Cherzli 20: Staunen im Jetzt

Nur noch vier Tage bis Heiligabend. Die meisten Türchen am Adventskalender stehen offen. Bald hat das Warten ein Ende. Erinnern Sie sich noch an die Adventskalender ihrer Kindheit, die Ihnen damals die unendlich lange Zeit vom 1. Dezember bis Weihnachten überbrücken halfen?

Mir ist einer davon in intensiver Erinnerung geblieben. Er kam in mein Leben als Zusatzhülle um eine Ovomaltine-Dose. Man konnte ihn auf dem Tisch oder dem Fenstersims aufstellen und in seinem inneren eine Kerze anzünden. So leuchteten die Bilder der geöffneten Fensterchen bunt und warm bis in mein Kinderherz. Ich muss zugeben: An die Bilder erinnere ich mich leider heute, mehr als fünfzig Jahre später, nicht mehr. Die Ovo-Werbung trifft offensichtlich voll zu: ich erinnere mich dank Ovo nicht besser, dafür aber länger an diesen Kalender als an alle anderen.

Woran ich mich allerdings noch gut erinnern kann, sind die Gefühle, welche das Öffnen von Türchen am Adventskalender begleiteten. Dieses ungeduldige Kribbeln, vor allem am Anfang bei den ersten zwei, drei Türchen. Dieses warme Leuchten bei besagtem Ovo-Kalender. Wie sich dann allerdings das Kribbeln über die Tage in eine gewisse Routine wandelte und irgendwann zwischen dem 15. und dem 20. Dezember zu einer Mischung von Ungeduld und Gleichgültigkeit auswuchs. Wie ich mit der Zeit kaum noch wahrnahm, was sich hinter dem Türchen für ein Bild auftat, sondern nur noch ungeduldig auf das immer noch verschlossene grösste Türchen schielte. Es kann gut sein, dass ich sogar vergass, das Türchen vom 18. oder 19. Dezember zu öffnen. Und dann: Heiligabend, das vierundzwanzigste Türchen, das grösste und schönste Bild dahinter, der Tag war gekommen, das Warten hatte ein Ende.

Heute, im Rückblick, finde ich spannend, was der Adventskalender mit mir machte. Die ersten Türchen, die ersten Bilder dahinter holten mich ganz in den Moment. Sie liessen mich in kindlichem Staunen versinken, sie riefen Gefühle hervor, an die ich mich bis heute erinnern kann. Da aber, wo das Öffnen der Türchen zur Routine oder zur Ungeduld wurde, da passierte gerade das Gegenteil: Ich war nicht mehr staunend im Moment versunken, sondern lernte, dass es eigentlich nicht um das Hier und Jetzt geht, sondern um das, was kommt: nämlich um Heiligabend und Weihnachten. Das ist der Charakter der Adventszeit: Es ist die Zeit, die uns auf das Kommende vorbereitet; darauf, dass Gott als Mensch geboren wird und unter uns lebt.

Irgendwie beschäftigt mich das bis heute: Ist es nicht so, dass da, wo Menschen ganz im Hier und Jetzt sind, selbstvergessen und im Staunen versunken, ist es nicht so, dass genau da die Möglichkeit besteht, Gott im Hier und Jetzt zu erfahren? Das Gefühl, das mich vor mehr als fünfzig Jahren beim Öffnen der ersten zwei, drei Türchen am Adventskalender befiel, wird mir immer wichtiger. Klar: wir leben grundsätzlich in der Adventszeit. Es wird noch lange dauern, bis Gott wirklich als Mensch unter uns lebt. Aber für sein «Menschsein» sucht sich Gott staunende Menschenherzen im Hier und Jetzt. Menschenherzen, die vergessen, was gestern war und sich nicht sorgen über das, was morgen ist. Menschenherzen, die mit der Möglichkeit rechnen, dass Gott durch sie Mensch werden kann.

Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau

Ein Gedanke zu “Cherzli 20: Staunen im Jetzt”

  1. Danke für diesen tollen Beitrag, sehr geehrter Herr Weber-Berg! Ich versuche also, geduldig und „ganz im Jetzt“ zu sein. Das könnte uns sowieso nicht schaden, auch jenseits von Advent und Weihnachten. Freundliche Grüsse, Simone Meier

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