir auf unserer Station seit Mitte Februar ununterbrochen Covid-19-Patienten. Die Isolationszone wurde im Sommer für kurze Zeit zurückgebaut, die Patienten in den gewohnten Isolationszimmern behandelt. Die Arbeit war bei deutlich weniger Corona-Patienten jedoch nicht weniger anstrengend. Bei Aussentemperaturen von über 30 Grad war die Arbeit unter den Schutzkleidern mit Mantel, Handschuhen, Maske und Schutzbrille nämlich um ein Vielfaches schweisstreibender.

Gegen Ende der Sommerferien nahmen die Fallzahlen zu, und damit auch die Hospitalisationen. Erneut wurden ganze Stationen zur Isolationszone umgestaltet. Hier konnten wir von unseren Erfahrungen aus der ersten Welle profitieren, die Zone war rasch mit allen notwendigen Materialien eingerichtet. Wir waren für die zweite Welle gerüstet, die dann doch schneller als erwartet in der Schweiz ankam.

Einiges routinierter als noch in der ersten Welle bewältigen wir unseren Arbeitsalltag. Das An- und Ausziehen unserer Schutzkleider geht speditiver. Die Abläufe sind bekannt, sie sitzen. Im Vergleich zum Frühling, als wir vor allem ältere Menschen betreuten, behandeln wir derzeit auch deutlich jüngere Patientinnen und Patienten. Weiterhin gibt es Situationen, die mir nahegehen. Ich denke etwa an Patienten, die von heftigen Hustenanfällen geschüttelt werden und würgen und nach Luft schnappen, denke an Augen, die dabei verzweifelt aussehen. Nach kurzer Zeit lässt der Husten nach, die Patienten sind erschöpft. 

Die Arbeit ist und bleibt anstrengend. Sie bringt uns an unsere Grenzen, physisch und psychisch. Pro Schicht ziehen wir uns bis zu sechsmal um, von Kopf bis Fuss. Immer wieder gibt es natürlich auch Todesfälle. Angehörige dürfen nur ausnahmsweise zu Besuch kommen – dann nämlich, wenn der Zustand eines Patienten sich massiv verschlechtert. Sie müssen dann die komplette Schutzausrüstung tragen. Wenn ihre Liebste, ihr Liebster verstorben ist und der sogenannte «Body-Bag» einmal geschlossen ist, darf dieser nicht mehr geöffnet werden. Das ist die bittere Realität.

Im Privaten erlebe ich die traurigen Gesichter meiner Kinder, weil sowohl der Räbeliechtli-Umzug als auch das Kerzenziehen, der Samichlaus und Theaterbesuche abgesagt werden. Die Feiern in der Weihnachtszeit sind derzeit unsicher. Der Bewegungsradius ist wieder deutlich eingeschränkt, und viele fragen sich: Ist das wirklich alles nötig? Ist Covid wirklich so schlimm? Darauf kann ich nur antworten: Ja, es ist schlimm. Und ja, das ist alles nötig – um die Spitäler zu entlasten, und um das Personal zu entlasten, das seit Pandemiebeginn 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag alles gibt, damit alle Personen gepflegt werden können, die aus irgendeinem Grund eine Hospitalisation nötig haben.

Ich kann durchaus verstehen, wenn das für viele unverständlich ist und wenn viele deshalb über eine gewisse «Corona-Müdigkeit» berichten. Auch ich bin ja traurig, dass der diesjährige Advent weniger leuchtet und dass wir keinen Weihnachtsmarkt besuchen können, dass die geselligen Weihnachtsessen ausfallen. Trotzdem glaube ich, dass es der Gesellschaft auch gut tut, wenn ein gewisser Überkonsum reduziert wird und wir uns wieder mehr an den kleinen Dingen im Leben erfreuen können. Bei mir sind dies die strahlenden Augen meiner Kinder, wenn sie am Morgen ein weiters Törli ihrer Adventskalender öffnen dürfen – und auch die viele Zeit, um ausgiebig Geschichten zu erzählen, Weihnachtsgeschenke zu basteln und miteinander Guetzli zu backen. Das geniesse ich dieses Jahr besonders.

Von Herzen wünsche ich Ihnen allen eine wunderbare und gesunde Adventszeit. 

Daniela Heggli, Oberlunkhofen

2 Gedanken zu „Cherzli 11: Wieso wir das machen“

  1. Ich bin beeindruckt. Dieser Text macht mich betroffen. Es sollten ihn ganz viele Menschen lesen um sich daran zu erinnern, wieso wir so gut aufpassen müssen. Danke für Ihr Engagment und für Ihren Bericht, Fr. Heggli. Ich hoffe Sie können sich auch ein bisschen erholen von Ihrer Arbeit.

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  2. Ich schliesse mich meinem Vorredner an: eindrücklich, liebe Frau Heggli! Mögen Sie und Ihre Kolleg/innen gut durch diese Zeit kommen und mögen wir alle zurückhaltend bleiben mit Kontakten. Wir wissen ja, „wieso wir das machen“ (treffender Titel!). Freundliche Grüsse, Simone Meier

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