Cherzli 5: Ein Geben und Nehmen

Man würde vielleicht denken, dass niemand gerne die Weihnachtstage im Spital verbringen möchte. Denn für viele gilt es im Advent, Guetzli zu backen, Adventskalender zu bestücken, Geschenke zu organisieren und Zeit mit der Familie oder mit anderen Menschen, die ihnen wichtig sind, zu verbringen.

Als ich das Spital, an dem ich arbeite, in der Adventszeit «vor Corona» betrat, kam mir jeweils schon in der Eingangshalle dank der schön geschmückten Christbäume und der vielen Weihnachtssterne eine warme Weihnachsstimmung entgegen. Die Gärtner*innen schufen mit viel Liebe und Kreativität ein enorm schönes weihnachtliches Ambiente. Heute, also «während Corona», sind die Eingänge für Besucher und das Personal strikt getrennt, und so gelange ich über Nebeneingänge ins Gebäude und komme dann jeweils über verschiedene, weihnachtlich geschmückte Stationen zu meinem Arbeitsplatz. Auch hier staune ich, wie sehr sich Pflegende bemühen, mit vielen Lichtlein, Kugeln und Weihnachtsfiguren eine schöne weihnachtliche Atmosphäre zu schaffen. Die sonst eher kahlen Gänge strahlen in dieser Zeit eine grosse Wärme aus. 

Wir erwarten, dass die Weihnachtstage von Harmonie und heiler Welt geprägt sind. Führe ich mir die Weihnachtsgeschichte vor Augen, so handelte es sich dabei jedoch um eine beschwerliche Reise, an deren Ende keine Herberge gefunden werden konnte und die Geburt von Jesus schliesslich in einem Stall stattfinden musste. Ist das nicht ein Widerspruch?

Je näher jeweils das Weihnachtsfest rückt, umso wichtiger wird es gerade den jüngeren Patient*innen mit Kindern, dass sie Weihnachten zu Hause bei ihren Liebsten verbringen dürfen. Doch es gibt auch Menschen, für die sich die Bedeutung des Weihnachtsfestes verändert hat: sei es, weil die Kinder gross sind und weit entfernt wohnen; weil Partner von ihnen gegangen sind; oder weil Spannungen innerhalb der Familie vieles verändert haben. Weihnachten erscheint dann eben nicht mehr in einem fröhlichen, festlichen Kleid. Diese Menschen sind manchmal froh, wenn sie hier im Spital umsorgt werden und sich auf diese Weise den traurigen, einsamen Momenten entziehen können, die sie zu Hause erwarten würden.

Gerade Menschen, die das Leben stark geprägt hat und die trotzdem nicht den Mut verloren haben, gehen ihren Weg oft mit grosser Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber den kleinen Dingen im Alltag. Diese Begegnungen sind für mich aussergewöhnlich: Da ist ein Geben und ein Nehmen auf besondere Art und Weise, das mich mit grosser Dankbarkeit erfüllt.

Maria und Josef waren auch nicht zu Hause und suchten Zuflucht in einem Stall. So kann aus einer schwierigen Situation etwas Gutes entstehen – ganz speziell an Weihnachten. 

Silvia Fux, Kirchenpflegerin & Pflegeexpertin, Arni

4 Gedanken zu „Cherzli 5: Ein Geben und Nehmen“

  1. Liebe Frau Fux
    Ihr Text hat mich sehr berührt. Danke vielmals dafür, und danke vielmals für Ihr Wirken im Spital. Ich hoffe, dass Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen auch etwas von der Adventsstimmung, die Sie verbreiten, erfahren können. Bleiben Sie gesund.
    Herzlich
    Nadine Schwegler

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  2. Liebe Frau Schwegler, liebe Frau Meier
    Ihre wertschätzenden Feedbacks haben mich sehr gefreut, vielen herzlichen Dank dafür! Sie berühren auch mich und tun gerade in der jetzigen Zeit besonders gut.

    Ich wünsche Ihnen und ihren Angehörigen friedvolle Weihnachtstage in guter Gesundheit.
    Herzliche Grüsse
    Silvia Fux

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  3. Liebe Frau Schwegler, liebe Frau Meier
    Ihre wertschätzenden Feedbacks haben mich sehr gefreut, vielen herzlichen Dank dafür! Sie berühren auch mich und tun gerade in der jetzigen Zeit besonders gut.

    Ich wünsche Ihnen und ihren Angehörigen friedvolle Weihnachtstage in guter Gesundheit.

    Herzliche Grüsse
    Silvia Fux

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