Cherzli 22: «Nach Möglichkeit bitte wenden!»

Drei Könige mit Gefolge folgten dem Stern.

59 67 47 / 19 99 06 – Der Kartenkundige fand mit den Koordinaten den Zielort. 

Bethlehem, Heiligkreuz, Engelberg, Sternenberg, Gottlieben. Werden diese Orte in der Weihnachtszeit vermehrt von Auswärtigen, dank Navi, besucht?

«Zu Bethlehem geboren…» versinkt in den Herzen der Besucher. Die Kirche ist gut besetzt. Der Pfarrer ist stolz auf seine Gemeinde. Der Chor auf der Empore jubelt. Die festlich geschmückte Weihnachtstanne steht aufrecht. Strohsterne wie üblich, weisse Kugeln heben sich vom Tannengrün ab. Sie erinnern an Löwenzahn. Weisse Kugeln streckten sich noch im November in die Höhe. Verspätet. Weiss vom Grau des Nebels verschluckt. Die verspäteten Sonnenstrahlen trockneten die Pusteblumen.

«Wo ist Bethlehem?» flüstert hörbar eine Stimme. Kerzenduft mischt sich mit dem Geruch der Tannenzweige. Mandarinen duften aus dem Korb beim Ausgang. Jemand schneuzt sich, ein Husten aus der hintersten Ecke verdrückt sich. «Wo ist Bethlehem?» lauter, dieselbe Stimme. Die ältere Hand legt sich beruhigend auf die zarte Schulter. Weihnachtliche Orgelklänge begleitet von Panflöten füllen die Kirche. Dunkel ist es. Die Leute sitzen in ihren Mänteln gehüllt auf den Holzbänken. Die Schatten flackern an den Wänden. Die Klänge verhallen. Winterschuhe bewegen sich schrittweise dem Ausgang zu. Die Kragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen, Lächeln im Gesicht, Nicken nach rechts, nach links, ein Wort da, dort, bewegen sie sich dem Ausgang zu. Die Kälte wartet. Der weisse Mond beleuchtet den Heimweg. Kugelrund.

«Wo ist nun Bethlehem?» Die Kleine fragt vor dem Stall. Dieser steht wie jedes Jahr unter dem grossen Weihnachtsbaum in der Dorfkirche. Traditionell wird die Weihnachtskrippe von geschickten Händen aufgebaut. Vor Jahren wurde sie von einigen jungen Leuten geschreinert, angemalt und zusammengebaut. Die Figuren gruppieren sich um die Futterkrippe mit dem Kind. Das Mädchen blickt mit grossen Augen hoch. Sein Kopf reicht bis zu ihrer Hüfte. Die blonden Haare sind hübsch frisiert. Ein glitzerndes Haarband ordnet. Seine Schuhe glänzen. Unter der Winterjacke lugt ein rotes Kleid hervor. Die Antwort lässt auf sich warten. Die Frau überlegt, Stirne gerunzelt. Das Christkind wurde in Bethlehem, weit weg, geboren. Das versteht es noch nicht. Ein Gast interessiert sich: «Wo bist du daheim?» – «In unserem Haus.» – «Wo ist das denn»? Es blickt erstaunt hoch: «Ja, dort wo ich wohne. Dort wo Mami und Papi und mein Bruder sind.» Ein Lächeln versteht. «Neben dem Dorfladen?» Es wird energisch: «Nein, weisst du das nicht? Dort wo ich daheim bin.» Alles klar! Deutlich kam die Antwort. Man könnte meinen, ungläubig, etwas ärgerlich. Es ist dort daheim, wo es wohnt. Es doppelt nach. – «Klar! Ich bin bei mir daheim!»

Im Frühsommer werden gelbe Kugeln über dem Sattgrün leuchten. Verwurzelt.

In Bethlehem bei Bern sind Menschen verschiedener Kulturen eingetragen. Hochhäuser strecken sich dem Himmel zu.

Nelly Stutz-Jakob, Unterlunkhofen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s