Cherzli 9: Zwischen Himmel und Erde

Tiefe Nacht, kalt. Die Wärme des morgendlichen Tees noch ein wenig spürend, Kragen hoch, Hände in die Tasche. Ich laufe los und geniesse den wunderschönen Blick übers Reusstal, die vielen Lichter. Im Tenn des Bauernhofes werden die Kühe gefüttert, emsiges Treiben.

An der Bushaltestelle warten schon ein paar Jugendliche, unterwegs in die Schule nach Bremgarten. Eine junge Frau stösst dazu, begrüsst herzlich ihre Kollegin. Das Postauto kommt pünk­tlich. Maske montieren, einsteigen. Ein freundliches «guete Morge mitenand» vom Chauffeur lässt einen vielversprechenden Tag langsam beginnen.

Unterlunkhofen – der Bus ist mittlerweile ziemlich voll mit Jugendlichen, es ist aber erstaunlich ruhig, ein paar besprechen die nächste Prüfung, andere sind «am Handy». Draussen Baustellen und Adventsbeleuchtungen. In Zufikon steigen die ersten aus. Bremgarten Obertor – der grosse Weihnachtsbaum ist wunderschön. Grosser Aufbruch, Rucksäcke schultern, aussteigen.

Der 322er steht etwas verschlafen bereit, ein paar tiefe Züge frische Luft und dann umsteigen. Wenige Leute sitzen bereits drin. Zum Lesen ist es zu dunkel, so sieht man besser raus, und das beschliesse ich zu tun. Der Bus schlängelt sich durch den Bremgarter Verkehr und aus dem Städtli hinaus. Eggenwil – Baustelle. Es ist immer noch recht dunkel draussen, an den Balkonen und in den Fenstern Lichterketten, Sterne und Figuren. Niederrohrdorf – es beginnt langsam zu dämmern.

Im Bus herrscht schon fast andächtige Stille, die meisten Mitreisenden tippen auf ihren Handys rum oder hören Musik und schauen zum Fenster hinaus. In Fislisbach kommt etwas Leben in die Bude; ein paar junge Leute steigen ein. Eine junge Frau erkundigt sich bei ihrem Kollegen nach einem Studiengang. Freundlich und ausführlich gibt er Auskunft, sie hört ihm aufmerksam zu.

Badener Tor – der Himmel erstrahlt nun in einem leuchtenden Violett… und stellt sämtliche Lichterketten, Sterne und Figuren in den Schatten. Ich wünsche mir, diesen Augenblick irgendwie festhalten zu können, tief im Herzen.

Bahnhof Baden West – fast alle Mitreisenden steigen aus, ihrem Tagwerk entgegen. Ich bleibe noch sitzen bis zur Postautostation, bevor auch ich mich aufmache in den neuen Tag.

Immer, wenn es mir mal nicht so geht, wie es sollte, erinnere ich mich an diesen Moment des lila Himmels und kann nur vage erahnen, was da noch alles ist zwischen Himmel und Erde…

Ich wünsche Dir, liebe Leserin, lieber Leser, Deinen ganz eigenen lila Himmel. In dieser Adventszeit und lange darüber hinaus – immer wieder, wenn Du ihn brauchst.

Brigitte Stutz, Oberlunkhofen

3 Gedanken zu „Cherzli 9: Zwischen Himmel und Erde“

    1. Liebe Claudia Simmen, es freut mich sehr, dass mein Beitrag Dich berührt hat. Die Kraft des Seins besteht darin, auch in unscheinbaren Momenten (wie z. B. am Arbeitsweg) das Wunderbare zu entdecken. Ganz schöne Advents- und Weihnachtstage Dir und all den Lieben, die Dich begleiten!

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