Cherzli 20: «Zerrissenes» Weihnachten

Dieses Jahr wollte ich meinen Kindern zeigen, wie ich früher Weihnachten erlebt habe – mit meinen Eltern, meiner Oma und meinen Geschwistern. Mit einem wundervoll geschmückten Weihnachtsbaum, festlicher Musik, einem tolles Essen an der grossen Tafel, lautem Lachen und Getobe. Leider werden wir den Weg in meine knapp 800 Kilometer entfernte Heimat nun nicht antreten. Wir fühlen uns unsicher, eventuell zu erkranken oder, noch schlimmer, das Virus unerkannt an meine älteren Familienmitglieder weiterzugeben. Ich bin sehr traurig, meinen Kindern diesen Besuch und all das, was damit zusammenhängt, nicht ermöglichen zu können: die aufregenden Gefühle kurz vor der Bescherung, die Freude beim Auspacken der Geschenke, die Spiele und Unterhaltungen mit allen zusammen.

Es ist nicht so, dass ich mich einsam fühle. Seit wir vor gut drei Jahren zugezogen sind, habe ich hier viele Freunde gefunden. Ich habe bei der Spitex eine wundervolle, erfüllende Arbeit und grossartige KollegInnen. Ich mache pflegerische Einsätze bei pflege- und hilfsbedürftigen Menschen und habe somit trotz der Kontaktbeschränkung regelmässigen Menschenkontakt. Dabei bekomme ich Einblicke in Haushalte mit Familien, aber natürlich auch in die Haushalte alleinstehender Menschen.

Die Vorweihnachtszeit mit dem Virus als neuem «Begleiter» wird von meinen KlientInnen ganz unterschiedlich erlebt und verarbeitet. Nach zahlreichen Gesprächen über die bevorstehenden Feiertage kann ich aber doch sagen: Die KlientInnen haben sich allesamt mit der Situation gut arrangiert, und sie verstehen, dass man sich nicht mehr unkompliziert zu einem gemütlichen Beisammensein treffen kann. Das konnten sie ja auch schon im Frühjahr testen… Meine KlientInnen berichten mir oft auch, dass sie ihre Familien, ihre Kinder, ihre Enkelkinder an Weihnachten jetzt halt in Etappen sehen. Zum Teil sind sie sogar ganz froh, dass sich nicht alle gleichzeitig treffen. So können sie die Zeit mit ihren Liebsten intensiver geniessen, es sei z.B. weniger laut und dadurch auch nicht so anstrengend. Ich habe viele meiner KlientInnen gefragt, ob sie traurig seien, dass sie dieses Jahr ein spezielles, so noch nie dagewesenes Weihnachtsfest erwarte. Alle verneinten: «So ist es eben. Schlimmer wäre es doch, sich anzustecken!» Ich bin sehr dankbar für diese Rückmeldungen. Diese positiven Aussagen zu diesem «zerrissenen» Weihnachten machen auch mir Mut.

Ich werde das Weihnachtsfest also ohne meine Eltern, meine Oma und meine Geschwister feiern – aber trotzdem fröhlich: mit meinem lieben Mann und unseren zwei bezaubernden Kindern. Vermutlich werden wir Videotelefonie in die alte Heimat machen, um so doch ein kleines bisschen beinander sein zu können.

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes Weihnachten und eine intensive Zeit miteinander.

Manuela Brachs, Spitex Kelleramt, Jonen

2 Gedanken zu „Cherzli 20: «Zerrissenes» Weihnachten“

  1. Ich finde es ganz schön zu lesen, dass Ihre KlientInnen so verständnisvoll sind. Und ich finde es auch schön zu lesen, dass Sie sich so fest nach ihrem Wohlbefinden erkundigen, liebe Frau Brachs. Es ist gut, dass es Menschen wie Sie gibt. Da dürfen sich jetzt einige Menschen besonders gut aufgehoben fühlen. Möge dieses Weihnachten uns allen viel Licht bringen, auch „inneres Licht“ (siehe Beitrag von Frau Steffen). Und möge es bei Ihnen, liebe Frau Brachs, nächstes Jahr mit dem Feiern in der „alten“ Heimat klappen. Freundliche Grüsse, Simone Meier

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  2. Danke für diesen Text. Er berührt mich sehr, sowohl die Aussagen Ihrer Klienten, als auch Ihre eigene Haltung, Fr. Brachs. Ich wünsche Ihnen von Herzen frohe Festtage mit Ihrer (kleineren) Familie!

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