Cherzli 19: Gegen das Vergessen

I’ve looked at life from both sides now 
From win and lose and still somehow 
It’s life’s illusions I recall
I really don’t know life at all

(Joni Mitchell, «Both Sides, Now»)

Es ist interessant, wie wir uns an gewisse Dinge erinnern. An genau diese und an andere nicht. Andere versinken einfach und sind weg. Ganze Landschaften von Zeiten, Namen, Gesichtern, Orten. Gefühle sogar. Und Gerüche. Und manchmal sind sie wieder da, auf einmal. Und dann wieder weg.

Es ist beinahe so, als gäbe es dieses grosse Meer an Erinnerungen, wenn man zurückschaut. Deine ganze Existenz bis zum jetzigen Zeitpunkt ist eine einzige, langsam wogende Masse in verschiedenen Blautönen, und abgesehen von der offensichtlichen Felsformation links von dir am Strand, von wo aus du das Meer betrachtest, welche sich mutig den anrollenden Gezeiten stellt und an der die Wellen in rauschenden Schaumexplosionen zerschellen, gibt es keine augenfällig anderen Strukturen als die des Wassers. Einfach nur Wasser. Langsam wiegend, bewegt es sich auf dich zu. Und wieder von dir weg.

Und doch, wenn du lange genug dastehst und einfach schaust, dann scheint es so, als hätten einzelne wenige Wassertropfen komplett vergessen, was eigentlich ihre angeborene Aufgabe ist und sie vermischen sich nicht mit den anderen Molekülen, um genauso zu werden, wie alle anderen es schon sind. Sie werden nicht zu Wasser. Sie treiben isoliert und tragen einen anderen genetischen Code als die Menge. Sie tun nur so, als seien sie Teil des Ganzen. 

And if you care, don’t let them know. Don’t give yourself away.

Meine früheste Kindheitserinnerung stammt aus der Zeit, in der ich etwa zwei Jahre alt war. Ich stehe vor einem kleinen Steinbrunnen und trage eine handgestrickte Wolljacke aus verschiedenen Farbresten und es muss spät im Herbst gewesen sein, denn das Wasser ist in meiner Erinnerung kalt und meine Finger ebenso. Am moosbedeckten Rand des Brunnens treibt ein kleiner roter Gummiball. Aber es ist nicht wirklich eine Erinnerung, denn ich schaue mir selber von oben herab zu, aus der Höhe und dem Winkel der Fotoaufnahme. Ich sehe, wie meine Haare in schrägen Linien geschnitten und die kindlich dicken Backen gerötet sind und wie das Kind überrascht zum Fotografen aufschaut. Natürlich war das zu einer Zeit, in der man den fertigen und zurückgespulten Film zuerst ins Fachgeschäft bringen musste, eine Woche oder länger wartete, um dann für teures Geld fertig gedruckte Bilder zu erhalten, die dem entsprachen, was man festhalten wollte oder auch nicht und manchmal waren die Fotos schwarz und rötlich und mit einem wasserfesten Stift durchgestrichen und der Lebensbeweis ausgelöscht für alle Zeiten. Dann wurden die besten (und manchmal auch die weniger guten, aber ebenso teuer bezahlten) wertvollen Zeitzeugen auf ein Papier geklebt, mit oder ohne ähnlich kostspielige Fotoecken, und es gab zuweilen einen humorvollen Spruch daneben oder auch nur ein Ort und ein Datum, um den einen (un)bedeutenden Fussabdruck auf dem unendlichen Teppich der Zeit festzuhalten. Jetzt sind die Seiten gelblich und die Schrift leicht verblasst und manchmal fehlt das Bild ganz, wurde herausgerissen für eine Collage oder eine Geburtstagseinladung – schaut nur, wie jung ich einmal war, bevor ich versehentlich älter wurde – und manchmal wurde auch ein Teil des Bildes weggeschnitten. Ein kreisrundes Loch wo einmal ein Kopf war. Spannend.

Tatsächlich. Meine erste Erinnerung ist gar keine. Es ist eine Fotografie, ein festgehaltener Moment, an den ich mich nicht erinnere, der aber stattgefunden hat. Ich fühle nicht wirklich, wie meine Hände kalt sind. Ich weiss es nur, weil sie gerötet sind und im Wasser. Dennoch, wenn man mich fragt, was meine früheste Erinnerung sei, dann sage ich: das.

Franziska Gelzer, Islisberg

2 Gedanken zu „Cherzli 19: Gegen das Vergessen“

  1. Wunder-, wunderschön, Frau Gelzer! Der „(un)bedeutende Fussabdruck auf dem unendlichen Teppich der Zeit“… Ein zugleich trauriges wie tröstliches Bild für wohl alles, was wir tun und sind. Falls Sie das lesen: Darf ich fragen, wie Sie auf diesen Beitrag, und speziell auf dieses Bild, gekommen sind? (Aber nur, wenn Sie möchten.) Freundliche Grüsse, Simone Meier (Joni Mitchell mag ich übrigens sehr. Danke für den Ohrwurm!)

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    1. Liebe Frau Meier, haben Sie vielen Dank für Ihre liebe Rückmeldung, die mich sehr gefreut hat. Ich hatte versucht, diese seit länger anhaltende Zwischenwelt aus Realität, Erinnerung und hoffnungsvoller Zuversicht mit einem Bild zu beschreiben, und dabei fühlte sich das „Unendliche“ richtig an. Was wir aktuell erleben, ist für uns lebensverändernd und zentral – und doch auch „nur“ ein winziger Augenblick im Unendlichen. Und unser Mikrokosmos verschwindend klein; für uns aber das Wichtigste überhaupt. Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben ganz schöne Weihnachtstage. Beste Grüsse, Franziska Gelzer.

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